Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen Der "Pitbull" packt aus

Er war einer der engsten Vertrauten Donald Trumps. Doch jetzt droht Ex-Anwalt Michael Cohen auszupacken - über Geliebte, über Geld, über Russland. Schon überschlagen sich die Enthüllungen. Der Überblick.

Michael Cohen
AFP

Michael Cohen

Von und , Washington und New York


Wie schnell man aus Donald Trumps Gunst fallen kann, haben schon viele erlebt. Doch keiner fiel so schnell wie Michael Cohen, sein langjähriger Privatanwalt und "Pitbull", der mutmaßlichen Geliebten Schweigegeld zahlte und bereit war, sich für seinen Chef zu opfern - doch nun in den Schwitzkasten der Justiz geraten ist.

Noch im Mai nannte Trumps neuer Pitbull Rudy Giuliani seinen Vorgänger Cohen einen "ehrlichen, ehrenhaften Anwalt". Kaum drei Monate später schlägt Giuliani einen spürbar anderen Ton an: "Er hat sein Leben lang gelogen", beschimpfte er Cohen diese Woche auf CNN. "Er ist von Natur aus ein pathologischer Lügner."

Trump selbst trat auf Twitter nach: "Sieht mir so aus, als würde da jemand Geschichten erfinden, um sich aus einer anderen Klemme zu befreien", schrieb er am Freitag - ohne Cohens Namen zu nennen, was wohl seine Vorstellung einer schlimmsten Strafe ist.

Die Attacken kommen nicht von ungefähr. Cohen ist für Trump zur ernsten politischen und juristischen Gefahr geworden - fast mehr noch als der Russland-Sonderermittler Robert Mueller. Die New Yorker Staatsanwaltschaft hat Cohen unter anderem wegen Betrugs am Wickel, und nun scheint er immer mehr dazu bereit, gegen den US-Präsidenten auszusagen, im Gegenzug für Strafmilderung.

Das deutet sich schon länger an, doch die Lage spitzt sich inzwischen rasant zu. Fast täglich sickern neue, immer heiklere Enthüllungen durch - lanciert von Cohens Team oder womöglich auch, als Störmanöver, vom Weißen Haus selbst.

Die Sache mit dem Treffen im Trump Tower

Trump Tower in Manhattan
DPA

Trump Tower in Manhattan

Vor allem diese jüngste Enthüllung hat es in sich. Es geht um den Kern der Russlandaffäre - eine mögliche Zusammenarbeit und Koordination von Trump und seinen Leuten mit russischen Agenten und Hackern im Wahlkampf 2016.

Im Mittelpunkt steht ein inzwischen berühmt-berüchtigtes Treffen des Trump-Teams mit einer Gruppe Russen im Juni 2016 im Trump Tower, bei dem die Gäste - darunter eine kremlnahe Anwältin - brisantes Material über Trumps Rivalin Hillary Clinton offeriert hätten. Trump dementiert, davon vorher gewusst zu haben. Mehrere US-Medien berichten nun aber, Cohen sei offenbar bereit auszusagen, dass Trump sehr wohl vorab darüber informiert gewesen sei.

Eingefädelt hatte das Treffen Trumps Sohn, Donald Trump junior. Auch er hatte vor dem US-Senat unter Eid ausgesagt, sein Vater sei vorab nicht informiert gewesen - eine Sprachregelung, die in einer offiziellen Erklärung des Weißen Hauses wiederholt wurde.

Nun behauptet Cohen aber genau das Gegenteil. Sollte das stimmen und auch durch Zeugen bestätigt werden, hätte Trump junior ein Problem: Er hätte sich des Meineids schuldig gemacht. Auch der Präsident wäre der Lüge überführt - und seine beharrlichen Behauptungen, es habe ganz sicher keine Zusammenarbeit mit den Russen gegeben, würden unglaubwürdig. Alle Versuche, das nachträglich zu verschleiern, etwa durch Erklärungen oder Tweets, könnten als Justizbehinderung gelten - ein schweres Vergehen, das bei Bill Clinton zum Amtsenthebungsverfahren geführt hatte.

Trotzdem twitterte Trump am Freitag: "Ich wusste NICHT von dem Treffen mit meinem Sohn."

Die Sache mit den Tonaufnahmen

Karen McDougal
imago

Karen McDougal

Cohen hatte die Angewohnheit, seine Gespräche mit anderen aufzuzeichnen. Viele Mitschnitte - angeblich mehr als 100 - sind nun im Besitz der Staatsanwaltschaft.

Einer davon, den Cohens Team jetzt CNN zur Verfügung stellte, enthält ein Gespräch zwischen dem Anwalt und Trump aus dem Wahlkampf 2016 und legt nahe, dass Trump in mindestens einem anderen, brisanten Fall getrickst und getäuscht haben könnte.

Diesmal geht es um eine indirekte Schweigegeldzahlung an das Playboy-Model Karen McDougal, die 2006 mit Trump eine Affäre gehabt haben will. Auf der von Cohen im September 2016 heimlich angefertigten Aufnahme ist zu hören, wie Trump und Cohen eine Zahlung in der Sache über 150.000 Dollar besprechen.

Auch hier hatte Trump verbreiten lassen, dass er von der Sache nichts gewusst habe. Die mutmaßliche Affäre mit McDougal dementierte er ebenfalls sofort, als das "Wall Street Journal" sie kurz vor der Wahl enthüllte. Nun hört man aber auf dem Mitschnitt sogar, wie er Cohen fragt, ob die Zahlung in diesem Fall in bar erfolgen solle - über den Verlag des Klatschblatts "National Enquirer", das McDougal die Rechte an ihrer Story abgekauft hatte, um sie im Auftrag Trumps zum Schweigen zu bringen.

All das erschüttert Trumps Glaubwürdigkeit erneut - und untermauert außerdem den Verdacht einer illegalen Wahlkampfzahlung.

Vor allem fragt sich, ob Cohen weitere Gespräche mit Trump aufgezeichnet hat - und ob es andere Schweigegeldzahlungen gab. Michael Avenatti, der Anwalt der Pornodarstellerin und mutmaßlichen Trump-Geliebten Stormy Daniels, sagte jetzt, er vertrete noch drei weitere Frauen, die mit Trump Affären gehabt hätten.

Die Sache mit Weisselberg

Rudy Giuliani und Donald Trump
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Rudy Giuliani und Donald Trump

Der Audiomitschnitt, auf dem Trump und Cohen über die McDougal-Affäre reden, offenbart noch einen anderen, bisher weithin unbekannten Namen: Allen Weisselberg. Weisselberg, 70, ist der altgediente Finanzchef der Trump Organization - und ein noch viel größerer Fisch als Cohen. Er arbeitete schon für Trumps Vater Fred.

Von Amts wegen muss Weisselberg auch über Schweigegelder Bescheid gewusst haben - und über potenzielle Verstrickungen Trumps mit dubiosen Geldquellen, etwa in Russland. Nach Recherchen des investigativen Journalisten Seth Hettena hatte Trump schon in den Achtzigerjahren Kontakte zur russischen Mafia: Die Justiz habe vermutet, dass seine Luxusimmobilien auch der Geldwäsche dienten.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft, die Cohens Finanzen untersucht, Weisselberg als Zeuge vorgeladen habe. Er müsste dann unter Eid über Cohens - und indirekt Trumps - Geldgeber aussagen. So könnte er seinerseits ins Fadenkreuz der Justiz geraten - und unter Druck. Für Trump, der das reale Ausmaß seines Vermögen und dessen Quellen bisher auffallend geheimhielt, wäre das verheerend.

Die Sache mit der Loyalität

Michael Cohen
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Michael Cohen

Cohens Loyalität gegenüber Trump scheint endgültig vorbei zu sein: Er fühle sich nicht länger dem Präsidenten verpflichtet, so ließ er verbreiten, sondern seiner Familie und der Nation.

Sollte er gegen Trump aussagen, würde er nicht nur über Geliebte und Schweigegelder plaudern, sondern sicher auch über Russland. So taucht Cohen ja auch als Akteur in dem berüchtigten "Steele-Dossier" auf, in dem unter anderem behauptet wurde, dass Trump von Russland wegen seiner sexuellen Eskapaden erpresst werde.

Doch wie glaubwürdig ist Cohen? Keiner der Beteiligten - Trump, Cohen, Giuliani - ist als flammender Freund der Wahrheit bekannt. Am Ende dürften die Gerichte das entscheiden, im Fall Trumps aber mehr noch die öffentliche Meinung: Selbst wenn sich eine Connection zu Russland nachweisen ließe, dürfte ihm die Mehrheit seiner Basis auch weiter treu die Stange halten. Doch wird das reichen?

insgesamt 256 Beiträge
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Seite 1
jufo 28.07.2018
1. Was steckt hinter den Kontakten zur russ Mafia?
Was steckt hinter den im Artikel angedeuteten Kontakten zur russischen Mafia und wurden Trumps Immobilien tatsächlich überwiegend mit russischem Geld finanziert?
issodu 28.07.2018
2. Truump wird doch nimmer enthoben
Was wurde nicht schon alles an Ungereimheiten oder Verwicklungen und Geheimnissen offenbart. Dennoch scheint es an ihm abzuperlen wie Teflon. Wie soll jemand, der sich aus allem herauswindet, gepackt werden?
M.Kno. 28.07.2018
3. Sonderermittler Mueller macht einen tollen Job.
Schritt für Schritt nähert sich der sehr erfahrene Ermittler Mueller der Wahrheit. Da helfen auch keine Tweets des Zorns und Hasses oder ein Staranwalt. Die Wahrheit kommt ans Licht und das macht America great again. Wir sollten USA niemals abschreiben, sondern lernen wie Gewaltenteilung funktioniert. Trump wird irgendwann als Negativbeispiel auf dem Müllhaufen der Geschichte landen und uns wiederholt zeigen, wie Populismus funktioniert: Ablenken von wahren Problemen (soziale Fragen) durch Schuld bei Zuwanderern, Ausländern, und Andersdenkenden.
omanolika 28.07.2018
4. Man kann...
sich ja nur bei einer Sache sicher sein: Donald Trumps Gewissen ist völlig rein, und der ehemals doch geliebte Pitbull, ist jetzt schon die weltweit größte Null, weshalb Donald Trump bald "laut töst", aber nur bis Mr. Cohen wird wieder abgelöst ;D
prince62 28.07.2018
5. Über seinen Mandanten darf und kann ein Anwalt in den USA nix sagen
Na nicht gleich so reißerisch SPON, in den USA unterliegt das Vertrauensverhältnis eines Anwalts zu seinem Mandanten allerhöchsten Schutz und deshalb kann Mr. Cohen auch nichts auspacken, was als Anwalt seines Mandanten in dessen Auftrag oder Namen "verbrochen" hat, das unterliegt alles der anwaltlichen Schweigepflicht, sonst ist der Anwalt Mr. Cohen ganz schnell ein Ex-Anwalt Mr. Cohen.
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