Migranten Jenseits von Afrika

Für ihren Traum verstecken sie sich monatelang auf Schiffen, durchqueren die Sahara und verlassen Frau und Kinder: Ceuta, die spanische Exklave in Nordafrika, ist das Ziel von Elendsflüchtlingen aus der ganzen Welt. Wer es bis hierhin schafft, zählt zu den Gewinnern unter den Armen.

Von Yassin Musharbash, Ceuta


Ceuta - "Die Neuen", sagt Youssef bin Ahmad, "erkennt man daran, dass sie so müde sind." Er hat Recht. Einige von ihnen sind auch nach Tagen noch nicht in der Lage, ein Gespräch zu führen. Sie sitzen, die Gesichter auf ihre Hände gestützt, die Beine über die Lehnen gehängt, still auf einem durchgesessenen Sofa. Die, die Wunden haben, seufzen leise wegen der Schmerzen. Die Blicke gehen ins Leere. Doch der Eindruck täuscht: So sehen Gewinner aus. Zumindest hier, in Ceuta, dem Wartesaal für ein besseres Leben in Europa.

Flüchtlinge im Übergangslager C.E.T.I.: Wartesaal für ein besseres Leben
AFP

Flüchtlinge im Übergangslager C.E.T.I.: Wartesaal für ein besseres Leben

Diese sechs Männer, allesamt aus Schwarzafrika, haben das große Los gezogen: Nach einer wochenlangen Odyssee quer durch Afrika haben sie es geschafft, den drei Meter hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zaun zu überwinden, der die spanische Exklave Ceuta von Afrika trennt. Jetzt befinden sie sich zwar physisch in Afrika aber politisch jenseits von Afrika, auf dem Boden der EU nämlich. Die kirchliche Hilfsorganisation "La Cruz Blanca" versorgt sie mit Essen und Kleidung, und weil sie sicherheitshalber alle ihre Reisepässe "verloren" haben, wird man sie nicht in ihre Heimatländer zurückschicken können. Ihr Plan ist aufgegangen. Aber die Männer, alle zwischen 20 und 30, sind zu erschöpft, ihre Freude zu zeigen.

Ayuba, 21, ist einer von ihnen. Er hat wegen der unsicheren politischen Lage und dem Arbeitsmangel der Elfenbeinküste den Rücken gekehrt. "Das war 2003", sagt er. Über Mali und Algerien ist er, weitgehend zu Fuß, nach Marokko gelangt und hat hier 16 Monate in den Wäldern vor Ceuta gehaust, bis es ihm, gemeinsam mit hunderten anderen, Mitte der Woche glückte, über den Zaun zu klettern. Fünf seiner Reisegefährten kamen bei dem Einfallversuch ums Leben. Wer sie erschossen hat, ist Gegenstand einer heftigen Diskussion in Spanien und Marokko.

Ceuta wird zu weltweiten Chiffre

"Ich will in Europa arbeiten, um Geld nach Hause zu schicken", sagt Ayuba. Zuhause war er Farmarbeiter. Er lebte in einer Hütte und hasste sein Leben von Tag zu Tag mehr. "Jetzt wird alles besser", hofft er. In ein paar Wochen werden die spanischen Behörden ihn wohl aufs Festland bringen müssen, weil die Aufnahmekapazitäten in Ceuta wieder einmal erschöpft sind. Man wird Ayuba dann offiziell auffordern, das Land wieder zu verlassen. Aber inoffiziell weiß jeder, dass Ayuba das nicht tun wird. Ayuba wird stattdessen, wie die anderen auch, auf den Plantagen der Iberischen Halbinsel schuften oder in den Straßen Sonnenbrillen verkaufen oder weiter in den Norden Europas ziehen und sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen. Wer es bis hier geschafft hat, der geht nicht mehr freiwillig zurück. Der hält einen dicken Zipfel vom Glück, von dem er geträumt hat, in der Hand.

Auffanglager von Ceuta: "Europe, direct"
REUTERS

Auffanglager von Ceuta: "Europe, direct"

Ayubas Geschichte ist typisch für die Schwarzafrikaner unter den Migranten. Sie stellen die große Mehrheit unter denen, die nach Ceuta streben; in jedem Jahr sind es Tausende. Doch das Wort Ceuta hat längst nicht mehr nur in Afrika einen goldenen Klang. Denn auch die internationale Elendsflucht kennt die Globalisierung. Die 16 Quadratkilometer kleine Exklave ist zur weltweiten Chiffre für die Chance auf bescheidenen Wohlstand avanciert. Ein Besuch beim "Centro de Estancia temporal des Inmigrantes", kurz C.E.T.I., dem offiziellen Auffanglager von Ceuta, beweist das: Ausgestattet mit gespendeten Kleidern und grünen Plastikausweisen gehen hier Iraker, Inder, Pakistaner und Algerier ein und aus. Ein Lager mit Seeblick und Grünanlage. Sogar Chinesen hat man am Strand von Ceuta schon aufgefunden - das ist jetzt die zweite Route: Wer den Zaun vermeiden will, lässt sich auf dem Meer absetzen, um hier an Land zu schwimmen.

Halb Piratennest, halb Urlaubsparadies

Ceuta, halb heruntergekommenes Piratennest, halb ewig sonniges Urlaubsparadies, geht erstaunlich gelassen mit der Migrantenflut um. Übergriffe gibt es nicht, sagen die C.E.T.I.-Bewohner. Und es gibt etliche Organisationen wie "La Cruz Blanca", die aushelfen, wenn C.E.T.I. wieder einmal, nach einem Massenansturm, überfüllt ist. Doch die Einwohner von Ceuta sind zugleich überzeugt, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Die Zahlen steigen und die Todesschüsse vom Donnerstag zeigen, dass die EU keine Antwort auf den Migrationsdruck auf das Städtchen hat. Nun wird der Zaun auf sechs Meter erhöht, die Armee übernimmt die Kontrolle. Es soll noch weniger Gewinner geben und noch mehr Verlierer, die wieder umkehren. Doch in Wahrheit ist die Antwort, die fehlt, nicht die nach der Höhe des Zauns. Es geht darum, wie man die Migranten davon abhalten könnte, ihre Heimat überhaupt erst zu verlassen. Ceuta liegt an der Naht zwischen erster und dritter Welt - aber solange Europa wie ein Traum erscheint, werden weiter nachts Menschen um den Zaun schleichen und Leitern basteln.

Die Geschichte des Bangladeschers Nadem Waheed vermittelt einen Eindruck davon, welche unfassbaren Strapazen die Menschen auf sich zu nehmen bereit sind, um nach Europa zu gelangen. "Mein Einkommen in Dhaka reichte nicht für mich, meine Frau und meine beiden Söhne", berichtet der 38-Jährige, der in Trainigsanzug und Schlappen vor dem C.E.T.I. in der Sonne steht. "Schon gar nicht, um die Kinder auf die Schule zu schicken." Umgerechnet 5000 Euro besorgte sich Nadeem, um den Schlepper zu bezahlen, der ihm dafür "Europe, direct" versprach. Doch der direkte Weg zum Glück war eine Lüge. Stattdessen folgte für Nadeem ein Treck des Grauens, in dessen Verlauf etliche Menschen sterben mussten.

Verdurstete im Wüstensand

Zunächst verfrachtete der Schlepper Nadeem und seine Reisegefährten auf ein Containerschiff. Nach vielen Wochen, Nadeem weiß nicht, wie viele, erreichte der Seelenverkäufer die westafrikanische Küste. Von dort ging es, zu Fuß, weiter nach Mali. "Dort packten sie dann jeweils 15 von uns auf einen Pick-up-Jeep und wir durchquerten die Sahara", berichtet Nadeem. "Das alleine dauerte 23 Tage und wir hatten kaum zu trinken". Viele verdursteten, sagt Nadeem. Ihre Leichen wurden im Sand zurück gelassen. "Ich war die meiste Zeit kaum bei Sinnen, ich dachte, das hört nie wieder auf. Ich wusste nicht, wo ich war und hatte große Angst", erinnert er sich. "Dann sahen wir endlich das Meer."

Spanische Exklave Ceuta: Grenzsoldaten patroullieren am meterhohen Stacheldrahtzaun
AP

Spanische Exklave Ceuta: Grenzsoldaten patroullieren am meterhohen Stacheldrahtzaun

An diesem Punkt dache Nadeems Gruppe, die Reise sei zu Ende. Doch tatsächlich hatten die Migranten gerade erst das marokkanische Casablanca, an der Atlantikküste, erreicht. Hier pferchte der Schlepper die Inder und Bangladescher nun auf "pateras", winzige Boote, und der Horror ging weiter: "Die Boote kenterten ständig", sagt Nadeem. "Und wieder mussten viele Leute sterben, die sie einfach ertrinken ließen." Jetzt wartet Nadeem darauf, dass auch er aufs spanische Festland verschifft wird.

Bis heute lassen die Bilder seiner grauenhaften Reise ihn manchmal nicht schlafen, sagt Nadeem. Er ist einsam. Seit über einem Jahr hat er nicht mehr mit seiner Frau und seinen Söhnen gesprochen. Er weiß nicht einmal, ob er seine Familie je wieder sehen wird. Trotzdem sagt er: "Ich bin glücklich". So sehen Gewinner aus, zumindest hier, in Ceuta.



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