Militäroffensive Internationale Kritik lässt Israel kalt

Hunderttausende Menschen sind im Libanon auf der Flucht, doch Jerusalem zeigt kein Verständnis für die internationale Kritik an der Militäroffensive. Mit Sorge blickt man auf die Stimmung im eigenen Land: Kippt der Rückhalt, wenn die Zahl israelischer Opfer steigt?

Aus Jerusalem berichtet


Jerusalem - "Wir versuchen, so chirurgisch wie möglich vorzugehen", sagt der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Mark Regev. "Wir bemühen uns, ausschließlich Ziele der Hisbollah zu treffen." Israel wolle vermeiden, dass unschuldige Zivilisten sterben, beteuert er: "Deshalb fordern wir sie zum Verlassen der Gebiete auf, wo die Hisbollah aktiv ist." Die Schiitenorganisation habe mit ihrer extremistischen Dschihad-Agenda nicht nur die beiden israelischen Soldaten gekidnappt, sondern den Libanon und die ganze Region.

Laut Schätzungen der Uno gibt es im Libanon derzeit 500.000 Menschen, die ihre Heimat verloren haben (displaced persons), was knapp 20 Prozent der Bevölkerung entspricht. Vielen mangelt es an Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten. Israel arbeite eng mit Regierungen, mit der Uno und Nichtregierungsorganisationen zusammen, um die Not der libanesischen Bevölkerung zu lindern, sagt Regev. So solle ein "humanitärer Korridor" geöffnet werden, damit lebensnotwendige Güter in den Südlibanon gelangen können.

Der Flüchtlingsstrom stößt in Israel auf wenig Empathie. Wer auf das libanesische Flüchtlingsdrama hinweise, müsse ebenfalls die israelische Seite berücksichtigen: "Auch bei uns hat ein signifikanter Teil der Bevölkerung Wohnungen verlassen. Die Leute sind aus der Gefahrenregion geflüchtet", sagt Regev. 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung Nordisraels haben in der vergangenen Woche ihre Wohnungen verlassen, um den Katjuscha-Raketen zu entgehen. In Nordisrael leben rund 1,5 Millionen Menschen.

Von einem "wachsenden ausländischen Druck" will man nichts spüren. Israel habe von den USA eine "carte blanche" für eine Ausweitung der Angriffe gegen Hisbollahziele im Libanon, sagte ein Armeesprecher, der anonym bleiben möchte. Feststellbar sei lediglich "ein gewisser" Druck der öffentlichen Meinung in Europa, der sich aber noch nicht auf die wichtigen europäischen Regierungen ausgewirkt habe. Frankreich sei die Ausnahme, welche die Regel bestätige.

Ernster nimmt man in Jerusalem die innenpolitische Zustimmung zum Libanonkonflikt. Noch steht die Bevölkerung zwar fast geschlossen hinter der Regierung. Israel solle im Libanon so lange weiter kämpfen, bis die Hisbollah definitiv aus der Grenzregion vertrieben sei, sagen laut einer Meinungsumfrage 90 Prozent der Bevölkerung. Erst danach solle man Verhandlungen über einen Waffenstillstand und die Rückkehr der beiden gekidnappten Soldaten aufnehmen. 95 Prozent der Israel erachten die Reaktion der Armee für "korrekt und gerechtfertigt". Im Vergleich zum Wochenbeginn ist das eine deutliche Steigerung. Da hatten 86 Prozent das Vorgehen als "korrekt und gerechtfertigt" beurteilt.

Doch der hohe Zustimmungswert könnte fallen, wenn die Zahl der israelischen Opfer weiter steigt. Seit dem Beginn der Aktion sind im Libanon bereits rund zwanzig Soldaten umgekommen, darunter auch ranghohe Offiziere. Zudem töteten Katjuscha-Raketen 15 Zivilisten. Je mehr Tote es gibt, desto stärker werde der interne Druck auf die Regierung, die Militäraktion abzubrechen, analysierte es ein israelischer Journalist. Vorläufig demonstrieren in Israel lediglich Randgruppen gegen die Militäroperation im Libanon.

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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