Michail Gorbatschow "Bin ich schon wieder gestorben?"

Michail Gorbatschow gilt als Totengräber der Sowjetunion. Im Westen wird er dafür gefeiert, in Russland gehasst, doch beides wird ihm nicht gerecht. Heute sieht er sein Lebenswerk in Gefahr.

Annäherung an eine Legende von , Moskau


Es hat bessere Jahre gegeben im Leben von Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Im Herbst 2014 lag er lange im Krankenhaus, "von oben bis unten verkabelt", wie er sagt. Er ist jetzt 83 Jahre alt. Das Gehen bereitet ihm Probleme, Sitzen aber auch. Nicht nur gesundheitlich hat das vergangene Jahr ihn mitgenommen. Gorbatschow sieht sein Lebenswerk in Gefahr, die Politik der Entspannung zwischen Ost und West.

Zur Jahreswende hat er dem SPIEGEL ein Interview gegeben. Fast drei Stunden lang hat er seine Sicht der Dinge dargelegt. (Hier finden Sie das vollständige SPIEGEL-Gespräch mit Michail Gorbatschow).

In der Ukraine-Krise geht er mit Europa und den USA hart ins Gericht. In Gorbatschows Augen trägt der Westen einen Großteil der Verantwortung für den Konflikt - die Amerikaner, aber auch die Deutschen.

DER SPIEGEL/ Denis Sinyakov

Die Deutschen und "Gorbi"

Gorbatschow hat im vergangenen Jahr Positionen bezogen, die man im Westen nicht gern gehört hat. Er hat die Annexion der Krim verteidigt, sie entspreche voll und ganz "dem Willen der Bevölkerung dort". Er nannte die USA "eine große Seuche", im Oktober war das. Im November dann reiste er zum Gedenken des Mauerfalls nach Deutschland, auch da eckte er an. In Berlin trat er nämlich als Fürsprecher der Politik von Präsident Putin auf. Er sei "absolut überzeugt, dass Putin besser als jeder andere die Interessen Russlands verteidigt".

Gorbatschow hat seinen Ehrenplatz in der deutschen Geschichte sicher. Er ist einer der Väter der deutschen Einheit. 2014 ist das Verhältnis zwischen den Deutschen und Gorbatschow aber auch zwiespältiger geworden. Er sei offenbar nun auch übergelaufen ins Lager der patriotischen Putin-Versteher, konstatierten die freundlicheren der Kommentatoren. Die anderen schrieben, der alte Mann werde womöglich senil.

Zur Wahrheit gehört: Wenn der letzte Staats- und Parteichef der Sowjetunion zwischen Hamburg und München nicht mehr recht verstanden wird, muss das nicht allein an Gorbatschow liegen. Die Deutschen haben in den vergangenen Jahren ein merkwürdiges Verhältnis zu Gorbatschow kultiviert: Sie haben ihn als ihren "Gorbi" praktisch adoptiert. Manche haben darüber aber vergessen, dass er Russe ist und russisch fühlt.

Das Gorbatschow-Missverständnis

Als Michail Gorbatschow am 25. Dezember 1991 als Staatschef zurücktrat, wurde über dem Moskauer Kreml die rote Fahne eingeholt und die blau-weiß-rote Trikolore des neuen Russland gehisst. Das kommunistische Weltreich war Geschichte. Gorbatschow gilt seitdem als der Mann, der die Sowjetunion beerdigt hat. In Russland schlägt ihm deshalb zum Teil offener Hass entgegen. Im Westen dagegen wird er auch dafür verehrt.

Dabei ist beides - Ressentiments daheim, "Gorbi"-Kult im Ausland - auch Teil eines Missverständnisses. Ja, den Kalten Krieg wollte Gorbatschow beenden, auch das Wettrüsten und die Gefahr eines thermonuklearen Kriegs beseitigen. Aber nicht die Sowjetunion.


Gorbatschows Leben in Bildern

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 2. März 1931 im Süden Russlands geboren. Seine Eltern waren Kolchosbauern im Dorf Priwolnoje. Der Vater war Russe, die Mutter Ukrainerin: "Meine allerersten Worte habe ich auf Ukrainisch gesagt."

Gorbatschow 1950: Erste Berufserfahrung sammelte er bei der Ernte, als Mähdrescher-Mechaniker. Im Alter von 19 Jahren trat er in die Kommunistische Partei ein. Dieses Foto zeigt ihn als Aktivisten des Kommunistischen Jugendverbands Komsomol.

Die Liebe seines Lebens: 1953 heiratete Gorbatschow seine Frau Raissa. Während seines Aufstiegs in Moskaus höchste Machtzirkel war Raissa für Gorbatschow Gefährtin und wichtigste Ratgeberin zugleich.

Raissa Gorbatschowa wurde zur ersten öffentlichen First Lady der Sowjetunion, Generalsekretäre vor Gorbatschow traten öffentlich in der Regel ohne ihre Ehefrauen auf. Hier pflanzt das Paar 1986 in Indien einen Baum zu Ehren von Mahatma Gandhi. Raissa wurde für viele Russinnen ein Vorbild. Am Selbstbewusstsein der Kreml-Gattin stießen sich damals aber auch viele im konservativen Moskau. Raissa starb 1999 an Leukämie in Münster, wo sie zur Behandlung weilte.

Gorbatschow und Ronald Reagan: Mit dem US-Präsidenten handelte Gorbatschow die Abrüstung aus. 1987 unterzeichneten beide den INF-Vertrag über den Abbau von Mittelstreckenwaffen.

Der Reformer und die Betonköpfe: Das Foto zeigt Gorbatschow beim sozialistischen Bruderkuss mit SED-Chef Erich Honecker am 6. Oktober 1989 in Ostberlin. Die DDR-Führung stand Gorbatschows Reformkurs ablehnend gegenüber. Damals sagte Gorbatschow über die DDR-Führung: "Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren". Journalisten machten daraus das geflügelte Wort: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Der "Blutsonntag von Vilnius": Im Januar 1991 brachen in der litauischen Hauptstadt Unruhen aus. Litauen strebte in die Unabhängigkeit, Moskau wollte das nicht hinnehmen und schickte Panzer. Ein Dutzend Menschen kamen in Vilnius ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Gorbatschow habe eben "nicht nur Palmzweige in der einen Hand gehalten, sondern auch das Schwert in der anderen", sagt der Moskauer Journalist und Gorbatschow-Kenner Oleg Kaschin heute. Das werde sowohl im Westen als auch in Russland gern vergessen.

Der August-Putsch: Im Sommer 1991 versuchen kommunistische Hardliner und Kader des Geheimdienstes KGB in Moskau, die Macht mit Gewalt an sich zu reißen. Gorbatschow weilt im Urlaub, er wird auf der Halbinsel Krim festgesetzt. In Moskau führt dagegen Boris Jelzin den Widerstand der Reformer an. Er hält eine Rede auf einem Panzer. Der Putsch scheitert, aber auch Gorbatschow ist geschwächt. Der neue starke Mann heißt Jelzin.

Gorbatschow und sein Rivale Boris Jelzin im Juni 1990: Jelzin wuchs wie Gorbatschow in der Provinz auf, in der Ural-Stadt Beresniki. Jelzin besiegelte 1991 faktisch mit Weißrussen und Ukrainern die Auflösung der Sowjetunion, Gorbatschow hat ihm das nie verziehen. Am 25. Dezember 1991 dankte Gorbatschow ab. Über dem Kreml wurde die Rote Fahne eingeholt. Die Sowjetunion war Geschichte.

Gorbatschow und Putin

Als Gorbatschow 1985 in Moskau an die Macht kam, wollte er die sowjetische Weltmacht modernisieren, nicht beseitigen. Die Ukraine spielte in den Plänen eine Schlüsselrolle, und Gorbatschow - ganz Russe - hält sie auch heute für Moskaus legitime Einflusssphäre.

Gorbatschow verteidigt die russische Außenpolitik gegen Kritik aus dem Westen. Zu einem Putin-Freund aber macht ihn das nicht. Putin leide an übergroßem Selbstvertrauen, "vielleicht sieht er sich sogar gleich neben Gott", hat Gorbatschow dem SPIEGEL gesagt. Er verurteilt die Innenpolitik des Kreml scharf, das Vorgehen gegen Oppositionelle wie den Blogger Alexej Nawalny, "der unter Hausarrest gestellt wird, nur weil er den Mund aufgemacht hat".

Gorbatschows Verhältnis zu Putin hat sich gewandelt: Er hat den Präsidenten während Putins ersten beiden Amtszeiten zunächst unterstützt. Putin habe viel "für die Stabilisierung Russlands getan". Aber Gorbatschow ist nicht verborgen geblieben, dass Putin selbst immer weniger zur Lösung von Russlands Problemen beitrug und - je länger er an der Macht festhält - selbst zu einem Hindernis geworden ist.

"Putin will an der Macht bleiben. Aber nicht, um endlich unsere dringendsten Probleme zu lösen - Bildung, Medizin, Armut." Das sagte Gorbatschow im August 2011 zum SPIEGEL.

Wenig später verkündete Putin tatsächlich die Rückkehr vom Amt des Premierministers in den Kreml. Innenpolitisch hat sich Gorbatschow seitdem klar gegen ihn positioniert.

Nach den vom Kreml manipulierten Parlamentswahlen im Dezember 2011 forderte Gorbatschow öffentlich Neuwahlen. "Er hat viel Gutes erreicht, aber er hat sein Potenzial ausgereizt", sagte Gorbatschow 2012 über Putin.

Der Kreml-Chef hat die Worte seines Vorgängers genau registriert. Putin hat Gorbatschow früher regelmäßig empfangen, schneidet ihn aber inzwischen. "Putin ist beleidigt", sagt Gorbatschow. "Er ist sehr empfindlich."

Die Russen und der "Landesverräter"

Wenn Gorbatschows altes Handy bimmelt und sich am anderen Ende der Leitung der 34 Jahre alte Journalist Oleg Kaschin meldet, dann fragt der Alte für gewöhnlich: "Na, bin ich etwa schon wieder gestorben?"

Kaschin ruft an, wenn sich mal wieder Falschmeldungen von Gorbatschows angeblichem Tod verbreiten. Sieben Mal war das allein seit 2011 der Fall. Viele Russen wollen Gorbatschow offenbar lieber heute als morgen unter der Erde sehen. Sie verbreiten die angeblichen Todesnachrichten auf sozialen Medien, oft versehen mit dem Hinweis, dem "Verräter" Gorbatschow geschehe das recht.


Das sagen Russen über Gorbatschow

Polina Wischnewskaja, 24, Ufa im Ural
Ich bin auf die Welt gekommen als Gorbatschow an der Macht war. Ich kann seine Regierungszeit deshalb schlecht beurteilen. Die überwältigende Mehrheit der Russen sieht ihn extrem negativ. Man erinnert sich an die Folgen seiner Regierungszeit: Die wilden Neunzigerjahre, ein Leben war nichts wert damals, die Industrie brach zusammen.
Ich glaube aber, dass die Perestroika unausweichlich war, und sie wurde praktisch ohne Blutvergießen umgesetzt. Es gab keine Revolution, keinen Bürgerkrieg, keine ausländische Invasion, und der Übergang zur Marktwirtschaft wurde doch gemeistert. Gorbatschows größter Fehler war seine plumpe Wirtschaftsreform, und Russland fehlte eine klar formulierte nationale Idee.

Danil Wernow, 20, Soldat aus der Stadt Wladimir
Welchen Gorbatschow meinen Sie? Den, der im Alleingang unser Land in den Abgrund gestürzt hat? Was soll man zu dem noch sagen? Ich habe nichts für diesen Menschen übrig. Er hat unser Land verkauft. Aber ich kenne mich schlecht in der Geschichte aus. Das weiß ich aus Gesprächen mit meinen Freunden, die sind Historiker.

Vera, 58, Ärztin in Moskau
Man kann ihn nicht eindeutig bewerten. Es ist klar, dass er gut gemeinte Intentionen hatte. Heute leben wir in einer ganz anderen Epoche, vielleicht dank ihm. Wir mussten auf dem Weg dorthin aber große Erschütterungen überstehen. Vor allem viele einfache Leute hatten ein schweres Schicksal zu ertragen.
Ich als Frau erinnere mich vor allem an Michail Gorbatschows Ehefrau Raissa. Sie war für uns der Prototyp der modernen Frau, ein Beispiel an Schönheit und Würde. Sie wurde zu Russlands Gesicht. Sie hat auch eine große Rolle im Schicksal ihres Mannes gespielt, sie stand ihm mit Rat zur Seite.

Alexej, 48, Moskau
Ich bin in der UdSSR geboren. Das war das Land, an dessen Leben ich gewöhnt war. Mit Gorbatschow verbinde ich den Zusammenbruch der Sowjetunion, und überhaupt nichts Gutes. Er hat sich dem Westen verkauft, so kann man das sagen. Beweise? Ist das, was in der Welt passiert, nicht Beweis genug?

Waleri Solomkin, 73, Rentner, Moskau
Ich bin im Oktober 1941 auf die Welt gekommen. Damals standen die deutschen Panzer vor Moskau. Ich sehe ihn positiv und negativ zugleich. Gut war die Perestroika, die zunehmende Freiheit. Das Fernsehen wurde freier, es zeigte auch mal die Wahrheit. Mir war das wichtig. Mit Westdeutschland wurden die Beziehungen sehr viel besser. Er hat dazu beigetragen, die Mauer einzureißen. Leider wurden den Amerikanern zu viele Zugeständnisse gemacht.
Während seiner Regentschaft und unter Jelzin blühte leider auch die Korruption auf. Unter Jelzin begann dann schon die Privatisierung, viele wurden völlig unverdient Milliardäre. Die Schere zwischen Arm und Reich wurde riesig. Der Oligarch Abramowitsch konnte sogar zum Gouverneur der Provinz Tschukotka aufsteigen, obwohl er in London lebte. Ja, das war vor allem nach Gorbatschow, aber er trägt einen Teil der Verantwortung.

Robert Schlegel, 30, Abgeordneter der Kreml-Partei "Einiges Russland"
Ich glaube, dass es in der sowjetischen Geschichte nur zwei Machthaber gegeben hat, die man mit Gorbatschow vergleichen kann, was den Umfang ihres Handelns und dessen Folgen betrifft: Lenin und Stalin. So wie bei den beiden gibt es bei Gorbatschow Dinge, die man ihm nicht vergeben darf, und anderes, wofür man ihm dankbar sein muss.
Seine Rolle in der russischen Geschichte ist wahrscheinlich eher negativ: Zu schwer waren die Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Andererseits sind viele Fehler seiner Zeit auch die Folge von Widersprüchen, die sich in der sowjetischen Gesellschaft damals lange aufgebaut hatten. Vielleicht werden wir ihn in einigen Jahrzehnten anders sehen können. Zum Beispiel, dass ohne den Wandel vor 25, 30 Jahren Russlands Weg in die Zukunft versperrt geblieben wäre. Ich bin mir sicher, dass Russland eine große Zukunft bevorsteht. Die Frage ist nur: Dank Gorbatschow oder trotz Gorbatschow?


Über die Jahre ist er zum Sündenbock für Russlands Krise in den Neunzigerjahren geworden, zu einem, der die Sowjetunion angeblich "für 30 Silberlinge" verkauft habe, so wie Judas einst Jesus.

Michail Gorbatschow ist mit 19 Jahren in die Kommunistische Partei eingetreten. Er hat sich gegen den Stalinismus gewandt, aber den Revolutionsführer Lenin verehrt er bis heute. Ausgerechnet Russlands Kommunisten aber wollten Gorbatschow noch im vergangenen Jahr vor Gericht stellen, wegen "Landesverrats".

Denis Sinyakov
Der Kreml nimmt Gorbatschow schon lange nicht mehr in Schutz gegen die Angriffe. Im Gegenteil: Die schärfsten Angriffe führt ausgerechnet das Putin-treue Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda".

Ende November war da zu lesen, die Nazis hätten den jungen Gorbatschow während des Zweiten Weltkriegs als Agenten geworben, deshalb habe er der deutschen Wiedervereinigung zugestimmt.

Viele der Menschen, denen Gorbatschow die Freiheit zu Reisen und zur freien Meinungsäußerung eröffnet hat, hassen ihn heute. Viele feiern frenetisch einen Kurs, der das Land international wieder isoliert, Dissidenten werden wieder verfolgt.

Ob er dennoch glücklich sei, hat der SPIEGEL Gorbatschow gefragt. Er hat geantwortet, er habe sich in einem Text mal zu der Formulierung hinreißen lassen, "dass es eigentlich keine glücklichen Reformer gibt". Er sei damals allerdings nicht in bester Stimmung gewesen.

Heute sehe er das anders: "Ja, wenn ich zurückschaue, bin ich ein glücklicher Mensch."

Der Autor auf Facebook



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.