Gouverneurskandidatin Abrams in Georgia Sie wäre die Erste

Stacey Abrams will die erste schwarze Gouverneurin in der Geschichte der USA werden - im Südstaat Georgia. Doch dafür braucht sie auch die Stimmen weißer Republikaner. Im Wahlkampf mit einer Hoffnungsfigur der Demokraten.

Abrams (r.), Obama
AP

Abrams (r.), Obama

Aus Georgia berichtet


"Wählt!" steht in großen weißen Lettern an einer Hauswand in Atlanta, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia. Darunter ist das Gesicht von Stacey Abrams abgebildet. Überdimensional. Die Demokratin schaut kämpferisch. Nicht ohne Grund: Vor ihr liegt nichts Geringeres als das scheinbar Unmögliche: Stacey Abrams will die erste schwarze Gouverneurin in den USA werden, noch dazu in einem Bundesstaat, der traditionell für die Republikaner stimmt. Für weiße Männer.

Mit dem Wandgemälde hat die Heimatstadt von Martin Luther King einer neuen afroamerikanischen Ikone ein Denkmal gesetzt. Im liberalen Atlanta hat Stacey Abrams schon fast gewonnen. Viele Menschen jubeln der Demokratin auf der Straße zu, drängen sich mit ihr für Selfies zusammen.

Doch wenn sie bei den Zwischenwahlen in dieser Woche Gouverneurin von Georgia werden will, dann reicht das nicht aus. Abrams muss so viele schwarze Wähler mobilisieren, wie niemals zuvor: 90 Prozent. Und sie muss es schaffen, einen Teil der weißen Wähler zu überzeugen, die sonst für die Republikaner stimmen - etwa 25 Prozent. In ganz Georgia, auch auf dem Land. Zu dieser Einschätzung sind die Datenjournalisten der US-Nachrichtenseite "FiveThirtyEight" gekommen.

Zwischenwahlen in den USA

Nicht nur deshalb startet Abrams ihre Bustour durch Georgia an diesem Montagmorgen um sieben Uhr. Sie steht auf einer Bühne in der Kleinstadt Macon, im sogenannten Heartland des Bundesstaats. Hier sind die Einkommen niedrig und die Arbeitslosenzahlen hoch. Viele Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Macon ist wie Atlanta eine blaue Insel in einem roten Meer. Blau ist die Farbe der Demokraten, Rot die der Republikaner.

Yale-Absolventin, Romanautorin - und nun Politikerin

Knapp 59 Prozent der Wähler haben hier bei der vorigen Präsidentschaftswahl für die Demokratin Hillary Clinton gestimmt. Rund 52 Prozent der Bevölkerung sind schwarz. Es sind Orte wie Macon, in denen Stacey Abrams eine Hoffnungsfigur ist. Ein junger Afroamerikaner hat Tränen in den Augen als er sie sprechen hört. Er hat bereits für Ex-Präsident Barack Obama an die Türen seiner Nachbarn geklopft und Werbung gemacht. Mit Stacey, sagt er, fühle es sich ganz ähnlich an.

Abrams ist eine ungewöhnliche Kandidatin. Sie ist 44, Single, hat keine Kinder, dafür aber einen Bruder, der mal im Gefängnis saß. An der Eliteuniversität Yale hat sie Jura studiert, dann Liebesromane unter einem Pseudonym verfasst und schließlich mehrere Start-ups mitgegründet. Bis heute stottert sie nach eigenen Angaben dennoch die Schulden aus ihrem Studium ab. Sie will zeigen, dass sie eine aus dem Volk ist und es trotzdem an die politische Spitze ihres Bundesstaats schaffen will, schaffen kann.

Überblick

Jung, progressiv, schwarz, weiblich

Mit ihrer Kandidatur steht sie symbolhaft für die Zukunft der Demokraten: Sie ist progressiv, schwarz und eine Frau, die viele Afroamerikaner in den ganzen USA inspiriert. Seit wenigen Tagen klopft auch Talkshow-Ikone Oprah Winfrey für Abrams an die Türen von Wählern. Obama hat im Wahlkampfendspurt geholfen. Weniger als ein Prozent trennt Abrams laut Hochrechnungen von ihrem republikanischen Gegner Brian Kemp.

Abrams mit TV-Star Oprah Winfrey
AFP

Abrams mit TV-Star Oprah Winfrey

"Wählt jetzt", ruft Stacey Abrams auf der Bühne in Macon, "damit ihr eure Nachbarn am 6. November zu den Wahllokalen fahren könnt!" Abrams meint das wörtlich. Seit Jahren gibt es Kontroversen über Wählerregistrierungen in Georgia und anderen Bundesstaaten.

Ausgerechnet Abrams Gegner Kemp ist als Kabinettsmitglied für ein Gesetz verantwortlich, das aktuell 53.000 Registrierungen zurückhält - vor allem von Schwarzen. Das Exact-Match-Law erschwert die Registrierung von Wählern, weil es Registrierungen bei jeder noch so kleinen Abweichung zwischen Registrierungsformular und Führerschein - ob Bindestrich oder neue Adresse - für ungültig erklärt.

1,5 Millionen Wähler wurden unter Kemps Aufsicht als Wahlleiter zwischen 2012 und 2015 von den Listen gestrichen. Etwa acht Prozent der Wahllokale in Georgia wurden seitdem geschlossen. Vor allem in armen Gegenden, wo viele Afroamerikaner leben. Das Thema hat sich in den USA zum Skandal ausgeweitet, Abrams fordert, dass Kemp aus dem Kabinett zurücktritt. Zuletzt beschuldigte dieser seine Konkurrentin der "Cyberkriminalität", ohne allerdings jeglichen Beweis vorzulegen.

Das ländliche Georgia wählt die Republikaner

Je weiter der Weg von der Hauptstadt Atlanta in Richtung Süden führt, desto weniger Stacey-Abrams-Schilder stehen in den Gärten. Im Radio laufen Werbesports für den Republikaner Kemp, neben den Einfahrten der großen Baumwoll-, Pecan- und Erdnussfarmen stehen die Schilder mit seinem Namen. "Wenn sie für Abtreibungen sind und Waffen hassen - wählen Sie Stacey Abrams", heißt es in einem Radiospot. Abrams Kampagnen-Van hat die blaue Insel verlassen. Sie ist jetzt mitten in "Trump Country".

Nächster Stop: Dublin. Unter dem Dach einer Markthalle wedeln sich Afroamerikaner mit Stacey Abrams-Schildern Luft zu. In der Sonne demonstriert ein weißes Ehepaar für den Erhalt der Konföderierten-Denkmäler und gegen Abrams. Hinter ihnen taucht noch ein drittes weißes Gesicht auf, es ist das von Kari Murphy, der einzigen weißen Demokratin in der Gegend.

"Schwarze werden Stacey wählen. Weiße wählen Kemp"

Die 55-Jährige hat sich auf ihrer Farm in ihr weißes Cabrio gesetzt und ist 30 Minuten nach Dublin gefahren, um Abrams zu sehen. Jetzt sucht sie nach anderen weißen Demokraten. Vergeblich.

Murphy glaubt an Abrams, weil sie für eine Justizreform kämpft, für die Gesundheitsreform Obamacare und für öffentliche Schulen. In den vergangenen Tagen hat Murphy versucht, ihre Freunde zu überreden, sie nach Dublin zu begleiten.

Aber viele trauen sich nicht, sich bei einer Veranstaltung der Demokraten zu zeigen oder halten nichts von ihrer Überzeugung, sagt sie. Selbst Murphys Sohn gehört dazu. Er glaubt, dass Abrams die Steuern erhöhen wird. 2016 votierte Murphy junior für Trump, wie die Mehrheit in der Gegend. "Schwarze werden Stacey wählen. Weiße wählen Kemp", sagt Mutter Murphy.

"Ich will Gouverneurin von ganz Georgia werden!", ruft Abrams mehrmals an diesem Tag in die Menge. Jedes Mal bebt ihre Stimme. Abrams hat einmal versprochen mit "jedem Einzelnen im Staat zu sprechen".

Es hat sich gelohnt: Am ersten Tag der vorzeitigen Stimmabgabe wählten 200 Prozent mehr Menschen als bei der vorigen Gouverneurswahl. Bis Ende der ersten Woche überstieg die Wahlbeteiligung in den afroamerikanisch geprägten Gemeinden Gwinnett und Cobb County bereits die Wahlbeteiligung der vorigen Präsidentschaftswahlen.

Das ist selbst für die Vereinigten Staaten des Jahres 2018, einem tief gespalteten Land mit hochmotivierten Wählerschaften in beiden politischen Lagern, bemerkenswert.

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Howeynous 06.11.2018
1. Hoffentlich schafft sie es
Die Umfragen sehen für Frau Abrams gar nicht schlecht aus und sind auch der Grund, warum ihr Gegner sich genötigt sieht, strategisch in die allerunterste Schublade zu greifen und die Wählerlisten zu manipulieren. Stacey Abrams, Beto O'Rourke, Andrew Gillum (mit Abstrichen), Tim Canova, Richard Ojeda, James Thompson, Sarah Smith, Ammar Campa-Najjar, Kara Eastman und Ben Jealous sind einige Namen, auf die ihr heute Nacht oder morgen früh achten könnt, wenn ihr neugierig seid, wie der progressive Flügel in den knappen und umkämpften Wahlen abgeschnitten hat.
Skyscanner 06.11.2018
2. Und dann
dann ist Sie die erste schwarze Gouverneurin, macht Sie dann einen besseren Job, bringt Sie dann den Leuten den Frieden, wie Obama. Der erste schwarze Präsident von Amerika. Der hat die Drohen Flotte verdreifacht hat, der es salonfähig gemacht hat Menschen ohne Gerichtsbeschluss und Verurteilung per Drohe zu killen. Der im seinen letzten Amtsjahr (des Friedensnobelpreisträgers Barrack Hussein Obama) 26'171 Bomben auf 7 Staaten angeworfen, nämlich auf Irak, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen. Das sind 3'027 Bomben mehr als 2015. Diese Zahlen hat nicht irgendeine obskure Webseite veröffentlicht, sondern die Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR) und die hat die Information wiederum direkt aus dem Pentagon. Gute Politiker sollten nicht an der Hautfarbe bejubelt werden sondern am Handeln. Da hat sich der erste schwarze Präsident nicht als Friedensengel wie es die deutschen Medien gerne hätten, hervor getan.
nibal 06.11.2018
3. Max Mustermann
Was man zur Exact-Match-Law vielleicht noch sagen sollte - es sind halt vor allem die Namen von Afroamerikanern die den Behörden Probleme machen und dann falsch geschrieben werden. 90%. Das Gesetz ist so geschickt rassistisch wie es verabscheuungswürdig ist. Und das ist es wofür die grand old party eben gerade steht. Für Wahlbetrug, Wählerunterdrückung, Selbstbedienung und Donald F. Trump.
at.engel 06.11.2018
4.
"Stacey Abrams will die erste schwarze Gouverneurin in der Geschichte der USA werden..." - "Ich will Gouverneurin von ganz Georgia werden!" Genau da ist irgendwo die Grenze zwischen einer aufgeklärten Demokratie und dem amerikanischen Kommunotarismus. Jeder Amerikaner - Frauen wie Männer - kann auch Präsident oder Gouverneur werden, aber "Gouverneurin" kann natürlich nur eine Frau werden, eine "schwarze Gouverneurin" kann natürlich nur eine Afroamerikanerin werden. Eine weiße bzw. eine lateinmarikanische Kandidatin kann das jedenfalls nicht! Genauso wenig wie Obama der erste "schwarze Präsident" war, weil er eben kein "Afroamerikaner" war - jedenfalls für Afroamerikaner - für die Weißen war er natürlich schwarz (was er für Schwarzafrikaner natürlich nicht ist). Und letztendlich war er gefangen in diesen kommunotaristischen Schemen: Er machte so ziemlich alles, nur um nicht der "Präsident der Schwarzen" zu werden.... um eben Präsident aller(!) Amerikaner zu bleiben. Einfach nur noch schizophren! Der erste schwarze Gouverneur ( seit 1872) war Douglas Wilder (1990) - der war aber natürlich keine Frau. Viel geändert hat es anscheinend nicht. Die erste Gouverneurin war Nellie Ross (1925) - aber die war natürlich nicht schwarz - und geändert hat es auch nicht viel. Jetzt warten vielleicht schon manche auf die erste "schwarze Gouverneurin LGTB" - aber ändern würde auch das nicht viel. Und mit Politik hat das jedenfalls überhaupt nichts mehr zu tun. Ich würde für den Kandidaten stimmen, der mir am geeignetsten erscheint, die Gesellschaft in irgendeinem Sinne zu verbessern, weiterzubringen - und Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft und Geburtsort interessieren mich dabei überhaupt nicht. Ich stimme für das, was ein Kandidat vertritt, und nicht für das, was er ist. Und wenn Trump morgen das Geschlecht wechseln würde, würde ich auch nicht für ihn stimmen. Zwischen Brian Kemp und Stacey Abrams würde ich ohne zu zögern für Stacey Abrams stimmen - aber sicher nicht, weil sie "jung", "schwarz" oder "weiblich" ist.
lab61 06.11.2018
5. Selektive Wahrnehmung und manipulative Darstellung
Zitat von Skyscannerdann ist Sie die erste schwarze Gouverneurin, macht Sie dann einen besseren Job, bringt Sie dann den Leuten den Frieden, wie Obama. Der erste schwarze Präsident von Amerika. Der hat die Drohen Flotte verdreifacht hat, der es salonfähig gemacht hat Menschen ohne Gerichtsbeschluss und Verurteilung per Drohe zu killen. Der im seinen letzten Amtsjahr (des Friedensnobelpreisträgers Barrack Hussein Obama) 26'171 Bomben auf 7 Staaten angeworfen, nämlich auf Irak, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen. Das sind 3'027 Bomben mehr als 2015. Diese Zahlen hat nicht irgendeine obskure Webseite veröffentlicht, sondern die Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR) und die hat die Information wiederum direkt aus dem Pentagon. Gute Politiker sollten nicht an der Hautfarbe bejubelt werden sondern am Handeln. Da hat sich der erste schwarze Präsident nicht als Friedensengel wie es die deutschen Medien gerne hätten, hervor getan.
Seit dem Amtsantritt Trumps sind die Drohneneinsätze massiv intensiviert worden. Zugleich sind auch die Regelungen, wann KEIN Drohneneinsatz erfolgen darf, um Kollateralschäden möglichst gering zu halten, von Trump stark aufgeweicht worden, was zu einem sprunghaften Anstieg ziviler, unbeteiligter Opfer geführt hat. Unter Trump wird mindestens ebenso intensiv gebombt. Obama hat gegen den erbitterten Wiederstand der Republikaner das Lager in Guantanamo nahezu komplett geleert. Zuletzt waren dort gerade noch rund zwei Dutzend Gefangene inhaftiert. Und das auch nur aus zwei Gründen: 1.: Die USA weiß0 nicht, wohin sie die Leute abschieben soll. Wie z.B. auch im Falle des Deutsch-Türken Murat Kurnaz. 2.: Die Republikaner haben zehn Jahre lang Gesetze blockiert, die es ermöglicht hätten, die Gefangenen, denen die USA tatsächlich noch den Prozess machen wollen, auf US-Territorien in ordentliche Bundesgefängnisse zu überführen und vor Bundesgerichten aburteilen zu lassen. Trump hingegen plant, das Lager wieder zu reaktivieren und aufzufüllen. Überhaupt scheint Trumps größte Triebfeder die zu sein, möglichst alles, was seinem Amtsvorgänger zugeschrieben werden kann, wieder abzuschaffen, bzw. die demolieren.
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