Absturz von MH17 über Ukraine US-Geheimdienste gehen von Abschuss der Maschine aus

298 Menschen waren an Bord von Flug MH17, der über der Ukraine abstürzte. Die US-Geheimdienste sind überzeugt: Das Flugzeug wurde von einer Rakete russischer Bauart abgeschossen. Die USA fordern ein internationales Ermittlungsverfahren.

REUTERS

Von , New York


Die Trümmer des Flugs MH17 liegen über Kilometer verteilt. Dazu: Gepäckstücke, persönliche Gegenstände der Passagiere und Crew - und die Opfer der Flugzeugkatastrophe selbst. Bei dem Absturz des Jets in der Ostukraine waren am Donnerstagabend alle 298 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Über Twitter wurden kurz nach dem Absturz Fotos von versengten Reisepässen der toten Passagiere verbreitet.

Bisher ist nicht komplett klar, was zum Absturz des Fliegers geführt hat. Doch Augenzeugenberichte unterstützen die Theorie, dass es sich um einen Abschuss per Rakete gehandelt haben dürfte. Ein Bauer aus der Region berichtete dem britischen "Guardian" von "mehreren lauten Knallgeräuschen", bevor ihn die Wucht der Detonation beim Aufschlag zu Boden geworfen habe. Zunächst habe er geglaubt, sein Dorf würde bombardiert, so der Ukrainer.

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Flugzeugabsturz in der Ukraine: Das tragische Ende von Flug MH17
"Körper fielen vom Himmel, sie sahen aus wie Lumpen oder Ascheklumpen", berichtete Reporterin Sabrina Tavernise in der "New York Times". "In der Luft hing ein bitterer Geruch."

Noch immer werden die Trümmer vor Ort nach Indizien für die Ursache der Tragödie durchsucht. Doch am Tag nach dem mutmaßlichen Abschuss der Passagiermaschine mehren sich die Rufe nach einem internationalen Ermittlungsverfahren - und nach Konsequenzen. US-Geheimdienstkreisen zufolge wurde die Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart getroffen. Der Uno-Sicherheitsrat wurde für diesen Freitag zu einer Sondersitzung zusammengerufen.

Flug MH17 war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur. An Bord waren 298 Menschen aus mindestens neun Staaten: 15 Crewmitglieder und 283 Passagiere - darunter 173 Niederländer, 27 Australier, 23 Malaysier, 11 Indonesier, 6 Briten, 4 Belgier, 3 Philippiner und ein Kanadier. Auch vier Deutsche kamen der Passagierliste zufolge ums Leben. Berichte, wonach auch 23 US-Bürger unter den Toten waren, bestätigte Washington vorerst nicht.

"Es ist von entscheidender Bedeutung, dass es schnellstmöglich zu einem umfassenden, transparenten und unbeeinträchtigtem Ermittlungsverfahren kommt", erklärte US-Regierungssprecher Josh Earnest in der Nacht. Das Weiße Haus appelliere an Russland, die prorussischen Separatisten und die Ukraine, einen sofortigen Waffenstillstand zu unterstützen, damit die Absturzstelle zugänglich würde und die Leichen geborgen werden könnten.

Appell der USA: Indizien an Absturzstelle nicht verändern

Earnest verwies dabei auf die "besonders relevante" Rolle internationaler Organisationen wie der Uno und der OSZE. Die Indizien vor Ort dürften nicht verändert und beeinträchtigt werden. Ein internationales Vorgehen koordinieren könnte der Uno-Sicherheitsrat, der an diesem Freitag auf Wunsch der Ukraine und Großbritanniens zusammentreten wollte.

Auch der neue britische Außenminister Philip Hammond forderte "Uno-geführte Ermittlungen": "Dies muss von einem internationalen Ermittlungsverfahren geklärt werden." Die Vereinten Nationen hätten dafür die besten Mittel. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach sich für "volle und transparente internationale Ermittlungen" aus.

So einfach dürften die allerdings nicht sein. Im Gegenteil: Die Lage des Absturzortes mitten im ukrainischen Krisengebiet kompliziert die Untersuchungen enorm. Allein die Frage der Souveränität und Zuständigkeit ist umstritten.

US-Geheimdienste: Rakete russischer Bauart hat Absturz verursacht

Auch Stunden nach dem Unglück blieben viele Details noch unklar. Nach Angaben aus US-Geheimdienstkreisen bestanden jedoch keine Zweifel mehr, dass eine Rakete russischer Bauart den Absturz verursacht habe.

Die entscheidenden Hinweise habe ein militärischer Aufklärungssatellit geliefert, berichteten alle großen US-Medien und TV-Sender in der Nacht übereinstimmend. Nun arbeiteten Experten daran, zu analysieren, von wo aus diese Rakete abgeschossen wurde.

Damit blieb die kritischste Frage unbeantwortet: Wer war verantwortlich für den Abschuss? Immer mehr Hinweise wiesen aber auf ukrainische, prorussische Separatisten.

"Wir haben gerade ein Flugzeug abgeschossen"

"Es scheint eine wachsende Erkenntnis zu geben, dass dies russische Widerständler waren", sagte die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton am Donnerstagabend im TV-Sender PBS. "Alle Wege führen in gewissem Maße zu den Russen", sagte auch ein US-Regierungsbeamter dem "Wall Street Journal".

Das ukrainische Außenministerium verbreitete überdies Gesprächsmitschnitte, auf denen angeblich Separatisten zu hören waren, die darüber sprachen, dass sie ein Flugzeug abgeschossen hätten - und dann feststellten, dass es sich dabei um eine Zivilmaschine handelte. "Wir haben gerade ein Flugzeug abgeschossen", hieß es einer Übersetzung aus dem Russischen zufolge in einem Gespräch.

Putin macht Ukraine verantwortlich

Russlands Präsident Wladimir Putin machte die Ukraine verantwortlich, da die Katastrophe "auf ihrem Territorium passiert" sei. Separatisten und die Regierung in Kiew gaben einander die Schuld. Ukraines Präsident Petro Poroschenko sprach von einem "Terrorakt".

"Es sieht aus, als sei es eine furchtbare Tragödie", sagte US-Präsident Barack Obama bei einem Auftritt im US-Bundesstaat Delaware. Während der Weiterreise nach New York, wo er an zwei Parteiveranstaltungen teilnahm, telefonierte er mit Poroschenko, dem malaysischen Ministerpräsidenten Najib Razak und dessen niederländischem Amtskollegen Mark Rutte.

Berichte über Plünderungen an Absturzstelle

Sollten ukrainische Rebellen verantwortlich sein, sagte der republikanische Senator John McCain, "müssen wir auf strenge Weise reagieren". Auch die demokratische Senatorin Dianne Feinstein nannte es "sehr besorglich", dass Russland seine Unterstützung für die Separatisten "eskaliert" habe.

Der Absturzort selbst wurde zunächst nur von wenigen Reportern, Einheimischen und Separatisten erreicht. Unbestätigte Gerüchte von Plünderungen von Wrackteilen machten die Runde. Auch hätten die Rebellen den Flugschreiber der Maschine beschlagnahmt, meldete die russische Agentur Interfax - allein das dürfte die Untersuchungen erschweren.

MH17: Letzte Position der Maschine vor Absturz

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insgesamt 249 Beiträge
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derbadener 18.07.2014
1. Zynisch
"russisch" Bauart ist da in der Region so ziemlich jede Rakete. Zu DDR Zeiten wäre sie vielleicht noch aus Pinow gekommen. Ich hoffe diese Tragödie zieht nicht noch größere Kreise. Die UA braucht zwar keine Raketen gegen die Terroristen aber normalerweise gehören mobile Einheiten zum Schutz großer Verbände immer mit ins Programm. Selbst wenn rauskommt wer das war wird den Angehörigen leider keinen großen Trost schenken.
Pegasuska 18.07.2014
2. Verbrechen
Ich hoffe, dass keine der beiden "Großmächte" diese verabscheuungswürdige Tat als Rechtfertigungsgrund nutzt, um sich direkt in den Konflikt einzuschalten. Das wäre leider auch nicht das erste Mal.
geddup 18.07.2014
3. So grausam es ist,
aber leider nutzt diese Tragödie nur der ukrainischen Regierung. Denn deren Russland-Bashing fand ja immer weniger Rückhalt. Es bleibt also die Frage nach dem Motiv. Weil die Waffen sind in dieser Region doch meist alle gleicher Bauart oder zumindest sind sie leicht zu beschaffen.
MariaDolores 18.07.2014
4. Malaysische Problem ?
Wieder eine Malaysische Maschine, vielleicht wieder ein Passagier mit gefälschten Papieren an Board ? hoffentlich ist der Absturz kein Internes Problem, Erpressung oder ähnliches.
Fregi 18.07.2014
5.
Die Amerikaner werden schon dafür Sorgen, das bei der Auswertung die Erkenntnis herauskommt, das die es die Pro-russischen Separatisten waren. Warum gibt es eigentlich noch Leute die das glauben was der Amerikaner sagt. Die einzige richtige Gefahr für den Weltfrieden ist der Amerikaner, weil er überall seine Nase reinsteckt und auch nur immer da was unternimmt, wo er aus dem Resultat seine Vorteile haben wird.
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