Miguel Díaz-Canel übernimmt in Kuba Von Castros Gnaden

Miguel Díaz-Canel greift in Kuba nach der Macht - als erster Nicht-Castro seit Jahrzehnten. Doch wie viel Raum gewähren ihm die alten Granden? Und will der als Hardliner geltende neue Präsident überhaupt Reformen?

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Von , Mexiko-Stadt


Es gab Zeiten, da trug Miguel Díaz-Canel die Haare lang und stand auf Rockmusik. Er fuhr lieber Fahrrad als Auto und machte sich in den Achtzigerjahren für den Erhalt eines Klubs stark, der "Das Mischmasch" hieß. Dort trafen sich Künstler, Rocker, Bohemiens und Transvestiten. Vieles davon galt im revolutionären Kuba als mindestens verdächtig, lange Haare und Rockmusik gar als subversiv.

Und heute? Hält Díaz-Canel die grauen Haare kurz, wirkt stets ernst, weicht kaum von der Seite Raúl Castros und sagt gerne Apparatschik-Sätze wie diesen: "Die kubanischen Präsidenten werden stets die Revolution verteidigen." Nun wird er selbst Staatspräsident und Nachfolger des scheidenden Castro II.

Auf seinem langen Weg durch die Institutionen des kubanischen Staatsapparates wurde aus Díaz-Canel allmählich der Stromlinienkader, als der man es in der Kommunistischen Partei nach oben schafft. "Als Teenager und junger Erwachsener war er nicht derjenige, der er heute ist", sagt Santiago Alpizar, ein Anwalt in Miami, der früher im selben Freundeskreis wie Díaz-Canel verkehrte. "Als Student war er freundlich und trug die blonden Haare lang", erinnert sich Alpizar. Er sei "jovial" gewesen und habe Gespräche über Politik vermieden.

Irgendwann danach muss die Veränderung begonnen haben, erinnerte sich Guillermo Fariñas gegenüber dem US-Sender NBC. Heute einer der härtesten Gegner der Regierung, war er damals ein enger Freund von Díaz-Canel. Bis dieser sich auf der Uni für Fariñas' Rauswurf starkmachte. Sein Vergehen: die Lektüre von Sigmund Freud.

Vor einigen Monaten trafen sich die beiden unter ganz anderen Umständen wieder. Fariñas lag im Krankenhaus und erholte sich von einem Hungerstreik, als Díaz-Canel nach einem Stromausfall in seiner Funktion als Erster Vizepräsident vorbeischaute. Er verweilte einen Moment an Fariñas' Krankenlager und erkundigte sich anschließend bei den Ärzten, was der Genesung des Dissidenten förderlich sei. Als die Antwort "Kondensmilch" lautete, ließ Díaz-Canel dieses auf der Insel knappe Gut für den ehemaligen Freund ins Krankenhaus liefern.

Diaz-Canel ist den meisten Kubanern kein Begriff

Der Aufstieg des stillen Kaders zum Staatspräsidenten ist eine Zäsur. Der Mann, der am Freitag 58 Jahre alt wird, ist der erste Politiker an der Spitze Kubas, der nicht der "historischen Generation" der Revolutionäre angehört, die Ende der Fünfzigerjahre den Sturz des Diktators Fulgencio Batista betrieben. Ihm fehlt diese natürliche Legitimation. Die Kubaner werden seine Arbeit daher sehr viel kritischer beurteilen als die seiner fast unantastbaren Vorgänger Fidel und Raúl Castro.

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Wechsel an Kubas Staatspitze: Still und machthungrig

Díaz-Canel hingegen hat nicht einmal den Moment erlebt, als die Castro-Brüder, Che Guevara und Dutzende bärtige Mitkämpfer am 1. Januar 1959 triumphierend in Havanna einmarschierten. Der neue Staatschef, den Raúl Castro schon vor fünf Jahren für seine Nachfolge ausgeguckt hatte, wurde mehr als ein Jahr später geboren.

Als Kader wuchs der neue Staatschef in Villa Clara, weit weg vom Machtzentrum Havanna heran, wo alle wichtigen Entscheidungen auf der kommunistischen Insel getroffen werden. Und so ist der studierte Elektroingenieur, zum zweiten Mal verheiratet und Vater zweier Kinder, auch den meisten Kubanern kein Begriff. "Díaz-Canel ist auch für uns ein Unbekannter", sagt der kubanische Ökonom Pavel Vidal. "Er hat sich in den Jahren, nachdem Castro ihn an den inneren Machtzirkel herangeführt hat, kaum aus der Deckung gewagt", sagt der Professor an der Universität Javeriana im kolumbianischen Cali.

Díaz-Canel stieg 2003 als jüngstes Mitglied ins Politbüro der KP auf. 2009 machte ihn Castro II. zum "Minister für Höhere Bildung" und vier Jahre später zu seinem Ersten Stellvertreter. Er sei kein "Emporkömmling", sondern ein erfahrener politischer Führer, lobte der Präsident damals den neuen Vizepräsidenten. Und spätestens da war allen Beobachtern klar: Díaz-Canel dürfte es werden.

In seinen wenigen öffentlichen Auftritten gab sich der Nachfolger stets als Hardliner. Auf einem Video eines internen Parteitreffens, das im August an die Öffentlichkeit gelangte, sieht man Díaz-Canel gegen kritische Medien wettern und sich mit seinen Erfolgen im Kampf gegen die oppositionelle Zivilgesellschaft brüsten. Barack Obamas Versuche, das US-Embargo gegen Kuba zu lockern, wertet er bei dem Treffen groteskerweise als den Versuch des damaligen US-Präsidenten, die Revolution zu zerstören.

Aber was sagt all das über seinen Reformwillen aus? Was will oder darf er verändern? "Zunächst wird es Kontinuität geben, und erst später werden wir den wahren Díaz-Canel sehen, der hoffentlich ein Reformer ist", sagt Pavel Vidal. "Denn Kuba braucht dringend Veränderungen, um überleben zu können." Am Anfang jedoch werde Castro "ihn nicht allein lassen", zumal dieser ja nach Lage der Dinge bis 2021 an der Spitze der Partei bleibt, der höchsten Instanz im kommunistischen Land.

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Kuba vor Ende der Castro-Ära: Das Erbe der Revolution

Die junge kritische Generation der Kubaner setzt wenig Hoffnung auf den neuen Staatschef: "Sein einziges Verdienst ist es, nach der Revolution geboren zu sein und es gewagt zu haben, sich mit dem Tablet-Computer in eine Politbüro-Sitzung zu setzen", sagt Abraham Jiménez von der Onlinezeitschrift "El Estornudo". Ein Mann der Veränderungen sei er nicht.

Viel Arbeit für den neuen Mann an Kubas Spitze

Ökonom Vidal schließt hingegen nicht aus, dass der künftige Staatschef schneller zu Reformen gezwungen sein könnte, als es ihm lieb ist. "Kubas Wirtschaft braucht größere und schnellere Reformen." In erster Linie die Abschaffung der doppelten Währung. Seit etwa zwei Jahrzehnten jonglieren die Kubaner schon mit CUC und CUP, dem konvertiblen kubanischen Peso, der an den Dollar gebunden ist, und dem kubanischen Peso, der Währung für das Volk. So funktionieren keine Preisanreize, kein Betrieb kann produktiv arbeiten.

Auch das Problem der ineffizienten Staatsbetriebe müsse der neue Machthaber dringend angehen, betont Vidal. Schließlich arbeitet dort noch die Mehrzahl der Kubaner, ohne wirklich viel zu produzieren. Ferner müssten die Konditionen für ausländische Investoren verbessert und die Landwirtschaft modernisiert werden. Nach wie vor bekommt die Regierung die Menschen nur satt, weil sie 70 Prozent der Lebensmittel importiert.

Es gibt also reichlich Arbeit für den neuen Mann an der Spitze Kubas. Vermutlich mehr als er in den zehn Jahren bewältigen kann, die Díaz-Canel maximal an der Macht bleiben darf.

insgesamt 21 Beiträge
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carlitom 19.04.2018
1.
"Die alten Granden" sterben (leider sehr) langsam aber sicher auch weg. Dann ist der Typ sein eigener Chef, wenn sie nicht jetzt schon zu schwach sind, um ihm was entgegenzusetzen. Es spricht nichts dagegen, dass der Mann eigene Akzente setzt. Egal, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Die alten Zeiten mit Fidel und Co. sind lange, lange vorbei. Nostalgie (noch dazu unberechtigte) wird Kuba mit Sicherheit nicht in die Zukunft führen. Höchste Zeit, dass da mal was passiert.
Dr Vielgut 19.04.2018
2. Es gibt viele Menschen die einst langes Haar trugen ...
... und Rockmusik hörten. Vielleicht gab es damals für Herrn Díaz-Canel eine Zeit, in der er dem Westen sogar nacheiferte. Ich denke aber gerade in der allerjüngsten Zeit (z. B. in der der Westen über andere Länder herfällt), erkennen immer mehr Menschen, das der Sozialismus für eine Große Mehrheit, das gerechtere/friedlichere Gesellschafts-System darstellt ... vermutlich war es bei Herrn Díaz-Camel auch so.
ththt 19.04.2018
3. Kuba bleibt Kuba
Einseitiger kann man einen Artikel ja wohl nicht schreiben. Plötzlich wird ein Online-Blogger zum Sprachrohr der jungen kubanischen Generation. Wer schon mal auf Kuba war, weiß: die jungen Kubaner stehen zu 100% hinter der Revolution. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
conr0y 19.04.2018
4.
Hoffentlich ist er ein "Hardliner" und will KEINE Reformen nach dem Gusto der Bürgerlich-Liberalen und Reaktionären im Westen. Dann wäre Schluß mit null Kriminalität, guter, kostenloser Schulbildung für alle Bürger, der höchsten Alphabetisierungsrate in Lateinamerika und Schluß mit einem hervorragenden kostenlosen Gesundheitssystem. Kuba muß sozialistisch bleiben und das Erbe der Castros und Che Guevaras fortführen, sonst verkommt das Land im Nu zu einer instabilen Bananenrepublik im Hinterhof der USA, in dem wie in den anderen Bananenrepubliken Putsche, Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind und die Ressourcen und Erträge der Wirtschaft von einigen wenigen Oligarchen und einer korrupten Beamtenkaste außer Landes geschleppt und in diversen Steueroasen gebunkert werden, jedoch nicht dem Volke zugute kommen.
giftzwerg 19.04.2018
5. Humor
Zitat von ththtEinseitiger kann man einen Artikel ja wohl nicht schreiben. Plötzlich wird ein Online-Blogger zum Sprachrohr der jungen kubanischen Generation. Wer schon mal auf Kuba war, weiß: die jungen Kubaner stehen zu 100% hinter der Revolution. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
Und wie genau wissen Sie, dass die jungen Kubaner "zu 100%" hinter der Revolution stehen? Gibt es da zuverlässige wissenschaftliche Statistiken aus dem Politbüro Havanna zu?
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