Festung London: Britische Militärs starten Olympia-Manöver

Von , London

Wenige Monate vor der Eröffnungsfeier probt London für die Olympischen Spiele: Scharfschützen am Himmel, Luftabwehrraketen auf Wohnhäusern, Schnellboote auf der Themse - die britische Hauptstadt wird zur Festung.

Olympische Spiele in London: Britisches Militär probt für den Terrorangriff Fotos
REUTERS

Nein, London werde nicht zur Festung, betonte ein Vertreter der Londoner Polizei kürzlich. Bei den Olympischen Sommerspielen vom 27. Juli bis 12. August würden die Athleten im Vordergrund stehen, nicht der Aufmarsch der Sicherheitskräfte.

Doch haben die Bewohner der britischen Hauptstadt diese Woche wieder allen Grund, an den offiziellen Beteuerungen zu zweifeln. Ab Mittwoch soll an sechs Standorten im Osten der Stadt getestet werden, ob sie sich als Abschussbasis für Luftabwehrraketen eignen. Die Raketenwerfer sollen in einem weiträumigen Kreis um das Olympiagelände stationiert werden und mögliche Terrorangriffe aus der Luft verhindern.

Vier Raketenbatterien mit Rapier-Flugkörpern sind für öffentliche Parks vorgesehen, darunter ein Ort namens "Shooters Hill" in Greenwich. Zwei mobile Einheiten mit kleineren Starstreak-Raketen sollen auf dem Dach von Wohnhäusern in den Vierteln Bow und Waltham Forest eingerichtet werden.

Der Plan, der am Montag vom britischen Verteidigungsministerium bestätigt wurde, sorgte für heftige Reaktionen. Mehrere Bewohner des Bow Quarter, einer ehemaligen Streichholzfabrik mit über 700 Wohnungen, zeigten sich empört, dass sie vorher nicht gefragt wurden. Am kommenden Samstag wollen sie sich bei einem Treffen mit den Einsatzplanern beschweren.

"Es ist surreal", sagte Nathan Lewis, ein Software-Entwickler, der laut "Guardian" direkt unter dem geplanten Raketenwerfer wohnen wird. "Es ist ein Beispiel der verrückten Welt, in der wir seit dem 11. September 2001 leben. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand deshalb sicherer fühlt. Die Frage ist, ob das nicht uns zum Ziel macht".

Raketenwerfer auf dem Wasserturm

"Es war schon ein Schock", schrieb Anwohner Neil Midgley im "Daily Telegraph". "Die Leute, die hier wohnen, sind Banker aus der Canary Wharf, Kreative und junge Familien. Wir sehen selten jemand in Uniform".

Bereits am Wochenende hatte ein anderer Bewohner, der Journalist Brian Whelan, Alarm geschlagen, nachdem er in seinem Briefkasten ein Flugblatt des Verteidigungsministeriums gefunden hatte. Der alte Wasserturm in der Wohnanlage sei ein guter Standort für Raketenwerfer während der Olympischen Spiele, hieß es darin. Ein Trupp Soldaten werde diese Woche vorbeikommen und sich die örtlichen Gegebenheiten mal anschauen.

Das Bow Quarter liegt etwa drei Kilometer vom Olympiastadion entfernt. Laut Verteidigungsministerium bietet der Turm einen "hervorragenden Blick über die Umgebung und den gesamten Himmel über dem Olympiapark". Ideal also, um mögliche Terroristen-Flieger vom Himmel zu holen. Doch viele Bewohner fühlen sich überrumpelt. Die Nachbarn, mit denen er gesprochen habe, seien nicht glücklich darüber, sagte Whelan.

Das Verteidigungsministerium versuchte am Montag, die Wogen zu glätten. Die Raketen würden nur als "allerletztes Mittel" gegen einen Angriff aus der Luft eingesetzt, erklärte General Nick Carter, der für den Militäreinsatz während der Olympischen Spiele zuständig ist. "Wir bereiten uns auf das Worst-Case-Szenario vor, nicht auf das wahrscheinlichste."

Typhoon-Jäger, Lynx-Helikopter, Rapier-Raketen

Die Verteidigungsstrategie sei mehrstufig, erklärte der General. Zunächst sollten Typhoon-Jäger mögliche Angreifer abfangen. Dringe ein Flugzeug dennoch in den gesperrten Luftraum ein, sollten die Boden-Luft-Raketen zum Einsatz kommen.

Gegen langsam und tief fliegende Ziele stehen laut Carter außerdem Hubschrauber mit Scharfschützen bereit. Vier Lynx-Hubschrauber können vom Hubschrauberträger "HMS Ocean" aufsteigen, der auf der Themse liegen wird. Dazu kommen drei Puma-Hubschrauber vom Armeehauptquartier in Ilford. Die Scharfschützen sollen im Ernstfall die Piloten im Cockpit erschießen, sagte der General.

Das achttägige Manöver zur Luftverteidigung, das am Mittwoch beginnt, ist die jüngste Demonstration der Militärmacht an der Themse. Kampfflugzeuge und Hubschrauber werden im Tiefflug über die Stadt donnern, die Raketenwerfer werden mit Dummy-Raketen auf den Dächern stationiert.

Bereits im Januar hatten Marine-Spezialeinheiten eine Anti-Terror-Show auf der Themse vorgeführt. Bei der Operation fuhren Royal Marines und Scotland Yard in schwarzen Schnellbooten Wettrennen vor den Hochhäusern der Canary Wharf und demonstrierten unter anderem, wie sie eine von Terroristen gekaperte Fähre entern würden.

Kritiker monieren Militarisierung der Spiele

Mit den öffentlichen Manövern wollen die Sicherheitsverantwortlichen zeigen, dass sie auf alles vorbereitet sind - sowohl auf Attacken im "9-11-Stil" als auch im "Mumbai-Stil". Aus Sicht der Kritiker tragen sie jedoch zur Militarisierung der Olympischen Spiele bei - und senden eine falsche Botschaft in die Welt. Schließlich lenkt eine erdrückende Militärpräsenz nur vom Sport ab.

Tatsächlich wird es in den beiden August-Wochen vor Sicherheitskräften nur so wimmeln: Rund 40.000 Männer und Frauen schützen die Olympischen Spiele, darunter 13.500 Soldaten. Zwar helfen die Truppen vor allem bei den Sicherheitskontrollen auf dem Olympiagelände, weil private Sicherheitskräfte fehlen, aber sie werden kaum zu übersehen sein. Die Veranstalter werden sich anstrengen müssen, damit nicht der falsche Eindruck entsteht.

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insgesamt 78 Beiträge
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    Seite 1    
1. .........
janne2109 01.05.2012
ist es nicht grauenvoll wie man sich während einer Welt-Sportveranstaltung schützen muss?? Jeder von uns sollte sich das mal auf der Zunge zergehen lassen und seinen Teil - wie immer er aussehen kann-- dazu beitragen, dass die Welt wenigstens bei solchen Veranstaltungen friedlich bleibt, quatsch generell friedlicher wird.
2. es gab mal zeiten, da...
spargel_tarzan 01.05.2012
Zitat von sysopREUTERSWenige Monate vor der Eröffnungsfeier probt London für die Olympischen Spiele: Scharfschützen am Himmel, Luftabwehr-Raketen auf Wohnhäusern, Schnellboote auf der Themse - die britische Hauptstadt wird zur Festung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830705,00.html
wurden kriege für die ausrichtung der olympischen spiele unterbrochen. nun ist es wieder so, nur, daß die olympischen spiele für kriege unterbrochen werden. die britischen sicherheitsapokalyptiker würden wohl am liebsten die olympischen spiele virtuell auf dem ipad abhalten wollen oder warum nicht gleich im knast, wer nicht raus kommt, kommt auch nicht rein. schon obelix wußte: die spinnen, die briten...
3. Muß natürlich sein
prospektor 01.05.2012
Aber ironisch wär's trotzdem, wenn Terroristen eine solche Raketenbatterie kapern und damit ins Stadion ballern oder zivile Maschinen vom Himmel holen. Die Bedienungsanleitung gibt's doch sicher irgendwo im Internet - obwohl, bei unserer Pzf 3 war sie ja sogar aufs Gerät gedruckt, mit Bildern, damit auch der dümmste Soldat kapiert wie's geht. Vielleicht ist's bei den Briten ähnlich. Schau'n mer mal.
4.
inci2 01.05.2012
Zitat von janne2109ist es nicht grauenvoll wie man sich während einer Welt-Sportveranstaltung schützen muss?? Jeder von uns sollte sich das mal auf der Zunge zergehen lassen und seinen Teil - wie immer er aussehen kann-- dazu beitragen, dass die Welt wenigstens bei solchen Veranstaltungen friedlich bleibt, quatsch generell friedlicher wird.
ist es nicht grauenvoll, wie seit 9/11 die hysterie die welt regiert? ich denke mal, 90% der menschen tut genau das. aber die restlichen 10% sind sehr daran interessiert, das es nicht friedlich ist, bleibt oder wird. im gegenteil. in den 10% sind auch die vertreten, die gut, bzw. bestens davon leben für die hysterie zu lobbysieren.
5. Sinn..?
kn4llfrosch 01.05.2012
Lächerlich. Also wer denkt, dass Luftabwehrsysteme notwendig oder gar nützlich wären bei einer solchen Veranstaltung, der hat, gelinde gesagt, einen an der Waffel. Keine Nation der Welt würde dieses Jahr eine internationale Großveranstaltung mit Raketen/Flugzeugen angreifen. Natürlich besteht die Gefahr eines Angriffs, aber dann wohl doch eher ein Koffer/Autobomber. Wozu die Luftabwehrsysteme gut sein sollen...
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