MH17-Untersuchung im Kampfgebiet Frust im Trümmerfeld

Die Kämpfe im Osten der Ukraine werden härter, Kiews Armee setzt zum Sturm auf Donezk an. Internationale Experten führen ihre Suche im Trümmerfeld von MH17 unter schwersten Bedingungen durch. Am Mittwochabend wurde die Bergungsmission ausgesetzt.

Aus Donezk berichtet 

DPA

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Christian Neef, 62, schreibt seit 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.

Das Radisson-Hotel Park Inn im Stadtzentrum von Donezk liegt jetzt im Kriegsgebiet. Die Mitglieder der OSZE-Mission, die dort untergebracht sind, konnten immer wieder Granatwerfer, Maschinengewehr-Feuer und Kalaschnikow-Salven hören. In der Nacht waren zwei ukrainische Kampfflugzeuge im Tiefflug über die Stadt gejagt, sie hatten eine Autowerkstatt, die den Separatisten als Unterschlupf diente, in Trümmer geschossen. Trotz der Kämpfe machten sich die internationalen Beobachter am Mittwoch wieder auf den Weg zur Absturzstelle der malaysischen Boeing 777.

Die Arbeit am Trümmerfeld gut 60 Kilometer östlich von Donezk kommt nur schleppend voran. Das bestätigte der Vize-Missionschef der OSZE in der Ukraine, Alexander Hug, SPIEGEL ONLINE. Der Schweizer hatte am Dienstag mit seinem Team erneut ausländische Experten zur Absturzstelle der malaysischen Maschine gebracht: 45 Niederländer, 28 Australier und zwölf Malaysier. Es war Tag 19 nach dem mutmaßlichen Abschuss der Boeing. Fast drei Wochen sind seit der Katastrophe vergangen, aber die Arbeit an der Unglücksstelle ist nicht gerade leichter geworden.

In unmittelbarer Nähe der Absturzstelle wurde geschossen

Allein die Anfahrt nimmt jetzt etwa zweieinhalb Stunden in Anspruch. "Wir fahren von Donezk nicht Richtung Osten zur Absturzstelle, sondern erst einmal die H20 nach Norden bis Soledar", so Hug. Soledar ist in der Hand der Ukrainer, dort sind die Niederländer, Australier und Malaysier untergebracht. Dann geht es wieder nach Süden durch Niemandsland bis nach Schachtarsk, eine Stadt, in der sich jetzt beide Seiten festgesetzt haben. Und weiter zur Absturzstelle.

Es ist ein Umweg von vielleicht 160 Kilometern, der aus Sicherheitsgründen aber unumgänglich ist. Fünf Stunden Fahrt stehen dann - wie am Dienstag - sechs Stunden Arbeit im Trümmerfeld gegenüber. Am Vortag waren es nur eineinhalb Stunden, dann musste die Suche wegen der Kampfhandlungen abgebrochen werden. Entgegen der Zusicherung beider Seiten wurde in unmittelbarer Nähe geschossen.

Auch am Mittwochabend musste die Mission vorläufig abgebrochen werden. Der Einsatz sei für die rund 100 Kräfte aus den Niederlanden, Australien und Malaysia zu gefährlich geworden, sagte der niederländische Premier Mark Rutte.

Gesucht wird, wann immer es möglich ist, in sechs Abschnitten zwischen den Orten Krasnyj Lutsch, Petropawlowka, Rassypnoje, Moskowskoje und Grabowo. Am Dienstag waren die Experten in fünf Gruppen rund um die Siedlung Petropawlowka im Einsatz, wo sie zuvor aus Sicherheitsgründen nicht arbeiten konnten.

Jedes Fundstück ist mit einem gelben Punkt markiert

Leitfaden für die Suche ist eine Karte, die mit Hilfe von Satellitenaufnahmen zusammengestellt wurde. Hug breitet sie in der Hotel-Lobby aus: Jedes auch nur kleine Fundstück ist mit einem gelben Punkt markiert - es sind Hunderte solcher Punkte, die sich über mehr als ein Dutzend Kilometer verteilen - bis an den Dorfrand von Grabowo, wo die schweren Teile der Maschine liegen: Triebwerke, Fahrwerke, Heckteil und eine der Tragflächen. An manchen Stellen finden sich gehäuft Reste des Flugzeugs, in anderen Teilen der Karte wiederum sind nur einzelne Punkte markiert. Der westliche Teil des Trümmerfeldes befindet sich in der Hand der Ukrainer, der östliche liegt im Rebellengebiet. "Die Experten haben in den letzten Tagen erneut auch Leichenreste gefunden - meist Arme oder Schulterteile. Dazu weitere persönliche Sachen der Passagiere", sagt Hug.

Die ukrainische Armee zieht den Ring um Donezk immer enger

Wie lange die Suche in den Feldern östlich von Schachtarsk fortgesetzt wird, vermag auch Hug nicht zu sagen. Die Rebellen bestünden darauf, dass die Trümmerteile von internationalen Fachleuten abtransportiert werden. "Danach soll nach Auffassung der Separatisten der gesamte Boden des Gebiets dekontaminiert werden." Welchen Sinn es ergeben sollte, in einem Kriegsgebiet großflächig Erdschichten abzutragen, erschließt sich nicht.

Denn rundherum nehmen die Kämpfe an Heftigkeit zu, die ukrainische Armee zieht den Ring um Donezk immer enger. Hug beobachtete auch gestern große Militärkolonnen in dem Gebiet. Die Grenze zu Russland östlich der Absturzstelle von MH17 wird aber weiterhin allein von den Rebellen kontrolliert. Die Ukrainer haben das Gebiet entgegen eigenen lautstarken Versicherungen bislang nicht erobern können. Es bleibt ein potenzielles Einfallstor für Kämpfer und Waffen.

Die Arbeiten an der Absturzstelle könnten sich noch Wochen hinziehen, glaubt Hugs Kollege, OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw. "Doch nehmen wir jeden Tag als den möglichen letzten. Die Kampfhandlungen, das schwierige Gelände mit dem hohen Gras und die unerträgliche Hitze machen uns die Arbeit extrem schwer."



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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Europa! 06.08.2014
1. Vergebliche Liebesmüh, aber danke
Zitat von sysopAPDie Kämpfe im Osten der Ukraine werden härter, Kiews Armee setzt zum Sturm auf Donezk an. Trotzdem führen internationale Experten ihre Suche im Trümmerfeld von MH17 fort - unter schwersten Bedingungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh-17-osze-mission-untersucht-absturzstelle-der-malaysischen-boeing-a-984717.html
Beweise für irgendwas Relevantes werden die Experten ohnehin nicht feststellen können. Es weiß doch sowieso jeder, was da passiert ist: Die Separatisten oder die Russen, die Ukrainer oder die Söldner der Amerikaner haben ein asiatisches Flugzeug voller Europäer abgeschossen. Wer die Finger am Abzug hatte, lässt sich auf dem Trümmerfeld nicht ermitteln. Und jeder glaubt, was er will.
Rot2010 06.08.2014
2. Was sagen die Auswertungen der Flugschreiber?
Hallo England, die Welt wartet auf die Ergebnisse. Kein Wunder dass die Leute sich anfangen ihren eigenen Reim darauf zu machen. Eventuell besteht die Hoffnung der Amis dass die Ergebnisse vor dem Hintergrund eines heissen Konfliktes nicht mehr wichtig sind.
obruni.ningo 06.08.2014
3. Wichtige Mission
Je mehr Zeit das Team am Absturzort verbringen kann um so besser. Die Leute sind eines Tages historische Zeitzeugen.
kakoe 06.08.2014
4. Thema verfehlt, würde ich sagen
Denn wirklich relevant wäre, dass endlich mal die Auswertungen der Blackboxes-Untersuchung veröffentlicht werden bzw. dass thematisiert wird, wieso diesbezüglich Schweigen im Walde herrscht. Immerhin wurde vor bald 14 Tagen angekündigt, dass erste Ergebnisse innerhalb von 24 Stunden zu erwarten seien. Seitdem nichts mehr. Gar nichts. Nur täglich neue Beschuldigungen in Richtung Russland - aber null Beweise. Ein Schelm, der Böses dabei denkt...
humanimal 06.08.2014
5. soweit ich das verfolgt habe...
....wurde ermittelt das 2 ukrainische jets die Maschine beschossen haben...aber wie mein vorredner schon sagte, jeder glaubt was er WILL
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