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Militärdokumente: WikiLeaks enthüllt Guantanamo-Geheimnisse

Es sind mehr als 700 Dokumente - und sie geben detaillierte Einblicke in die Vorgänge und Praktiken im Gefangenenlager Guantanamo: Das Portal WikiLeaks hat umfangreiche Unterlagen des amerikanischen Militärgeheimdienstes veröffentlicht. Sie belegen, dass viele Inhaftierte zu Unrecht festgehalten wurden.

Gefangenenlager Guantanamo: Synonym für unmenschliche Behandlung Fotos
AP

Hamburg - Wenig dringt aus dem umstrittenen Gefangenenlager Guantanamo nach draußen. Nun wurden über WikiLeaks geheime Dokumente veröffentlicht, die einen bisher einmaligen Einblick in das Gefängnis auf Kuba geben. Die Aufzeichnungen schildern das Leben hinter den Gefängnismauern, die Vorwürfe gegen die Inhaftierten sowie deren Behandlung. Und die Unterlagen belegen, dass in vielen Fällen die Anschuldigungen vor einem Straf- oder Militärgericht keinen Bestand gehabt hätten - zu zahlreich sind Widersprüche, zu lückenhaft ist die Beweislage.

Die Dokumente, die als "secret" gekennzeichnet sind, wurden zwischen Februar 2002 und Januar 2007 vom militärischen Geheimdienst verfasst und nun von WikiLeaks sowie US-amerikanischen und europäischen Medien veröffentlicht. Neben der " New York Times" und dem "Guardian" liegen die Unterlagen auch dem SPIEGEL vor, weitere Berichte auf SPIEGEL ONLINE folgen.

Auf Tausenden Seiten wurden Informationen über den Großteil der Gefangenen festgehalten. Insgesamt gibt es zu 758 der 779 Inhaftierten solche Akten der "Joint Task Force", die unter anderem die Empfehlungen darüber enthalten, ob die Männer weiter in Haft bleiben sollten oder freigelassen werden könnten.

Die "Gitmo Files", wie WikiLeaks sie nennt, enthüllen dem Portal zufolge nach genauer Untersuchung, dass "nur einige Dutzend Häftlinge wirklich der Verwicklung in Terrorismus beschuldigt" werden konnten. "Die restlichen waren entweder unschuldige Männer oder Jungen, die aus Versehen festgenommen wurden, oder Fußsoldaten der Taliban, die nichts mit Terrorismus zu tun hatten", heißt es bei WikiLeaks.

Die US-Regierung verurteilte den Geheimnisverrat und bezeichnete die Veröffentlichungen der Dokumente als "unglücklich".

Schilderungen über Vorgehen des Geheimdienste

Die "New York Times" schildert den Fall des Gefangenen 1051, der im Mai 2003 in Afghanistan in der Nähe eines Bombenanschlags festgenommen wurde. Den Dokumenten zufolge glaubten ihm Befrager und Analysten in Guantanamo, dass er keine Kenntnis von "einfachen militärischen und politischen Konzepten" habe - dennoch wurde er von einem Militärtribunal als "feindlicher Kämpfer" eingestuft und erst 2006 nach Hause geschickt.

Der "Guardian" schildert den Fall des Briten Jamal al-Harith, der nach Guantanamo gebracht wurde, weil er in einem Taliban-Gefängnis festgehalten worden war und möglicherweise Wissen über die Verhörmethoden hätte preisgeben können. Ein anderer Brite sei noch gefoltert worden, nachdem die Anschuldigungen gegen ihn fallengelassen worden waren.

Der laut WikiLeaks faszinierendste Teil sind die Schilderungen über die Vorgehensweise des Geheimdienstes. Sie bieten einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise und die Aussagen von Zeugen. Allerdings seien diese mit Vorsicht zu lesen, da sie möglicherweise unter Folter oder aus eigennützigen Motiven zustande gekommen sind.

Details über das Leben in Haft

Die Aufzeichnungen bringen auch neue Details über den wohl bekanntesten Guantanamo-Häftling: Chalid Scheich Mohammed, der nach eigenen Angaben der Strippenzieher der Anschläge vom 11. September 2001 ist. Den Dokumenten zufolge hat er laut "New York Times" im Frühjahr 2002 einen Mann aus Baltimore zu einem Bombenanschlag auf den damaligen pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf angestiftet. Allerdings habe sich dies nur als Test für seine "Bereitschaft, für die Sache zu sterben" herausgestellt.

Die Dokumente liefern unzählige weitere Details über die Situation in Guantanamo: wie Geheimdienstmitarbeiter aus aller Welt in das Lager kamen, um mit Gefangenen zu sprechen, an welchen Krankheiten die Inhaftierten litten, wie sie sich gegenüber den Wärtern verhielten. Die Inhaftierten setzten sich demnach mit den Mitteln zur Wehr, die ihnen blieben: Sie traten in Hungerstreik, warfen mit Fäkalien um sich, beschimpften Wärter.

Unter den Dokumenten sind Unterlagen über die ersten 201 Gefangenen, die zwischen 2002 und 2004 freigelassen wurden und über die bisher nichts an die Öffentlichkeit gedrungen war. Auch über die sieben Männer, die in der Gefangenschaft starben, gibt es Daten.

172 verbliebene Häftlinge als "großes Risiko" eingestuft

Den Dokumenten zufolge werden die meisten der 172 noch Inhaftierten als "großes Risiko" für die Sicherheit der USA und der westlichen Alliierten eingestuft - falls sie ohne angemessene Überwachung entlassen würden. Doch die Unterlagen zeigen aber auch, dass rund ein Drittel der bereits aus Guantanamo entlassenen Häftlinge ebenso eingestuft worden war. Die Männer wurden dann doch in die Freiheit entlassen oder in andere Länder überführt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte US-Präsident George W. Bush den Krieg gegen den Terror ausgerufen. Für Terrorverdächtige richtete seine Regierung auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay im Süden Kubas ein Gefangenenlager ein. Seit Anfang 2002 werden dort vor allem mutmaßliche Taliban- und Qaida-Mitglieder festgehalten, denen die Rechte als Kriegsgefangene verwehrt bleiben.

Durch Berichte über Misshandlungen, Erniedrigungen und Folter von Häftlingen wurde Guantanamo zum Synonym für die willkürliche und unmenschliche Behandlung von Gefangenen.

Derzeit sitzen in dem umstrittenen Gefangenenlager auf Kuba noch 172 Häftlinge ein. Rund 100 von ihnen sollen in ihre Heimat oder in Drittländer abgeschoben werden, 33 Terrorverdächtigen soll wegen Kriegsverbrechen der Prozess gemacht werden. Knapp 50 Häftlinge sollen nach den Plänen der US-Regierung ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit hinter Gittern bleiben.

siu/AP

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1. mmmh
HuFu 25.04.2011
Zitat von sysopEs sind mehr als 700*Dokumente - und sie geben detaillierte Einblicke in die Vorgänge und Praktiken im Gefangenenlager Guantanamo: Das Portal WikiLeaks hat umfangreiche Unterlagen des amerikanischen Militärgeheimdienstes veröffentlicht. Sie belegen, dass viele viele Inhaftierte zu Unrecht festgehalten wurden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758874,00.html
Ich höre immer "wurden veröffentlicht, auch der Spiegel..." WANN lese ich denn direkt mal was von wichtigen Dokumenten HIER? Wie man über Angela und Westerwelle denkt, das waren doch keine wichtigen Infos.
2. Titel
Bombenkönig 25.04.2011
Toll- Dokumente die den Zeitungen vorliegen, die der Leser allerdings nie umgeschwärzt sehen wird. Die Zensur übernehmen diesmal freiwillige Zeitungen! Lang lebe die Meinungsfreiheit.
3. Schweigen
LeisureSuitLenny 25.04.2011
Zitat von sysopEs sind mehr als 700*Dokumente - und sie geben detaillierte Einblicke in die Vorgänge und Praktiken im Gefangenenlager Guantanamo: Das Portal WikiLeaks hat umfangreiche Unterlagen des amerikanischen Militärgeheimdienstes veröffentlicht. Sie belegen, dass viele viele Inhaftierte zu Unrecht festgehalten wurden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758874,00.html
Dazu wird der US-Präsident wieder dezent schweigen. Genauso wie zum Thema Wikileaks allgemein. Wenn er wirklich etwas ändern könnte, würde er es auch tun. Aber diese Themen zeigen: er steckt genauso tief in der Konsenzsosse wie seine Vorgänger. Effektiv ist er nur eine Marionette, die mit Haushaltszahlen jongliert.
4. .... wen soll das denn interessieren?
tserclaes-graf-von-tilly 25.04.2011
.. mir ist es völlig egal, wer uund warum er dort "sitzt", entscheidend ist, daß Gefahren damit abgewehrt werden, deshalb müssen leider jene Opfer bringen für die allgemeine Welt, die sich bei den Taliban, an der Grenze oder wo auch immer haben blicken lassen ... selbst schuld!, zu Unrecht ... wenn man das schon hört ...
5. Diktatur
ryul 25.04.2011
Alle US Diplomaten ausweisen und für Staatsbedienstete Einreiseverbote verhängen. Aber was red ich, ist doch alles super. Hauptsache wir kritisieren und drohen China, die ja ach so böse mit Systemkritikern umspringen. Witzlose Welt.
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Die Guantanamo-Dokumente

Hintergründe zu Guantanamo
Lager
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rief US-Präsident George W. Bush den Krieg gegen den Terror aus. Für Terrorverdächtige richtete seine Regierung auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay im Süden Kubas ein Gefangenenlager ein. Seit Anfang 2002 werden dort vor allem mutmaßliche Taliban- und Qaida -Mitglieder festgehalten, denen die Rechte als Kriegsgefangene verwehrt blieben. Durch Berichte über Misshandlungen, Erniedrigungen und Folter von Häftlingen wurde Guantanamo zum Synonym für die willkürliche und unmenschliche Behandlung von Gefangenen.
Status
Der Marinestützpunkt Guantanamo Bay liegt außerhalb des US-Territoriums und gehört de jure zu Kuba. Die zivile Gerichtsbarkeit der USA hat auf das vom Militärrecht bestimmte Gelände keinen unmittelbaren Zugriff. Washington bezeichnete die Gefangenen aus dem Krieg gegen den Terror als "unlawful enemy combatants" und erkannte sie nicht als Kriegsgefangene an, so dass für sie die Genfer Konvention nicht greift. Stattdessen galt ein von Präsident Bush verordnetes Regelwerk, das unter anderem die Aburteilung von Gefangenen vor einem Militärtribunal regelte. Dies führte weltweit zu Protesten. 2006 erklärte der Supreme Court die Militärtribunale in Guantanamo für verfassungswidrig und stellte die Häftlinge unter den Schutz der Genfer Konvention.
Kritik
Die Zustände in Guantanamo haben – neben den Vorkommnissen in Abu Ghuraib – dem Ruf der USA schwer geschadet, die als globale Schutzmacht von Freiheit und Demokratie auftreten. Guantanamo wurde zum Synonym für Häftlingsfolter und für eine Justiz ohne Rechtstaatlichkeit. Menschenrechtler fordern seit langem die Schließung des Lagers.
Häftlinge
Rund 770 mutmaßliche Mitglieder und Sympathisanten der Taliban und der Qaida aus mehr als 40 Ländern haben in den vergangenen sieben Jahren in Guantanamo eingesessen. Etwa 500 wurden im Lauf der Jahre entlassen und größtenteils in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Etwa 180 Terrorverdächtige sind derzeit noch in den Camps inhaftiert, der größte Teil ist jemenitischer, afghanischer oder algerischer Herkunft.
Bekannte Häftlinge:
Chalid Scheich Mohammed , selbsternannter Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001
Ramzi Binalshibh , ehemaliger Mitbewohner des Todespiloten Mohammed Atta
Murat Kurnaz , in Bremen geborener, türkischer Staatsbürger
David Hicks, bekanntgeworden als australischer Taliban

Bauten
Auf dem Gelände des US-Marinestützpunkts Guantanamo Bay gibt es mehrere Camps. Das berüchtigte Camp X-Ray, in dem Terrorverdächtige in orangefarbenen Overalls in Drahtkäfigen einsaßen, wurde noch 2002 geschlossen. Hauptkomplex des Gefängnisses ist das Camp Delta. Es wird von der Joint Task Force Guantanamo (JTF-GTMO) betrieben.
Verhörmethoden
Schließung
Barack Obama, der im Januar 2009 Nachfolger von Bush als US-Präsident wurde, hat bei seinem Amtsantritt angekündigt, das Gefangenenlager in Guantanamo schließen zu wollen. Er nannte ursprünglich den 20. Januar 2010 als Termin - die Schließung verzögert sich jedoch. In den USA gibt es Widerstand gegen den Plan, einen Teil der Häftlinge in das Hochsicherheitsgefängnis in Thomson, Illinois, zu verlegen.
Umgang mit den verbliebenen Häftlingen
Im Juli 2010 saßen laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International noch 180 Häftlinge in dem Lager. Eine Taskforce wurde in den USA mit der Überprüfung der Häftlinge beauftragt. US-Zeitungen zitierten im Juni 2010 aus einem Bericht, wonach das Gremium empfiehlt, 126 der verbliebenen Gefangenen in ihre Heimat oder Drittländer zu schicken. 36 sollten demnach vor ein Bundes- oder Militärgericht gestellt, und 48 sollten unter Berufung auf das Kriegsrecht auf unbestimmte Zeit festgehalten werden.
Aufnahme von Häftlingen durch Drittstaaten
Seit Obamas Amtsantritt wurden laut Amnesty International etwa 60 Gefangene entlassen, 33 von ihnen kehrten nicht in ihre Herkunftsländer zurück, sondern wurden von anderen Ländern aufgenommen. Dutzende weitere Gefangene werden von den USA als nicht länger gefährlich eingestuft. Da ihnen in ihren Heimatländern Verfolgung droht, suchen die USA nach Drittstaaten, die sie aufnehmen. Deutschland wird zwei Ex-Insassen aufnehmen.

Amnesty International zufolge haben in Europa bereits die Schweiz, Frankreich, Portugal, Belgien, Ungarn, die Slowakei, Georgien, Albanien, Bulgarien, Irland und Spanien Ex-Guantanamo-Gefangene aufgenommen.

Fotostrecke
US-Internierungslager Guantanamo: Im Schattenreich der Folterknechte


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