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Russischer MH17-Bericht: Es war eine ukrainische Rakete - vielleicht aber auch nicht

Ermittler an der Absturzstelle von MH17 (November 2014): Woher kam die Rakete? Zur Großansicht
REUTERS

Ermittler an der Absturzstelle von MH17 (November 2014): Woher kam die Rakete?

Experten einer russischen Rüstungsfirma präsentieren angebliche Beweise, dass ukrainische Soldaten den MH17-Flug abgeschossen haben. Ganz sicher ist sich aber ausgerechnet der Konzernchef nicht.

Fachleute des russischen Rüstungskonzerns Almas-Antej wollen zu dem Schluss gekommen sein, dass Flug MH17 von einer Buk-Rakete sowjetischer Bauart getroffen wurde. Das teilte der Konzern im Rahmen einer Pressekonferenz in Moskau mit. Abgefeuert hätten sie aber ukrainische Soldaten.

Almas-Antej ist ein staatlicher Waffenhersteller, spezialisiert auf die Produktion von Raketenabwehrsystemen. Beim Abschuss der Maschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine waren am 17. Juli 2014 alle 298 Menschen an Bord ums Leben gekommen.

Auf Fotos des Flugzeugwracks seien Schäden zu erkennen, die eindeutig von Schrapnellteilen einer Buk-Rakete herrührten, so Konzernvertreter Michail Malyschewskij. Er stellte in Moskau eine umfassende ballistische Expertise von Raketeningenieuren des Konzerns vor. Offenkundig handelt es sich dabei um die gleiche Untersuchung, über die Anfang Mai die Zeitung "Nowaja Gaseta" bereits berichtet hatte.

Moskau weist gleichwohl weiter jede Verantwortung für den Abschuss von sich. Der Abschuss sei durch ukrainische Truppen erfolgt. Die Analyse der Schrapnellschäden habe ergeben, dass sie von einer Buk-M1 herrührten, einer älteren Version des Buk-Systems. Man besitze "unwiderlegbare Beweise, dass die ukrainischen Streitkräfte Raketen dieses Typs besitzen", sagte der Vertreter des russischen Rüstungskonzerns.

Russlands Luftabwehr dagegen setze bereits seit Jahren neuere Buk-Bauarten ein. Die Produktion der Buk-M1 wurde Ende der Neunzigerjahre eingestellt. Rüstungsexperten gehen allerdings davon aus, dass Russland noch über erhebliche Altbestände verfügt.

Recherchen des SPIEGEL und des Rechercheverbundes "Correctiv" hatten den Weg eines Buk-M1-Systems aus Russland bis in die Gegend der ostukrainischen Ortschaft Snischnoje nahe Donezk nachgezeichnet. Die Wrackteile der Boeing waren im Juli 2014 nicht weit von dem Ort auf ein Feld gestürzt.

Die russischen Raketenexperten bestreiten jetzt einen Raketenabschuss bei Snischnoje. Man habe das "wahrscheinlichste Abschussgebiet" anhand von Berechnungen bestimmen können, verkündete Rüstungsvertreter Malyschewskij in Moskau. Es handele sich dabei um eine Position deutlich weiter südlich, nahe dem Dorf Saroschenskoje.

"Keine anderen Abschussversionen ausschließen"

Saroschenskoje liegt rechter Hand von der Flugroute von MH17. Die Rakete traf die Maschine aber leicht von links kommend. Das bestätigt auch die russische Analyse. Deshalb seien die linken Cockpitfenster und das linke Triebwerk besonders stark von den Schrapnellen getroffen worden. Laut den russischen Experten müsste die Rakete also die Flugroute gekreuzt haben, ehe sie das Ziel traf.

Almas-Antej ist Russlands größter Raketenproduzent. Der Konzern hat Klage eingereicht gegen die EU, die Firma sieht sich zu Unrecht auf Europas Sanktionsliste. Es gebe "keine Beweise, dass wir an der Destabilisierung der Lage in der Ukraine beteiligt sind", sagt Generaldirektor Jan Nowikow. Die Buk-Präsentation hatte Almas-Antej auch im Lichte dieses Rechtsstreits angekündigt: als "Follow-up" zur eingereichten Klage.

Konzernchef Nowikow selbst blieb in seinen Schlussfolgerungen deutlich zurückhaltender als der Vortragende Malyschewskij. Man wolle "keine anderen Abschussversionen ausschließen", sagte er. Sofern MH17 aber von einer Rakete getroffen worden sei, müsse es eine Buk-M1 gewesen sein.

Bei der Schuldfrage gab sich Nowikow ebenfalls reserviert. Man könne nicht kommentieren, wer genau aus der Gegend um das Dorf Saroschenskoje geschossen habe, ukrainische Soldaten - oder doch die prorussischen Separatisten.

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beb

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