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Europas Grenzen Flüchtlinge sollen Schleppern 15 Milliarden Euro gezahlt haben

Bootsflüchtlinge vor Sizilien: Milliardengeschäft Überfahrt
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Bootsflüchtlinge vor Sizilien: Milliardengeschäft Überfahrt


Ein Rechercheteam hat das Geschäft rund um die Flüchtlingsströme vermessen: Demnach hat Europa seit 2000 allein 12,9 Milliarden Euro ausgegeben, um Migranten abzuwehren. Diese aber zahlten noch mehr Geld an Schlepper.

Das Flüchtlingsdrama an Europas Grenzen hat sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Sowohl die europäischen Staaten als auch die Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren Beträge in zweistelliger Milliardenhöhe ausgegeben.

Ein internationales Journalistenteam will den neuen Wirtschaftszweig vermessen haben. Demnach haben Migranten und Flüchtlinge seit dem Jahr 2000 mehr als 15,7 Milliarden Euro an Schlepper gezahlt, um über das Mittelmeer oder auf dem Landweg Europa zu erreichen.

Die EU-Staaten hätten ihrerseits 12,9 Milliarden Euro ausgegeben - allein, um Flüchtlinge abzuschrecken und abzuschieben.

Die Zahlen hat ein Team aus 20 europäischen Journalisten, Programmierern und Statistikern errechnet. Die Recherche "The Migrants' Files" wurde von der Datenjournalismus-Agentur "Journalism++" koordiniert, Partner sind etwa der SRF in Zürich und das italienische Magazin "L'espresso".

Den Großteil der Kosten machen in ihrer Rechnung Abschiebungen aus. Diese "Ausschaffungen" aus EU-Staaten sowie Norwegen, der Schweiz und Island hätten in den 15 Jahren 11,3 Milliarden Euro verschlungen. Zurzeit wendeten die Staaten demnach Jahr für Jahr knapp eine Milliarde Euro auf.

Wie kommen die Rechercheure auf ihre Zahlen? Nach ihren Angaben werteten sie mit datenjournalistischen Methoden einen Vielzahl an öffentlich zugänglichen Quellen wie Medienberichte und Regierungsdokumente aus.

Die einzelnen Staaten erheben keine Gesamtstatistiken für diese Kategorien. Man habe für die Erhebung Kosten verschiedener Ministerien und Behörden zusammengefasst: etwa die Kosten von Deportationen, Personal- und Sachausgaben in Abschiebelagern oder Zahlungen an abzuschiebende Personen.

Das Team untersuchte auch 39 Forschungs- und Entwicklungsprojekte und kommt zu dem Schluss, dass einige der größten europäischen Rüstungsunternehmen wie Airbus oder Finmeccanica vom Abwehrkampf gegen die Flüchtlinge profitieren.

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Auf Seiten der Flüchtlinge wurden Angaben zu den Kosten vieler einzelner Überfahrten zusammengetragen, auch hier vor allem aus Berichten von Medien, NGOs und Forschern. Davon ausgehend wurden Durchschnittspreise für die von Frontex identifizierten Hauptrouten errechnet, über die Flüchtlinge nach Europa gelangen.

Am teuersten war demnach in den vergangenen fünf Jahren die Landroute über den Westbalkan. Im Mittel kostete sie rund 2500 Euro pro Person (Median).

Die tatsächliche Summe, die Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa in den vergangenen Jahren gezahlt haben, sei noch höher, argumentieren die Autoren. Schließlich hätten etwa nicht die Ausgaben derjenigen berücksichtigt werden können, die mit gefälschten Pässen unerkannt ins Land gelangt seien. Und ebenso wenig die Zahlungen jener geschätzt 29.000 Menschen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind.

Es sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wo landen sie? Wo finden sie Zuflucht? Der Bericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR liefert überraschende Antworten.

fab/che

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