Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gericht in Russland: Internationaler Haftbefehl gegen Chodorkowski erlassen

Ex-Ölmagnat Chodorkowski: Oft in London, wohnhaft in der Schweiz Zur Großansicht
DPA

Ex-Ölmagnat Chodorkowski: Oft in London, wohnhaft in der Schweiz

Der Vorwurf lautet auf Auftrag zum Mord: Ein russisches Gericht hat internationalen Haftbefehl gegen Regierungskritiker Michail Chodorkowski erlassen. Der frühere Ölmagnat zeigt sich unbeeindruckt von den "Vampiren im Kreml".

Erst am Dienstag waren Razzien bei der von ihm gegründeten Stiftung Open Russia bekannt geworden - nun hat die russische Justiz den früheren Oligarchen Michail Chodorkowski international zur Fahndung ausgeschrieben. Ein Gericht erließ zudem einen Haftbefehl gegen den in der Schweiz lebenden Chodorkowski, teilte das einflussreiche Ermittlungskomitee in Moskau mit.

Die Ermittler werfen Chodorkowski vor, 1998 den Mord an dem Bürgermeister der sibirischen Stadt Neftejugansk in Auftrag gegeben zu haben. Erst Anfang Dezember hatte die Justiz deswegen ein Verfahren gegen Chodorkowski eröffnet. Der Regierungskritiker wird außerdem des versuchten Mordes an einem Leibwächter des Bürgermeisters sowie eines weiteren Geschäftsmannes bezichtigt. Er bestritt die Vorwürfe, kritisierte das Verfahren damals als "politisch motiviert" und sprach von einer Farce.

Auch vom nun erlassenen internationalen Haftbefehl zeigte sich die Sprecherin des Regierungskritikers, Kulle Pispanen, unbeeindruckt. Chodorkowski werde "seine Reisen in keinster Weise wegen der Entscheidungen der Vampire des Kreml" einschränken, sagte sie.

Chodorkowski saß bereits von 2003 bis 2013 in Russland in Haft. Zuvor hatte er zu den russischen Oligarchen gehört, die in dem wirtschaftlichen Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion riesige Reichtümer angehäuft hatten. Er selbst kontrollierte den Ölkonzern Jukos.

Später überwarf er sich mit Präsident Wladimir Putin und wurde schließlich wegen Steuerhinterziehung verhaftet und verurteilt. Chodorkowski kam ins Arbeitslager, aus dem er Ende 2013 wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi entlassen wurde. Putin hatte ihn überraschend begnadigt.

Bei den am Dienstag bekannt gewordenen Razzien ging es nicht um die Mordvorwürfe, sondern um einen Fall angeblich illegaler Privatisierung aus dem Jahr 2003, in den Chodorkowski und dessen Partner nach Ansicht der Ermittler verwickelt waren. Die von Chodorkowski gegründete Stiftung Open Russia veröffentlicht Berichte über die Lage in Russland und setzt sich für freie Wahlen ein.

fdi/Reuters/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das ist die Retourkutsche
dr.könig 23.12.2015
Chodorkowskis " Strohmänner " haben ein Urteil über 50 Milliarden gegen Russland. Jetzt kommt die Reaktion, wobei dies nur ein erster Schritt sein wird ?
2. Natürlich ist er unschuldig!
jackohnereacher 23.12.2015
Aber nur so lange, bis seine Schuld bewiesen ist. Und da wir diesen Gutmenschen unterstützen, dem immer nur das Wohl des Volkes als Leitmotiv für seine Geschäfte als Grundlage diente, werden wir es nicht so weit kommen lassen. Wäre ja noch schöner, erst holt ihn der alte Genschman mit Geheimdiplomatie aus den Tatzen des russischen Bären und jetzt soll er wieder eingefangen werden. Da negieren wir doch einfach das laufende Verfahren und nehmen den internationalen Haftbefehl nicht für voll. Wie sollten wir auch, er kommt ja aus Russland.
3. Chodorkowski die 3.
nozomi2000 23.12.2015
Der Ölpreis ist am Boden. Russland schlittert in ein heftiges Haushaltsdefizit. Da muss die Bevölkerung dringend abgelenkt werden. An den Türken hat er sich jetzt abgearbeitet. Der Westen eignet sich gerade auch nicht richtig als Feindbild. Da muss halt Chodorkowski wieder ran. Immer gut um ein Exempel zu statuieren. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung hasst ihn ja sowieso. Wie nannte es Volker Pispers: "Ein A....loch im Wandschrank." Hoffentlich lässt sich Chodorkowski nicht einschüchtern. Der internationale Haftbefehl wird sowieso nicht lange Bestand haben. Wahrscheinlich ist selbst Interpol schon von den russischen Märchen genervt.
4.
monolithos 23.12.2015
Wenn man sich vor Augen führt, was Herrn Gadaffi gereicht hat, um der UNO einen Teilungsplan für die Schweiz vorzulegen, kann man sich ja vorstellen, wie es ausgehen könnte, wenn die Schweiz einen mutmaßlichen Mordauftraggeber nicht an Russland ausliefert ... "Spaß" beiseite: Das Ganze dient vermutlich nur, um auf die noch immer in Russland gebundenen Teile von Chodorkowskis Vermögen zugreifen zu können, ohne sich um internationales Recht scheren zu müssen.
5. nicht unbeteiligt
balouchen 23.12.2015
Ich empfinde es als extrem schwierig, hier abzuwägen, wer eigentlich im Recht ist oder wer unrecht hat. Ich denke, dass das on Russland alles ein Sumpf ist. Putin und seine "Freunde" lassen es sich gut gehen. Vetternwirtschaft ist an der Tagesordnung. Aber auch die Oligarchen haben nahezu ausnahmslos Dreck am Stecken. Oder glaubt jemand wirklich, dass man mit normaler Hände Arbeit Milliarden in kürzester Zeit erwirtschaften kann, zumal in Russland? Die Oligarchen haben mehrheitlich die postsowjetische Situation genutzt, um sich Staats- bzw. Volkseigentum anzueignen. Seilschaften spielten und spielen eine grosse Rolle. Insofern der Vorwurf gegen Chodorkowski eine Farce, da man für ähnliche Delikte mit Sicherheit die Mehrzahl der Oligarchen anklagen müsste
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: