Ursache für Flugzeugabsturz Erste Spuren führen zu den Separatisten

Wie kam es zum Absturz von Flug MH17? Separatisten und die Regierung in Kiew geben sich gegenseitig die Schuld. Tatsächlich sprechen Indizien dafür, dass prorussische Kräfte verantwortlich sein könnten. Doch die Aufklärung steht erst am Anfang.

REUTERS

Von , Moskau


Als einer der ersten tritt der "Premierminister" der selbsternannten Volksrepublik Donezk vor die Kameras, ein russischer Staatsbürger namens Alexander Borodai. Wenige Stunden zuvor ist in der Ostukraine Flug MH17 von den Radars verschwunden, eine Boeing 777, 298 Menschen an Bord sterben bei dem Absturz, der wahrscheinlich ein Abschuss war.

Separatistenführer Borodai konduliert. "Wir trauern mit allen Angehörigen", sagt er. Dann geht er in die Offensive: Nicht die Kämpfer der Volksrepublik hätten den Passagierjet abgeschossen, sondern Soldaten der Zentralregierung in Kiew. "Das war eine gezielte Provokation", sagt Borodai.

Auf der anderen Seite sind auch die Politiker in der ukrainischen Hauptstadt mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand. Von "russisch gesponsertem Terrorismus" schreibt der Abgeordnete Andriy Schewtschenko bei Twitter, von einer "Kriegserklärung an die ganze Welt". Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko geht ebenfalls von einem Abschuss aus: "Das war kein Unfall, keine Katatastrophe, sondern ein Terrorakt."

Indizien scheinen Kiew recht zu geben: MH17 flog von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Im Internet lässt sich der Flug der Maschine verfolgen, um 17:19 Uhr Moskauer Zeit verschwindet die Maschine vom Radar, die Boeing fliegt da gerade in 10.000 Metern über dem Dorf Rassypnoje.

Separatisten vermelden stolz den Abschuss einer Maschine

Der Ort liegt rund 70 Kilometer östlich von Donezk, nahe der russischen Grenze. In der Gegend toben seit Tagen besonders schwere Kämpfe zwischen ukrainischen Verbänden und den Separatisten. Besonders umkämpft ist das Städtchen Snischnoe, ein Nachbarort von Rassypnoje.

Am Donnerstag gehen über dem Dorf große Trümmerteile der Boeing nieder. Die Welt ahnt noch nichts von der Tragödie um MH17, da meldet das Kreml-treue Webportal "Lifenews" stolz den Abschuss eines Militärflugzeugs: Die Separatisten hätten eine ukrainischen Maschine des Typs AN-26 vom Himmel geholt, "gegen 17:30 Uhr, nahe des Dorfes Rassypnoje".

Wenige Minuten später meldet sich auch der Kommandeur der Separatisten in der Gegend zu Wort. "Bulletins von Igor Strelkow" heißt die Seite auf dem russischen Facebook-Klon VK.com, dort gibt es seit Wochen Frontberichte aus erster Hand, Strelkow hat 130.000 Follower in Russland. Um 17:50 Uhr heißt es im "Bulletin": "Gerade haben wir ein AN-26-Flugzeug abgeschossen", die Trümmer lägen jetzt "irgendwo hinter dem Schacht Progress herum". Und weiter, fast triumphierend: "Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht durch unseren Himmel." Dazu veröffentlichen die Separatisten Videos, sie zeigen Rauch aufsteigen von einem Feld, im Hintergrund hört man Jubel.

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Malaysia Airlines: Flugzeugabsturz in der Ukraine
War es ein Irrläufer?

Es gibt Widersprüche in den Angaben der Separatisten: Mal ist die Rede von einem Abschuss über der Ortschaft Tores, mal von Hrabove, dann wieder von Rassypnoje. Die Dörfer liegen jeweils keine zehn Kilometer voneinander entfernt. Viel spricht dafür, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Abschuss, den die Separatisten melden, und dem Ende von MH17. Beides fällt auch zeitlich zusammen. Möglich, dass die Separatisten die Boeing fälschlicherweise für eine Militärmaschine hielten. Vielleicht haben sie auch wirklich auf eine AN-26 gezielt und ein verirrtes Geschoss traf das Passagierflugzeug.

Feldkommandeur Igor Strelkow hat sicherheitshalber seinen Eintrag im Sozialen Netzwerk VK.com gelöscht. Dort findet sich jetzt eine Erklärung, die Meldung über den Abschuss sei gar nicht von ihm, sondern einfach übernommen worden aus irgendwelchen Foren im Internet. Im Übrigen sei die Maschine gar nicht von einer Luftabwehrrakete getroffen worden, sondern "von einem ukrainischen Jagdflugzeug."

Die russischen Medien übernehmen diese Schilderung. Das Webportal "Lifenews" und das russische Staatsfernsehen berichten über einen ukrainischen Kampfjet, der nahe der Boeing gesichtet worden sei. Im übrigen seien die Separatisten gar nicht in der Lage, eine Boeing zu treffen. Sie fliege zu hoch, die Flugabwehr der "Volksrepublik Donezk" erreiche dagegen nur Ziele in "4000 Metern Höhe", so Premierminister Alexander Borodai.

Haben die Separatisten Abwehr-Batterien?

Noch vor wenigen Wochen hörte sich das freilich anders an. Ende Juni eroberten die Separatisten eine Militärbasis der Ukrainer, einen Stützpunkt mit Kennung A-1402. Dabei fiel ihnen auch ein russisches Raketen-Abwehrsystem "Buk" in die Hände. Es kann Ziele noch in einer Höhe von bis zu 18 Kilometern zerstören. Ebenfalls erbeutet wurde ein mobiles Radarsystem des Typs "Kupol - Kuppel", das Ziele in einem Radius von 160 Kilometern orten kann. Möglicherweise haben die Separatisten aber auch Raketen-Abwehr-Batterien aus Russland erhalten.

Schon am Montag war eine ukrainische AN-26 Maschine über der Ostukraine abgeschossen worden. Am Donnerstag warf die ukrainische Regierung Moskau zudem vor, die russische Luftwaffe habe am Mittwoch einen ukrainischen Kampfjet abgeschossen.

In Moskau kursieren unterdessen Verschwörungstheorien. Sei nicht auch Präsident Wladimir Putin gerade noch auf der Rückreise von seinem Besuch in Brasilien gewesen? Die ukrainische Luftwaffe habe die Maschine des Kreml-Chefs abschießen wollen, aber das Flugzeug verwechselt: MH17 habe bei Warschau den Kurs der Maschine Putins gekreuzt, melden russische Medien.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko tat nach dem Unglück das einzig richtige: Er rief zur Einrichtung einer internationalen Kommission auf, sie soll die Ursache des Endes von MH17 klären. Die Chancen dafür sind freilich schlecht: Die Separatisten haben bereits den Flugschreiber geborgen.

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Seite 1
der_porzer 18.07.2014
1. Abschuss
Jaja, die Separatisten haben nur die Möglichkeit Flugzeuge in 4000 Meter Höhe abzuschießen, die An-26 am Montag flog aber in einer Höhe von 6000 Meter.
räbbi 18.07.2014
2.
Eine Boeing 777 mit einer an-26 verwechselt. Nur vom studieren der Wikipedia-Artikel beider Flugzeuge her erscheint mir das ziemlich unglaubwürdig. Die Boeing fliegt deutlich schneller und höher, hat Triebwerke anstatt Propeller und ist grob 10x so schwer. Da stimmt doch was nicht. Den Unterschied sollte man mit nacktem Auge oder zur Not einem Feldstecher erkennen können. Am Radar sollte auffallen, dass der Vogel in Höhe und mit Geschwindigkeit fliegt, die eine AN-26 nichtmal ansatzweise erreichen kann. Kurz gesagt, da stand entweder ein Volldepp am Abzug, oder die Passagiermaschine wurde mit voller Absicht abgeschossen. Womit wir dann zu cui bono...
quark@mailinator.com 18.07.2014
3. Warten wirs ab ...
Irgendwie tendenziös die Schreibe des Artikels. Mir ist auch nicht klar, wie man einerseits annehmen kann, daß die Separatisten in der Lage sind, die Systeme Buk und Kupol "erfolgreich" zu verwenden, aber andererseits nicht wissen, daß eine AN-26 bei weitem nicht so hoch und so schnell fliegen kann wie das Ziel. Solche Anlagen lassen sich nur von Leuten bedienen, die auch wissen, was sie tun. Und das die "Anna" keine 10km bei 900km/h schafft, weiß´jedes Kind (aus dieser Art Sandkasten). Die ausgesprochene Vermutung, die Separatisten könnten AA-Technik aus Rußland bekommen haben ist doch nun wirklich absurd und an den Haaren herbei gezogen. Warum sollte Rußland ausgerechnet Luftabwehrwaffen für 10km Höhe dorthin schicken ? Mal abgesehen davon, daß die Niederlage der Separatisten schon feststeht. Mal abgesehen davon, daß diese Waffen nicht zu verstecken und nicht zu verwechseln und also auch nicht zu erklären sind ... WOZU SOLLTEN SIE GUT SEIN ??? Schultergestützte Igla o.ä. ... so wie seinerzeit die USA ihre Stinger an die Mudschahedin gegeben haben ... das könnte sinnvoll sein. Auch irgendeine Shilka oder Nachfolger ... OK ... aber strategische Luftabwehrraketen für 10km+ Höhe ... völlig absurd ... also eine Frechheit, das mal so eben zu unterstellen.
Dublin Lad 18.07.2014
4.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWie kam es zum Absturz von Flug MH17? Separatisten und die Regierung in Kiew geben sich gegenseitig die Schuld. Tatsächlich sprechen Indizien dafür, dass prorussische Kräfte verantwortlich sein könnten. Doch die Aufklärung steht erst am Anfang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-absturz-an-der-grenze-ukraine-russland-wer-war-es-a-981666.html
Wieso stehen die Chancen schlecht? Die Daten koennen oeffentlich ausgelesehn, kopiert und von verschiedenen unabhaengigen Instituten ausgewertet werden. Oder koennen die Daten eines Flugschreibers manipuliert werden?
demokroete 18.07.2014
5. Warten auf die Klärung der Absturzursache
Warten wir erstmal auf die Klärung der Absturzursache, dann ist immer noch Zeit für Propaganda, Herr Bidder. Könnte sich um 'collateral damage' handeln, so wie damals Iran-Air-Flug 655, wo man einen A300 für eine F-14 Tomcat hielt.
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