Militäroffensive Türkische Armee nimmt Silopi unter Beschuss

Infolge der Offensive der türkischen Armee gegen die PKK im Südosten des Landes ist die Situation der Bevölkerung nach Angaben von Augenzeugen dramatisch. Ein Ort nahe der irakischen Grenze ist offenbar besonders stark betroffen.

Eine Frau und ein Junge schauen aus einem Haus in Diyarbakir, dessen Wände von Schüssen beschädigt wurden
REUTERS

Eine Frau und ein Junge schauen aus einem Haus in Diyarbakir, dessen Wände von Schüssen beschädigt wurden


Der türkische Ort Silopi in der Nähe der irakischen Grenze wurde von Panzern eingekreist und liegt unter schwerem Mörserbeschuss. Das sagte der Parlamentsabgeordnete der prokurdischen Oppositionspartei HDP, Ferhat Encü, der Deutschen Presse-Agentur am Montag am Telefon. Er hält sich zurzeit in Silopi auf. "Uns erreichen Hilferufe von Menschen, die sagen, dass sie sich seit sieben Tagen im Keller verstecken und Hilfe brauchen", sagte er.

In manchen Vierteln der Stadt gebe es keine intakten Häuser mehr, die Gebäude seien zerstört oder in Brand gesetzt worden. Sicherheitskräfte durchsuchten ohne richterliche Anordnung Wohnungen. Leichen lägen auf der Straße und könnten wegen der Kämpfe nicht abgeholt werden. Aufgrund der verhängten Ausgangssperre sind unabhängige Überprüfungen in den betroffenen Gebieten nicht möglich.

Türkische Sicherheitskräfte gehen im Südosten des Landes gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor. Die Konfliktparteien liefern sich schwere Gefechte. Ausgangssperren wurden außerdem in weiteren Orten der Provinz Sirnak sowie in Nusaybin und dem Viertel Sur in Diyarbakir verhängt.

"Eine Art Krieg gegen die eigene Bevölkerung"

"In diesen Häusern sind keine Terroristen, sondern Zivilisten", sagte Abdusselam Inceören von der Menschenrechtsvereinigung IHD. Er warf den Sicherheitskräften Menschenrechtsverletzungen vor: "Sie setzen Raketen und Panzer ein. Sie nehmen keine Rücksicht auf Frauen, Kinder und Alte." Der IHD-Vertreter für die Südosttürkei zeigte sich überzeugt: "Die Angriffe gelten dem kurdischen Volk."

Die Kritik aus der EU am Beitrittskandidaten und Nato-Partner Türkei ist zwischenzeitlich leise geworden, seit Ankara als Partner in der Flüchtlingskrise hofiert wird. In Deutschland kommen zumindest aus der Opposition scharfe Worte: Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte, Ankara verhänge verbrecherische Kollektivstrafen gegen die kurdische Minderheit im Land. "Es wird eine Art Krieg geführt gegen die eigene Bevölkerung", sagte der türkischstämmige Politiker.

Die gegen die PKK im kurdisch dominierten Südosten der Türkei eingesetzten türkischen Spezialkräfte hätten völlig freie Hand. "Sie können verhaften, wen sie wollen, foltern, wen sie wollen, töten, wen sie wollen. Da kann man nicht von Menschenrechten oder Rechtstaatlichkeit sprechen."

mil/dpa



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