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Abschuss über der Ukraine: Wie Russlands Medien den MH17-Bericht verdrehen

Eine Analyse von , Moskau

Abschlussbericht: Die MH17-Trümmer Fotos
Getty Images

Der Bericht der niederländischen Ermittler ist eindeutig: MH17 wurde von einer Buk-Rakete abgeschossen. In russischen Medien erfährt man das nicht - oder sehr verfremdet. Die absurdesten Auswüchse der Kreml-Propaganda.

Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, ist ein wohlerzogener Mann. Als die Meldungen von der Pressekonferenz auf dem niederländischen Luftwaffenstützpunkt Gilze-Rijen am Dienstag kamen, reagierte er durchaus angemessen: Den Bericht müsse man sorgfältig studieren, erst dann sei eine Kommentierung möglich.

So sollte es auch sein, denn es ist ein Bericht, der ebenso angemessen formuliert worden ist. Als einen der Hauptgründe für die Katastrophe nennt er die Tatsache, dass die Ukraine damals ihren Luftraum nicht geschlossen hat - und das, obwohl es erkennbar Risiken für die zivile Luftfahrt gab. Von diesem Vorwurf wird sich die Ukraine nicht mehr reinwaschen können.

Die Kernaussage aber ist: Flug MH17 wurde von einer Buk-Rakete des Typs 9M314M abgeschossen - siehe Video:

Onderzoeksraad voor Veiligheid
Dass dies die Hauptbotschaft des niederländischen Berichts sein würde, wusste man in Moskau, denn man hatte das Papier schon Tage zuvor erhalten. Entsprechend konnte man sich vorbereiten. Und das tat man - vor allem mit einer Pressekonferenz des Buk-Raketenherstellers Almas Antej, die wenige Stunden vor der niederländischen Präsentation stattfand. Die wichtigste Behauptung dort: "Wenn es eine Buk war, dann eindeutig eine 9M38" - ein Modell, das bereits 2011 von den russischen Streitkräften ausgemustert worden sei. Demnach könnten nur Ukrainer die Rakete abgefeuert haben. Belastbare Beweise: keine.

Die Pressekonferenz war vor allem aus einem Grund wichtig: Die Kreml-nahen Medien sollten nicht über die Erkenntnisse der Niederländer berichten, sondern vor allem über die Behauptungen des staatlichen russischen Rüstungskonzerns. Und so geschah es auch. Wer trotzdem den Bericht der holländischen Kommission erwähnte, der tat es in herablassendem Ton, mit Beleidigungen, mit Häme und Hass.

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Abschuss von MH17: Die zweifelhaften Argumente des Buk-Herstellers
Die Moskauer "Iswestija" war besonders dreist. Das Hauptereignis - die Pressekonferenz der Niederländer - erwähnte sie erst gar nicht, aber sehr wohl und sehr ausführlich die Pressekonferenz des Konzerns Almas Antej. Überschrift: "Almas Antej hat das Geheimnis des Absturzes der malaysischen Boeing enthüllt". Immerhin findet sich im hinteren Teil ein Kommentar, in dem es um die Niederlande geht, ohne dass man so recht weiß, was der Anlass dazu ist. In ihm steht, dass die Holländer ein besonders verschlagenes Volk seien und die Niederlande ein Land, "das die Wirklichkeit entstellt, bis sie ihm passt". Der frühere Nationalbolschewist Eduard Limonow durfte dazu eigene Erfahrungen ausbreiten.

Auch die Leser des Massenblattes "Komsomolskaja prawda" werden künftig wohl auf Reisen nach Holland verzichten. "Die Holländer züchten gute Blumen, Flugschreiber entziffern aber können sie nicht", wird ein "Verdienter Pilot der UdSSR" zitiert. "Sie fabrizieren Beweise, um die wahren Schuldigen zu decken", schrieb ein anderer "Spezialist". Und ein Fachmann des Moskauer Instituts für Luftsicherheit ergänzte: "Eine Untersuchung, die Ausländer durchführen, kann nie ehrlich sein."

Mit den Fakten hält es die Kreml-nahe Presse sowieso nicht sehr genau. Nur drei Beispiele:

  • Laut Rüstungskonzern Almas Antej soll die Buk-Rakete von ukrainischen Soldaten aus dem Ort Saroschtschenkoje abgefeuert worden sein. Eduard Bassurin, ein hoher Kommandeur des Verteidigungsministeriums der "Donezker Volksrepublik", hatte im Juni dieses Jahres erklärt: Ja, der Ort sei von Ukrainern besetzt gewesen. Auf Einsatzkarten vom 17. Juni 2014 ist dieser Punkt aber als "von Separatisten kontrolliert" eingezeichnet. Der Vertreter des Konzerns Almas Antej zog sich am Dienstag mit dem Hinweis aus der Affäre: "Da waren die einen wie auch die anderen. Dieses Thema kommentieren wir nicht." Die Zeitungen hinterfragen diese merkwürdige Aussage nicht.
  • Dass das russische Ermittlungskomitee, die höchste staatsanwaltschaftliche Institution des Landes, stets darauf bestanden hatte, die Boeing sei nicht von einer Rakete, sondern von einem ukrainischen Kampfflugzeug abgeschossen worden - was der niederländische Bericht nun eindeutig widerlegt -, wird in den russischen Zeitungen sicherheitshalber verschwiegen. Das Komitee selbst ist abgetaucht.
  • Dafür behaupten Zeitungen wie das Regierungsblatt "Rossiskaja gaseta", die Niederlande hätten russische Informationen zur Katastrophe hartnäckig ignoriert - was beweise, dass sie im "politischen Auftrag" gehandelt hätten. Auch dies entspricht nicht den Tatsachen. Wer in den Bericht der Untersuchungskommission schaut, der sieht: Selbst die Thesen des Rüstungskonzerns Almas Antej fanden Berücksichtigung. Nur kamen die Niederländer zu anderen Schlussfolgerungen.
  • Besonders eigenwillig berichtet allerdings die "Komsomolskaja prawda". Sie schreibt, der Bericht der Niederländer entspreche nicht den Erwartungen im Westen - denn in ihm würden weder Russland noch die Donezker "Volkswehr" als Schuldige benannt. Und macht daraus die Schlagzeile: "Die Holländer behaupten nicht mehr, die 'Separatisten' hätten geschossen". Die Wahrheit ist: Die niederländische Kommission hielt sich mit Schuldzuweisungen zurück, weil die nicht in ihrem Auftrag lagen. Sie legte aber sehr wohl den Verdacht nahe, die Schuldigen seien bei den Separatisten zu suchen.

Das nahm die "Komsomolskaja prawda" nicht zur Kenntnis. Und so konnte sie heute getrost "Entschuldigungen von den westlichen Medien für ihre Lügengeschichten" verlangen - und Entschädigungszahlungen an Russland für die erlittenen Sanktionen.

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Christian Neef schreibt seit über 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.

E-Mail: Christian_Neef@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wirklich?
Fred Widmer 14.10.2015
Also ich habe mich getraut "beim bösen Feind" nachzusehen: RT.com zitiert den Raketenhersteller (https://www.rt.com/news/318653-buk-manufacturer-outdated-warhead/): "could not have been caused by a [b]modern[/b} Russian BUK missile," um dann auszuführen, daß das Muster auf einen alten BUK-Sprengkopf hinweist. Dummerweise hat nur die Ukraine alte BUKs im Betrieb, das ist es, was *unsere* Strategen jetzt beunruhigt. Und ja, wenn die das festgestellt haben, warum soll man das nicht sagen?
2. Auf dem Rücken der Opfer
schwarzeliste 14.10.2015
Die russische Kampfpresse kocht ihr Süppchen auf dem Rücken der Opfer. Primitiv und geschmacklos, aber das ist ja nichts Neues
3. Im Osten nichts neues...
maniac_2k 14.10.2015
Russlands Propaganda-Maschinerie läuft an, wenn die Wirklichkeit mal wieder ein bisschen zurechtgedreht werden muss. Jetzt noch die Zweifler und Kritiker mit Scheinprozessen der stramm kremltreuen russischen Lynchjustiz überziehen - und schon zeigt sich Russland von seiner allseits bekannten Seite. Im Osten nichts neues...
4. Ja, wir wissen es schon:
_alexander_ 14.10.2015
Russland böse, Putin böse. In Russland wird jeden Tag nur Propaganda ausgestrahlt. Ein Glück, dass wir im Westen leben, wo die Medien nichts verzerren, nichts verdrehen, weil immer objektiv und neutral.
5. Putins Lügen!
Ateles 14.10.2015
Mittlerweile belegen selbst die Berichte der OSZE eine Präsenz von schweren Raketensystemen der russischen Streitkräfte nahe Luhansk. http://www.osce.org/ukraine-smm/daily-updates Moskau kann seine Intervention in der Ukraine nicht länger vertuschen. Die Lügen des Kreml und seiner nationalistischen Sprachrohre wird nicht darüber hinweg täuschen können, dass letztlich Russland den Abschuss von MH-17 zu verantworten hat.
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