Russische MH17-Manipulationen Moskaus kosmische Aufklärung

Manipulierte Satellitenfotos, obskure Theorien: Russland veröffentlicht immer neue angebliche Beweise dafür, dass die Ukraine den Flug MH17 abschoss. Im Strudel der Spekulationen soll alles untergehen, was die Separatisten belasten könnte.

Trümmerteile von MH17 (am 19. Juli 2014): Moskaus plumpe Manipulationen
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Trümmerteile von MH17 (am 19. Juli 2014): Moskaus plumpe Manipulationen

Von , Moskau


Am 21. Juli 2014 hatte Generalleutnant Andrej Kartapolow den Auftritt seines Lebens: Der Vizechef des russischen Generalstabs trat in Moskau vor die Presse, er trug eine Uniform mit kurzen Ärmeln, es war heiß in der russischen Hauptstadt. Vier Tage zuvor war Flug MH17 über dem Kampfgebiet der Ostukraine abgeschossen worden. Die Lage war danach brenzlig geworden für Moskau: Die von Russland unterstützten Separatisten hatten sich mit dem Abschuss gebrüstet, nahmen diese Schilderung mühsam zurück und schwadronierten von einem Komplott. Die Leichen seien seltsam "blutleer" gewesen und sicher schon seit Tagen tot, behauptete ihr Kommandeur.

Der Kreml schickte deshalb Armee-General Kartapolow vor, mit gleich zwei möglichen Varianten des Hergangs. Seinen Erkenntnissen nach habe sich ein Jagdflugzeug der ukrainischen Luftwaffe der Boeing genähert. Kartapolow sprach von einer Su-25. Eigentlich wird der Kampfjet gebaut zur Bekämpfung von Bodenzielen. "Er kann aber auch eine Höhe von zehn Kilometern erreichen", sagte der Generalleutnant.

Belege für den Abschuss durch eine Luft-Luft-Rakete nannte er nicht. Kartapolow hatte aber Satelliten-Aufnahmen. Sie sollten die Welt überzeugen von Moskaus Variante B: Die Passagiermaschine könnte auch von der ukrainischen Flugabwehr beschossen worden sein. Eine der Aufnahmen zeigt schwere Wolken und nur einen kleinen Ausschnitt Boden.

Die Fotos lassen den Generalleutnant jetzt als Lügner dastehen. Die Aufnahmen wurden nach Erkenntnissen des Untersuchungsteams Bellingcat manipuliert. Die Aufnahmen seien falsch datiert und "durch die Software Adobe Photoshop CS5 digital verändert worden".

So plump die Manipulation jetzt wirkt: Damals entwickelte sie - wie andere russische Ablenkungsmanöver - enorme Wucht: Die entsprechende Meldung des englisch-sprachigen Senders Russia Today wurde fast 40.000 Mal auf Facebook geteilt, über 5000 Mal getwittert.

Grobschlächtig gefälschtes Bild von Google Maps

So verhält es sich mit vielen der Nebelkerzen, die Russland in den vergangenen zehn Monaten gezündet hat. Belege fehlen meist oder entpuppen sich als fingiert. Die Strategie dahinter: Im Strudel der Spekulationen soll alles untergehen, was die von Moskau aufgerüsteten Separatisten oder gar russische Armeeangehörige belasten könnte. Beispiele:

  • Flug MH17 war kaum zerschellt, da meldeten russische Medien, ein angeblich in der Ukraine stationierter spanischer Fluglotse bezeuge den Abschuss durch einen ukrainischen Kampfjet. "Wenn die Behörden in Kiew die Wahrheit sagen wollen: Es wurde registriert, dass zwei Jagdflugzeuge Minuten vorher sehr nahe an der Maschine entlang flogen", twitterte @spainbuca. Der Account war ein Fake. Es gab keinen Spanier bei der ukrainischen Flugsicherung.

  • Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte namentlich nicht genannte Insider. Die wussten angeblich, MH17 sei nur aus Versehen von Ukrainern abgeschossen worden. Das eigentliche Ziel sei die Maschine von Präsident Wladimir Putin gewesen.

  • Große Aufmerksamkeit wird regelmäßig angeblichen Quellen aus Deutschland zuteil. So berichtete die Boulevardzeitung "Moskowski komsomolez" von einer "sensationellen Neuigkeit, die aus einer Richtung kommt, aus der man sie nicht erwartet hätte: aus dem deutschen Bundestag". Deutschland könne belegen, MH17 sei nicht von einer Separatisten-Buk abgeschossen worden, sondern von einer ukrainischen SA-3-Batterie.

    Der Bericht berief sich auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von Abgeordneten der Linken. In dem Dokument ist aber nur die Rede von Awacs-Aufklärern, die Signale einer ukrainischen SA-3 empfing, lange vor dem Abschuss. Der Propaganda-Artikel wurde bis heute allein online von mehr als 630.000 Menschen gelesen.

  • Auch beim Auslandssender Russia Today stehen Beweise aus Deutschland hoch im Kurs. Der Sender präsentierte einen Mann namens Peter Haisenko als Kronzeugen für die These, MH17 sei durch die Bordkanone eines ukrainischen Jets abgeschossen worden.

  • Der staatliche 1. Kanal prahlte mit einer "einzigartigen Aufnahme", geschossen angeblich von einem "westlichen Spionagesatelliten". Das Foto sollte den Angriff eines ukrainischen MiG-Kampfflugzeugs auf MH17 zeigen.

    Einzigartig war vor allem, wie grobschlächtig das Bild gefälscht war. Die Aufnahme stammte von Google Maps. Die Boeing war aus einem im Netz kursierenden Bild kopiert. Russische Blogger nahmen den TV-Bericht auseinander. Der 1. Kanal verbreitet ihn dennoch weiter auf seiner Webseite, bis heute ohne Korrektur.

"Kosmische Aufklärung"

Moskaus bislang letztes Manöver im Kampf um die Deutungshoheit über den Abschuss der Boeing 777 datiert von Anfang Mai. Da veröffentlichte die sonst kreml-kritische Zeitung "Nowaja Gaseta" praktisch unkommentiert einen "Expertenbericht", der angeblich aus der Feder russischer Rüstungsingenieure stammen sollte. Das Dokument hatte offenkundig das Ziel, mit den immer unglaubwürdiger erscheinenden Spekulationen über einen angeblichen Angriff eines anderen Flugzeugs aufzuräumen. Die Analyse weist detailliert nach, dass die Attacke nur von einer Buk-Rakete stammen konnte.

Der Bericht markierte gleichzeitig aber auch die neue Verteidigungslinie, auf die sich Moskau nun zurückziehen wollte: Abgefeuert worden sei die Buk aber von Ukrainern. Um das zu beweisen, stützten sich die Verfasser auf Angaben von Moskaus "kosmischer Aufklärung".

Es waren die gleichen manipulierten Satellitenbilder, die Generalleutnant Kartapolow am 21. Juli in Moskau vorgestellt hatte.

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Update: Professionelle Bild-Forensiker kritisieren die Bellingcat-Analyse als unwissenschaftlich. Sie erlaube keine zuverlässigen Rückschlüsse, ob die Aufnahmen des russischen Verteidigungsministeriums tatsächlich manipuliert wurden. "Das ist eine Fehlinterpretation", sagt der Hamburger Bild-Forensiker Jens Kriese. Bellingcat betreibe "Kaffeesatzleserei". Wie er zu diesem Fazit kommt, lesen Sie hier.

Auch der Betreiber der Plattform FotoForensic.com, auf die sich die Bellingcat-Untersuchung beruft, kritisiert das Verfahren scharf. Auf Twitter schrieb Neal Krawetz, der Fall zeige "wie man eine Analyse nicht machen sollte".

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