Journalisten-Mord in Afrika Putin-Kritiker Chodorkowski sieht Spur zu russischer Privatarmee

Drei russische Journalisten werden in der Zentralafrikanischen Republik ermordet. Ein Raubüberfall? Nein - sagt Kremlkritiker Michail Chodorkowski. Seine Ermittler hätten Verbindungen zu einer Söldnertruppe gefunden.

Trauer um Alexander Rastorgujew, Kirill Radtschenko und Orchan Dschemal in Moskau (August 2018)
imago/ ITAR-TASS

Trauer um Alexander Rastorgujew, Kirill Radtschenko und Orchan Dschemal in Moskau (August 2018)

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Ihre Recherche führte Orchan Dschemal, Alexander Rastorgujew und Kirill Radtschenko im Juli 2018 in die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Das Ziel der drei Journalisten aus Moskau: den Aktivitäten einer russischen Privatarmee in dem Land auf den Grund gehen. Tage später waren sie tot, erschossen von Unbekannten.

Örtlichen Behörden im Bürgerkriegsland zufolge fand man die Leichen der Männer etwa 200 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bangui. Viele Details bleiben weiter unklar; das offizielle Ermittlungsverfahren dauert bis heute an. Das russische Außenministerium und die Regierung der ZAR teilten aber bald nach dem Fund der Leichen mit, die Journalisten seien getötet worden, nachdem sie bei einem Raubüberfall Widerstand geleistet hätten.

Einer, der früh an dieser Darstellung zweifelte, ist der Mann, der die Recherche Dschemals, Rastorgujews und Radtschenkos finanzierte: Michail Chodorkowski, einst Chef des Ölkonzerns Yukos und Russlands reichster Mann. Chodorkowski hatte im wirtschaftlichen Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Milliarden angehäuft. Später überwarf er sich mit Präsident Wladimir Putin, saß zehn Jahre im Gefängnis, ehe er 2013 überraschend begnadigt wurde. Heute lebt er im Exil in London und ist nach wie vor ein vehementer Kritiker des Kreml.

Michail Chodorkowski (Archivfoto)
REUTERS

Michail Chodorkowski (Archivfoto)

Private Ermittler leiteten in seinem Auftrag eine monatelange Untersuchung ein und haben nun die Ergebnisse präsentiert. Diese ließen "keinen Raum für die Theorie, dass es ein einfacher Raubüberfall war", sagt Chodorkowski.

Die Spur soll zu "Putins Koch" führen

Die Untersuchungen, so die Ermittler, legten vielmehr nahe, dass die Ermordung der Journalisten sowie die Vertuschung der Tat genau geplant gewesen seien. Demnach war ein hochrangiger zentralafrikanischer Gendarm ebenso an dem Verbrechen beteiligt wie mehrere Russen mit Verbindungen zum Gastronomieunternehmer Jewgenij Prigoschin aus St. Petersburg.

Jewgenij Prigoschin und Wladimir Putin
AP

Jewgenij Prigoschin und Wladimir Putin

Dieser ist wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten unter dem Spitznamen "Putins Koch" bekannt und wird seit 2016 auf der Sanktionsliste der USA geführt. Prigoschin und seine "Trollfabrik" stehen im Zusammenhang mit der sogenannten Russlandaffäre auch in den USA im Fokus. Im Februar klagte Sonderermittler Robert Mueller den Oligarchen sowie mehrere seiner Mitarbeiter an, weil sie versucht haben sollen, die US-Präsidentschaftswahl 2016 zu beeinflussen.

Berichten zufolge ist Prigoschin auch ein Investor der Privatarmee "Wagner". Die Truppe ist in Syrien und der Ostukraine aktiv. Zuletzt weitete sie auch in der ZAR, einem Land mit gewaltigen Bodenschätzen, ihre Operationen aus. Russland liefert - mit Erlaubnis der Uno - Waffen an das Land und bildet dessen Soldaten aus. (Mehr über Russlands Präsenz und geopolitische Ambitionen in dem Land lesen Sie hier.)

Die Recherche zu den Operationen der Söldner brachte auch Dschemal, Rastorgujew und Radtschenko in die ZAR. Er glaube, die Angreifer wollten erfahren, was die Journalisten über Waffenhandel und den Einsatz von Privatarmeen in der Region herausgefunden hätten, sagte Chodorkowski dem US-finanzierten russischsprachigen Sender Current Time TV.

Seine Ermittler stützen ihre Ergebnisse eigenen Angaben zufolge unter anderem auf Mobilfunk-Metadaten aus Afrika, Gespräche mit Soldaten der Zentralafrikanischen Republik und eine in Moskau durchgeführte unabhängige Autopsie. Das Team präsentierte zudem Screenshots von WhatsApp-Nachrichten, die mehrere am mutmaßlichen Komplott beteiligte Personen untereinander ausgetauscht haben sollen. Die Ermittler gaben an, die Daten erworben zu haben, legten auf SPIEGEL-Anfrage aber nicht offen, wo und auf welche Weise.

Chodorkowski fordert unabhängige Ermittlung und appelliert an die Uno

Ein Fahrzeug mit drei europäisch aussehenden Männern und zwei Afrikanern sei 20 Minuten nach den Journalisten und eine Stunde vor ihrer Tötung an einem Checkpoint in der Stadt Sibut vorbeigefahren, berichteten die privaten Ermittler unter Berufung auf zwei zentralafrikanische Soldaten, die den Angaben zufolge zu der Zeit am Checkpoint ihren Dienst versahen.

Einer der beiden Afrikaner war demnach ein hochrangiger Polizeioffizier und soll in ständigem Kontakt mit Angestellten von Prigoschin gewesen sein. Der Mann habe ein russisches Ausbildungscamp an der Grenze zum Sudan durchlaufen, berichtete der US-Sender CNN unter Berufung auf eine namentlich nicht genannte Quelle. Kurz vor der Ankunft der Journalisten soll er ein neues Mobiltelefon samt SIM-Karte erworben und sich außerdem in der Nähe des Flughafens von Bangui aufgehalten haben, als das Flugzeug aus dem marokkanischen Casablanca mit den drei Journalisten an Bord in der Hauptstadt der ZAR landete.

Die Schlussfolgerung des Teams von Chodorkowski: Der Offizier habe der Ermordung der Journalisten "zumindest beigewohnt".

Der Großteil der Ausrüstung der Journalisten, darunter ihre Rucksäcke sowie Benzinkanister, blieb den Ermittlern zufolge unberührt am Tatort zurück, was der zunächst präsentierten Version vom Raubüberfall widerspreche. Laut dem Außenministerium in Moskau dauern die Ermittlungen der russischen Behörden zu dem Fall weiter an. Chodorkowski appellierte unterdessen an die Uno: Diese solle auf eine unabhängige und gründliche Untersuchung der Morde durch Russland und die ZAR hinwirken.

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