Militäreinsatz in Mali: Feiern in der Geisterstadt

Aus Timbuktu berichtet Thilo Thielke

Timbuktu: Riesenfreude trotz brüchigem Friede Fotos
AP

Frankreichs Präsident hat die legendäre Wüstenstadt Timbuktu besucht. Auf den Straßen wurde gefeiert, doch noch immer leiden die Bewohner unter den Folgen der islamistischen Terrorherrschaft.

Mohammed ist glücklich. Den ganzen Vormittag ist der 22-Jährige durch die staubigen Straßen seiner Stadt gelaufen und hat "Vive la France" gerufen. Der französische Präsident Hollande hatte seinen siegreichen Truppen einen Besuch in Timbuktu abgestattet. Nun lehnt Mohammed erschöpft an einer lehmigen Hauswand und holt Luft.

"Wenn die Franzosen nicht gekommen wären, wären wir immer noch die Sklaven der Dschihadisten", sagt er und deutet auf eine vorbeirollende Militärkolonne mit der französischen Trikolore, die sich an einem Eselskarren vorbeischiebt.

Die blonden Muskelmänner hinter den Maschinengewehren winken gerne zurück. Sie tragen Ray-Ban-Sonnenbrillen und kauen Kaugummi, ganz lässig, als sei der ganze Krieg gegen die Islamisten, die vor wenigen Tagen aus der Wüstenstadt vertrieben wurden, ein Kinderspiel gewesen.

Für den österreichischen Fremdenlegionär, der mit seiner Kampftruppe am Flughafen der Stadt lagert, war er das auch. "Kein Widerstand, gar nichts", sagt er, als sei er von der Kampfkraft seiner Feinde ein wenig enttäuscht gewesen.

In den ersten Tagen des Krieges bereits sei er als Fallschirmspringer nördlich von Timbuktu abgesprungen. Doch die Islamisten wären da bereits getürmt gewesen. Bloß jede Menge Munitionskisten und Waffen seien dem Franzosenbataillon in die Hände gefallen: "Zu kämpfen gab's da nicht viel." Nun steht er in der prallen Sonne herum und kämpft schon wieder gegen die Langeweile.

Noch immer erinnert das sagenumwobene Timbuktu am Rande der Sahara an eine Geisterstadt. Die wenigen Journalisten, die sich bis hierher durchschlagen konnten, hausen im heruntergekommenen Hotel Colombe und prosten sich mit lauwarmer Fanta zu, die findige Händler herbeigeschafft haben. Wüstensand weht durch die Straßen und auch jede Menge Müll. Die Straßen hierher werden streng vom malischen Militär abgesperrt. Es gibt nur ganz selten Strom und kein fließendes Wasser.

Wundmale am Hals

So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis Mohammed wieder Kundschaft hat. Bislang arbeitete der hagere junge Mann, der neben Englisch und Französisch auch Arabisch und sogar ein wenig Japanisch spricht, als Touristenführer. Die letzten Bildungshungrigen kamen 2011 zu ihm: "Sie besuchten die berühmten Bibliotheken mit den alten Handschriften, die Gräber der Heiligen und das Festival der Wüste."

Nun steht er vor den Trümmern der historischen Holzpforte, die zum Sidi-Mahmud-Friedhof führte. Die Islamistenkrieger, die Timbuktu Monate in ihrer Gewalt hatten, hatten sie mit Steinen zerschlagen. "Immer wieder nahmen sie die Brocken und schlugen wild auf die schönen Verzierungen ein", sagt Mohammed. Er habe das mit eigenen Augen gesehen. Auch, wie die Gotteskrieger nur wenige Meter entfernt einem vermeintlichen Dieb die Hand abhackten. Seinen besten Freund verschleppten sie in den Knast, weil er zur Gebetszeit Tee trinken wollte. Noch immer erinnern Wundmale an seinem Hals an die rostige Kette, mit der die Bärtigen ihn in seinem Verließ festhielten.

Es herrscht wohl noch ein brüchiger Friede in Timbuktu. Wohin sich die Dschihadisten verzogen haben, ist unklar. Womöglich nach Mauretanien, Algerien oder nach Niger. Eine Wüstenstadt einzunehmen, ist eine Sache. Einen unsichtbaren Feind zu beherrschen, der sich in die unendlichen Weiten der Sahara zurückziehen kann, eine andere.

Wenig mehr als die Trümmer der mystischen Sufi-Stätten, einige ausgebrannte Wracks von Pick-ups und die grässlichen Verstümmelungen erinnern in den befreiten malischen Städten noch an die Anwesenheit jener fruchtbaren Allianz aus der al-Qaida des Maghreb, Mujao und Ansar al-Din.

Es könne zu Bombenanschlägen, Attentaten, neuen Geiselnahmen kommen, befürchten Mohammed und seine Freunde. Aber noch feiern sie den Sieg der alten Kolonialmacht. An vielen Autos flattert die französische Fahne und an manchen auch die holländische. Hauptsache blau-weiß-rot.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. ..
rainer_unsinn 02.02.2013
Zitat von sysopAPFrankreichs Präsident hat die legendäre Wüstenstadt Timbuktu besucht. Auf den Straßen wurde gefeiert, doch noch immer leiden die Bewohner unter den Folgen der islamistischen Terrorherrschaft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaereinsatz-in-mali-feiern-in-der-geisterstadt-a-881169.html
Immer diese Bilder von glücklichen feiernden Schwarzafrikanern. Wo sind denn die glücklichen Tuareg die in Partylaune den Franzosen in die Arme fallen ??? Oder feiern die ihre Befreiung und Wiederangliederung an Mali garnicht?
2. optional
abryx 03.02.2013
Der Einmarsch meiner Kameraden bedeutet noch lange nicht den Siieg dere n Erfolg schon seit langen nur durch politische entscheifungenn getroffen wird.
3. Was für ein Wahnsinn,
xvulkanx 03.02.2013
anscheinend sind nicht nur Grabstätten von islamischen Heiligen, sondern auch schon ein verziertes Eingangstor zu einem Friedhof Gotteslästerung.
4. Weiter so!
Teddi 03.02.2013
Es ist einfach unerträglich immer wieder von den Gräueltaten dieser hinterwäldlerischen und feigen Islamisten lesen zu müssen. So ist dieser Bericht eine Riesenwohltat für das Verlangen nach Gerechtigkeit, und ja, ein bisschen Lust nach Rache ist auch dabei. Ein besonderer Hinweis für zukünftiges Vorgehen ist in Ihrem Artikel enthalten: Eine Wüstenstadt einzunehmen ist eine Sache. "Einen unsichtbaren Feind zu beherrschen, der sich in die unendlichen Weiten der Sahara zurückziehen kann, eine andere." Ich sehe das als die Lösung, nämlich wo immer auch sich diese Irren von Terroristen in Gruppen zeigen, sollte man sie erbarmungslos jagen, bis sie wieder unsichtbar werden. Sollen sie doch in der Wüste schmachten und üben, bis wiederholte Sandstürme sie allesamt "vom Winde verweht"! Ted
5. Vive la France ! Vive l'Europe ! Vive l'Afrique!
Maximilien.de.Robespierre 03.02.2013
Durch die schnelle Reaktion Frankreichs und durch die Hilfe der Freunde aus Afrika und Europa konnte die Diktatur der Salafisten beendet werden. Jetzt sollte Europa die Verwaltung und die Infrastruktur in Mali verbessern, um durch bessere Lebensbedingungen der Menschen den Extremismus dauerhaft zu verhindern. Ein weiteres Engagement in Westafrika ist nun erforderlich. Dies kann von NGOs und staatlichen Organisationen geleistet werden. Das Eurocorps (Europas Armee) sollte etwa 25 Jahre in Mali mit einer Basis vertreten bleiben.
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