Militäroffensive Israelische Truppen stoßen in den Gaza-Streifen vor

Die israelische Militäroffensive hat begonnen. Mit Panzern und Bulldozern rückten Kampfverbände in der Nacht in den Gaza-Streifen ein. Offizielles Ziel der Operation "Sommerregen": Die Befreiung eines verschleppten Soldaten.


Gaza - Vor Beginn der Offensive hatten Kampfjets mehrere Brücken sowie ein Elektrizitätswerk im Gaza-Streifen angegriffen. Auf das einzige Kraftwerk von Gaza seien mindestens neun Raketen abgefeuert worden, teilten palästinensische Sicherheitskräfte mit. Die Bomben machten es dem Erdboden gleich. Gaza lag weitgehend im Dunkeln. Außerdem wurden drei Brücken aus der Luft angegriffen. Durch ihre Zerstörung ist der Gaza-Streifen nach palästinensischen Angaben in zwei Hälften geteilt.

Die israelische Armee drang dann etwa zwei Kilometer tief in den südlichen Gazastreifen ein. Soldaten kontrollierten auch das Gelände des geschlossenen palästinensischen Flughafens, sagte ein Militärsprecher in Tel Aviv. "Derzeit haben wir nicht die Absicht, weiter vorzustoßen", sagte er.

Über das genaue Ziel der Militäroperation, die nach israelischen TV-Berichten unter der Bezeichnung "Sommerregen" läuft, herrschte zunächst Unklarheit. Es werde vermutet, dass der entführte 19-jährige Soldaten Gilad Schalit im Flüchtlingslager von Chan Junis festgehalten werde, berichtete die Zeitung "Haaretz" in ihrer Internetausgabe. Beobachter spekulierten, möglicherweise solle mit dem Vorstoß auch nur verhindert werden, dass der Entführte über die Grenze nach Ägypten gebracht wird. "Wir wollen unseren Jungen nach Hause bringen, das ist alles", sagte Infrastrukturminister Benjamin Ben-Elieser im israelischen Rundfunk.

Die israelische Armee hatte rund 5000 Soldaten am Rande des Gaza-Streifens zusammengezogen. Soldaten und Panzer bezogen laut Augenzeugen Positionen östlich der Stadt Rafah. Palästinenser verschanzten sich hinter Mauern und Sandwällen. Rund um Gaza-Stadt gingen maskierte Extremisten in Stellung.

In Hörfunk rief ein Mitglied der regierenden Hamas, Nisar Rajan, die Palästinenser zu den Waffen. "Kämpft gegen eure Feinde, die zum Sterben gekommen sind. Ergreift eure Gewehre", sagte er. Mitglieder von drei militanten Gruppen erklärten, sie hätten heute Morgen eine Rakete auf die israelische Ortschaft Nahal Os abgefeuert. Es habe ansonsten zunächst jedoch wenig Widerstand von palästinensischen Kämpfern gegeben, berichteten israelische TV-Sender unter Berufung auf Militärangaben.

Extremisten drohen mit Ermordung eines Siedlers

Nach Beginn der israelischen Offensive drohte das palästinensische Volkswiderstandskomitee (PRC), einen entführten jüdischen Siedler zu ermorden. "Wir sind mit unserer Geduld am Ende", hieß es in einer Erklärung der Gruppe, die vorgestern mitgeteilt hatte, sie habe nicht nur Schalit, sondern auch einen Zivilisten im Westjordanland verschleppt.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan rief die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf. Er habe sich beim palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas für eine Freilassung des entführten Soldaten eingesetzt, sagte Annan. Heute wolle er mit dem israelischen Regierungschef Ehud Olmert sprechen und versuchen, eine Eskalation zu verhindern. Die Europäische Union äußerte sich "tief besorgt" und forderte die radikalen Palästinenser auf, den entführten Soldaten "sofort und bedingungslos" wieder freizulassen. In einer ersten Reaktion erklärte das US-Außenministerium, Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass "unschuldige Zivilisten nicht zu Schaden kommen".

Erst gestern hatte sich die palästinensische Hamas-Bewegung erstmals implizit zur Anerkennung Israels bereit erklärt. Nach zähen Verhandlungen stimmte sie einem Abkommen mit der Fatah-Bewegung zur nationalen Einigung zu, das von Abbas zur Grundlage einer Friedensregelung erklärt wurde. Israel bezeichnete den Sinneswandel der Hamas jedoch lediglich als "interne Angelegenheit" der Palästinenser. Vorrangig sei die Entführung ihres Soldaten.

Im Kern sieht der Plan, der nur von der Gruppe Islamischer Dschihad nicht anerkannt wurde, die Schaffung eines palästinensischen Staates im Gaza-Streifen und im Westjordanland vor. Unausgesprochen wird das Existenzrecht Israels anerkannt. Der Text wurde von führenden palästinensischen Politikern ausgearbeitet, die in Israel einsitzen.

lan/AP/AFP/Reuters/dpa



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