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Putin nach MH17-Abschuss: Moskaus widersprüchliche Signale

Von , Moskau

AFP/ RIA Novosti

Die Bilder der Absturzstelle von MH17 und der Zorn des Westens zeigen auch im Kreml Wirkung. Tief in der Nacht tritt Wladimir Putin vor die Kameras und ruft die Separatisten in der Ukraine zur Vernunft. Lenkt Russlands Präsident ein?

Das Make-up hilft nicht mehr viel, als Wladimir Putin vor die Kamera tritt. Für gewöhnlich wird der Präsident bei Auftritten im russischen Staatsfernsehen in perfektes Licht gerückt. Doch dieses Mal sind die Augen des Kreml-Chefs dunkel umrandet. Es ist weit nach Mitternacht, als Putin sich zu Wort meldet.

Er wolle noch einmal erklären, wie "wir in Russland zu den Geschehnissen in der Ukraine stehen", sagt Putin. Dort herrscht nach dem Abschuss von Flug MH17 am vergangenen Donnerstag Chaos. Die Bilder von der Absturzstelle sind erschreckend: Ohne die Ankunft internationaler Experten abzuwarten, hatten Kämpfer der Separatisten Leichen fortgeschafft, einem Team der OSZE wurde der Zugang zum Unglücksort verwehrt, zwischen den Trümmern sollen sich Plünderer bereichert haben, ein Separatist gab einen Warnschuss in die Luft ab, der Verbleib der Flugschreiber ist unklar.

Nun müsse "alles getan werden, um die Sicherheit internationaler Experten" zu gewährleisten, sagt Putin in der Nacht zum Montag. Niemand dürfe die Tragödie "für eigennützige politische Zwecke instrumentalisieren". Das lässt sich als deutliche Rüge an die Adresse die Separatisten lesen, die das Gebiet kontrollieren.

Es ist ein improvisierter Auftritt, Putin steht in einer Ecke seines Arbeitszimmers in der Residenz Nowo-Ogorjowo, auf dem Schreibtisch ein Telefon. Den ganzen Abend über hat er hier gesessen, Staats- und Regierungschefs haben ihm ins Gewissen geredet: Um 20.40 Uhr Angela Merkel, dann David Cameron, der Niederländer Mark Rutte, um 1.10 Uhr François Hollande. Das Gespräch mit Australiens Premierminister verlief für Putin unangenehm, Tony Abbott regte sich darüber auf, dass die Bergung der Opfer verlaufe wie "Gartenarbeiten".

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MH17-Abschuss: Das Chaos an der Absturzstelle
Es ist Putin nach dem Telefonmarathon anzusehen: Er steht unter Druck. Auch im Kreml ist zu spüren, dass der Abschuss von MH17 einen Wendepunkt in der Krise markieren könnte. Der Zorn des Westens ist enorm, die Geduld mit Moskau geht zu Ende.

Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dafür, dass die Boeing von einer Boden-Luft-Rakete des Typs Buk getroffen wurde. Über solche Systeme verfügen Russland und die Ukraine, die Indizien sprechen allerdings für einen Abschuss durch die Separatisten. Im Westen gibt es daher kaum noch Zweifel, wer der wahre Schuldige ist: Putin. US-Außenminister John Kerry sagte, es sei "ziemlich klar, dass die Rakete von Russland in die Hände der Separatisten gelangte".

In Moskau wächst die Unruhe. Hardliner verlangen vom Präsidenten, den Konfrontationskurs fortzusetzen, Liberale fürchten dagegen den Zusammenbruch der russischen Ökonomie. Bislang stand Putin in dem Konflikt dem ersten Lager näher, sein Vorgehen folgte dem Motto: Einmischen ja, Einmarsch nein. Wann immer Kiews Armee die Oberhand zu gewinnen schien, fuhr Moskau seine Militärhilfe für die Rebellen hoch. Auf Seiten der Rebellen tauchten schwere Waffen auf, Panzer, Raketenwerfer, die Kämpfe wurden von Woche zu Woche heftiger. Gleichzeitig griffen die Europäer nur unwillig zu Sanktionen: Sie sind besorgt um ihre angeschlagene Wirtschaft.

Nach dem Abschuss drängen die Amerikaner die EU, die Sanktionsschraube endlich anzuziehen. Ob die Europäer dazu bereit sind, muss sich am Dienstag beim Treffen der EU-Außenminister erst noch zeigen. Doch allein die vage Aussicht auf Wirtschaftssanktionen schreckt die Oligarchen auf. Viele haben Geschäftsinteressen im Ausland. Sollten harte Sanktionen Russlands Finanzsystem treffen, "kollabiert die Wirtschaft in sechs Monaten", sagt Michail Kasjanow, ein ehemaliger Premierminister. Russlands Wirtschaftselite, so formuliert es der Politologe Igor Bunin, "ist einfach in Panik".

Wird Putin deswegen einlenken? Macht er seinen Einfluss geltend, damit nicht nur der Abschuss aufgeklärt werden kann - sondern auch die russische Unterstützung gestrichen wird, die die Rebellen erst starkgemacht hat?

Der Kreml-Chef habe die richtigen Worte gefunden, sagt Australiens Premier Abbott nach Putins nächtlichem Appell. Aber jetzt müssten Taten folgen, "die so gut sind wie seine Worte". Das Misstrauen ist groß. Moskau hat mehrfach die Schließung der Grenze zu den Separatistengebieten versprochen. Passiert ist nichts.

Tatsächlich sind die Signale auch jetzt widersprüchlich. Denn die Schuld für die Eskalation schiebt Putin weiter der Regierung in Kiew in die Schuhe. Hätte die ukrainische Armee ihre Offensive nicht wieder aufgenommen, die "Tragödie wäre wahrscheinlich nicht geschehen". Auch das Staats-TV feuert wie eh und je gegen die "Junta in Kiew und ihre Sponsoren in Amerika". Zudem bestritt das Verteidigungsministerium am Montag Waffenlieferungen an die Separatisten und behauptete, ein ukrainisches Kampfflugzeug sei zum Zeitpunkt des Absturzes in der Nähe der Malaysia-Airlines-Maschine gewesen.

Die Falken in Russland lassen sich auch von der MH17-Tragödie nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Weil die ukrainische Armee vor inzwischen in den Außenbezirken von Donezk kämpft und die Rebellenhochburg Luhansk ohne große Rücksicht sturmreif schießt, werden die Rufe nach einem Einmarsch in den Donbass lauter. Ein solcher Schritt würde Moskau auf Jahre international isolieren. Aber das stört die Hardliner wenig: Sie hassen den Westen.

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1.
mm71 21.07.2014
Zitat von sysopAFP/ RIA NovostiDie Bilder der Absturzstelle von MH17 und der Zorn des Westens zeigen auch im Kreml Wirkung. Tief in der Nacht tritt Wladimir Putin vor die Kameras und ruft die Separatisten in der Ukraine zur Vernunft. Lenkt Russlands Präsident ein? http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-malaysia-airlines-putin-unter-druck-a-982108.html
An einem Rücktritt Putins dürfte wohl nichts mehr vorbeiführen.
2. Liebe SPON-Redaktion
separator 21.07.2014
Zitat von sysopAFP/ RIA NovostiDie Bilder der Absturzstelle von MH17 und der Zorn des Westens zeigen auch im Kreml Wirkung. Tief in der Nacht tritt Wladimir Putin vor die Kameras und ruft die Separatisten in der Ukraine zur Vernunft. Lenkt Russlands Präsident ein? http://www.spiegel.de/politik/ausland/mh17-malaysia-airlines-putin-unter-druck-a-982108.html
hättet Ihr nur die Pressekonferenz des russichen Verteidigungsministeriums abgewartet dann wäre euch die Peinlichkeit dieses Artikels erspart geblieben. Nun aber dürft ihr zurecht die Häme über euch ergehen lassen.
3.
Immanuel_Goldstein 21.07.2014
Zitat von mm71An einem Rücktritt Putins dürfte wohl nichts mehr vorbeiführen.
Schon mal von Diktatoren gehört, die 300 Menschen auf dem Gewissen haben und deshalb zurück getreten wären? Ich nicht.
4. wo ist der Widerspruch?
rittal 21.07.2014
der Mann sagt seit Tagen dasselbe. Ich habe keine neuen / widersprüchlichen Botschaften entdecken können...
5. isolieren
romaval 21.07.2014
ist der einzig richtige Weg Genauso wie damals die USA die Sowjetuniin bankrott gerüsted hat.
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