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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Russlands Realitätsverlust

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Russlands Präsident Putin: In seiner eigenen Welt

Wer ist verantwortlich für den Abschuss von MH17? Russland ganz sicher nicht, sagt Wladimir Putin. Der Präsident leidet an wahnhaftem Wirklichkeitsverlust - und mit ihm das ganze Land. Dagegen helfen auch keine Sanktionen.

Wladimir Putin lebe in einer anderen Welt, hat Angela Merkel zu Beginn des Ukraine-Konflikts erklärt. Man hat die Kanzlerin so verstanden, als wolle sie sagen, der russische Präsident sei fremden Argumenten nicht mehr zugänglich. Jetzt wissen wir, dass der Satz in einem viel umfassenderen Sinn zu verstehen ist: Putin hat die vertraute Realität durch eine neue ersetzt. Er lebt in einer Welt mit Gesetzen und Wirklichkeitsbezügen, in der nichts von dem wahr ist, was uns wahr erscheint, und in der umgekehrt Dinge Wahrheitsgehalt haben, die anderswo als irreführend oder unsinnig gelten.

In der Welt, in der wir leben, deutet alles darauf hin, dass den Separatisten in der Ostukraine ein schrecklicher Fehler unterlaufen ist. Es gibt Netzeinträge, in denen sich die Freischärler mit dem Abschuss eines Flugzeugs brüsteten, bevor sie entdeckten, was für ein Flugzeug sie da vom Himmel geholt hatten. Man verfügt über Hinweise, dass eine Rakete, abgefeuert von einem russischen Flugabwehrsystem, die Boeing 777 in 10.000 Meter Höhe traf. Man sieht auf dem Feld bei Hrabowe schwer bewaffnete Männer, die in der Hand eine Zigarette halten, während sie mit einem Stofftier posieren, und die die internationalen Helfer, die an die Absturzstelle geeilt sind, mit Schüssen aus ihren Gewehren herumkommandieren.

Aber das ist nicht die Wirklichkeit, die Putin und mit ihm das russische Volk sehen. In Putins Welt sind die betrunkenen Gorillas, die sich zwischen Kinderleichen so aufführen, als seien sie auf einer Kirmes, ukrainische Freiheitskämpfer, die sich dem Marionettenregime in Kiew unter Einsatz ihres Lebens entgegenstellen. In dieser Welt ist der Abschuss von Flug MH17 eine Tragödie, für die ausschließlich der Westen verantwortlich ist, der den Anschlag nutzt, um die Sache der Separatisten zu diskreditieren.

Man weiß aus der Psychopathologie, welche Folgen die Wirklichkeitsverzerrung für den Einzelnen hat. An die Stelle des herkömmlichen Erklärungssystems tritt ein alternatives Deutungsmodell, dessen innere Logik auch durch Gegenargumente nicht erschüttert werden kann. Was die anderen als Realität ausgeben, erscheint als ein raffiniertes Trugbild, das nur deshalb als wahr gilt, weil einflussreiche Mächte die Menschen daran hindern, die Wirklichkeit zu sehen. Jetzt müssen wir erkennen, dass Wahnsysteme nicht nur Personen, sondern ganze Gesellschaften erfassen können.

Bestrafung als Ansporn

An Theorien, wie es wirklich war, herrscht kein Mangel. Von dem Rebellenführer Igor Girkin, den die russische Wochenzeitung "Sawtra" auf ihrem aktuellen Titel gerade als "russischen Krieger, Ritter und tadellosen Helden" besungen hat, kommt der Verdacht, das Flugzeug könnte von vornherein mit Toten besetzt gewesen sein. Die Leichen am Unglücksort hätten "blutleer" gewirkt und von Anfang an nach Verwesung gerochen. Dazu passt die Erklärung der Regierung in Moskau, zur Zeit der Katastrophe habe ein "kosmischer Apparat der USA das Gebiet überflogen".

Der Westen müsse endlich Ernst machen, heißt es jetzt in den Kommentarspalten. Doch was heißt das? Die Androhung von Sanktionen setzt voraus, dass derjenige, gegen den sie sich richten, diese vermeiden will, weil er sie fürchtet. Doch was, wenn der zu Bestrafende die Bestrafung als Ansporn empfindet, auf dem Weg weiterzugehen, den er eingeschlagen hat? Wie man aus dem Handbuch der Psychiatrie weiß, ist es für Außenstehende aussichtslos, einen Betroffenen mit logischen Argumenten von seinen wahnhaften Überzeugungen abzubringen. Gegenbeweise werden entweder ignoriert oder in den Wahn eingefügt. Das lässt sich auf die Rationalität von Sanktionen übertragen. Wenn sich der Realitätsbezug verschoben hat, verlieren ökonomische Kategorien ebenfalls ihre Bedeutung.

Was die Verantwortung Russlands angeht, hat Stefan Kornelius in der "Süddeutschen Zeitung" heute alles gesagt: "Die Separatisten sind von der russischen Regierung nicht zu trennen. Ihre Kommandeure sind im russischen Sicherheitsmilieu verwurzelt, ihre Waffen stammen aus russischen Arsenalen, ihre Telefonate gehen nach Russland, die Raketenwerfer vom Typ SA-11 fahren dorthin zurück." Die entscheidende Frage ist, ob Putin diese Realität anerkennt und rational agiert - oder ob er längst in einer anderen Realität gefangen ist.

Wenn wir Pech haben, müssen wir Hilfe in der klinischen Psychologie suchen statt in der Diplomatie. Dem in seinem Wahn verstrickten Menschen verordnet der Arzt Medikamente, um ihm in die Wirklichkeit zurückzuhelfen. Aber wie befreit man einen Staat von seinen Zwangsideen?

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 248 Beiträge
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1. Guter Beitrag
charlie1111 22.07.2014
Sehr guter Beitrag, viele Beiträge die hier zu folgen werden, werden erschreckend an das im Kommentar beschriebene erinnern.
2. Interessant ...
reever_de 22.07.2014
"Der Präsident leidet an wahnhaftem Wirklichkeitsverlust - und mit ihm das ganze Land." - steht jetzt schon eine ganze Nation am Pranger? Wird bei SPON nun schon statt Sippen- und Gruppenhaft sogar schon ein ganzes Land in die Schuld genommen? Eigentlich sollten wir Deutschen uns damit am besten auskennen - und wissen, wie ungerecht ein derartiges Verhalten ist! Herr Fleischhauer, setzen, sechs!
3. Witz komm raus
anders_denker 22.07.2014
Einer mit Realitätsverlust unterstellt dem anderen Realitätsverlusst.
4. Sehr treffend
widower+2 22.07.2014
Erschreckend ist, dass ein solch völlig merkbefreiter Diktator über ein so großes Waffenarsenal verfügt.
5. Herr Fleischhauer
hastdunichtgesehen 22.07.2014
hat auch so seine eigene Wirklichkeit und erweist sich wieder einmal als prima Demagoge. Sein selbstgewählter Titel passt auch vollkommen treffend "Der schwarze Kanal". K.-E. Schnitzler wäre stolz auf ihn gewesen.
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Jan Fleischhauer

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