Skurrile Handybotschaft von Erdogan "Hallo, hier spricht Ihr Präsident"

Die Türkei feiert den Jahrestag des gescheiterten Militärputsches wie ein rauschendes Fest. Als oberster Zeremonienmeister kommt Staatschef Erdogan auf kuriose Ideen - zum Beispiel eine Zwangsbotschaft im Handynetz.

Twitter/emrah_ayran

Wer in der Türkei am Jahrestag des gescheiterten Militärputsches mit seinem Handy telefonieren wollte, dürfte sich erst mal gewundert haben. Statt eines Freizeichens erscholl die Stimme des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aus dem Hörer: "Als euer Präsident gratuliere ich euch am 15. Juli zum Tag der Demokratie und Nationalen Einheit, ich wünsche unseren Märtyrern und unseren Veteranen Gottes Gnade und Gesundheit."

Ömer Fatih Sayan, Leiter der türkischen Informations- und Kommunikationsbehörde, hatte bestätigt, dass die aufgezeichnete Botschaft an Kunden der wichtigsten Handyanbieter Turkcell und Vodafone vor ihren Telefonaten ausgespielt wurde.

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Gedenkfeier zum Putschversuch: Erdogans Jubelparade

In den sozialen Netzwerken löste das Vorgehen des Präsidenten eine Welle von Reaktionen aus. Während die Anhänger des islamisch-konservativen Staatschefs, dem von seinen Kritikern ein autoritäres Vorgehen vorgeworfen wird, die Botschaft von Erdogan begrüßten, sprachen seine Gegner von einem Eingriff in die private Telekommunikation. "Es reicht. Jetzt schaltet er sich sogar in unsere Telefone ein. Das ist ein Albtraum", schrieb der Abgeordnete der Oppositionspartei CHP, Aykut Erdogdu, bei Twitter.

Direkt nach dem fehlgeschlagenen Putsch am 15. Juli vergangenen Jahres hatten Millionen Türken schon eine SMS ihres Präsidenten erhalten. Damals hatte er dazu aufgerufen, den "heroischen Widerstand" fortzusetzen - unterschrieben mit "R. T. Erdogan".

Ein Jahr nach dem gescheiterten Putsch inszeniert die Regierung das Gedenken an den verhinderten Staatsstreich als Schauspiel: Präsident Recep Tayyip Erdogan geriert sich als Retter der Demokratie. Die Straßen sind mit Fahnen geschmückt, von den Häuserwänden prangen Bilder, die an den gescheiterten Putsch vor einem Jahr erinnern: Bürger sind darauf zu sehen, die sich Panzern in den Weg stellen, Raketen, die im Parlament einschlagen.

Im Video:

Türkei-Korrespondent Maximilian Popp über die Folgen des Putsches für die Türkei.

REUTERS/Spiegel Online

mhe/afp

insgesamt 73 Beiträge
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babasikander 16.07.2017
1. Ein mobiler Volksempfänger
Es ist wirklich ein bizarres Theater, das dieser Mensch veranstaltet. Konnte man diese Führerbotschaft skippen? Wie lang war sie? Was genau war der Wortlaut?
trolland_dump 16.07.2017
2. Das
nenne ich doch eine tolle Serviceleistung. Ich hoffe dass ich auch bald die Stimme der Kanzlerin vernehmen darf,wenn ich Omma anrufe.
kmgeo 16.07.2017
3. kennen wir doch
ist ja nun wirklich nichts neues: Inszenierungen der Helden und Märtyrer, Zeigen von Blutfahnen, Singen von Liedern. klarer Totalitarismus und Faschismus.
Antalyaner 16.07.2017
4. Unregistrierte Nummer ?
Hm, irgendwie unverständlich. Ich habe gestern mehrfach mit meinem Handy telefoniert, aber solch eine Nachricht habe ich nicht empfangen. Anscheinend ist zwischen den Millionen Nutzern ausgerechnet meine Anschlussnummer bei der Telekommunikationsbehörde nicht registriert.
budapesterbumsorchester 16.07.2017
5. Man hätte noch erwähnen können
Das RTP Erdogan der erste Staatspräsident war der mittels 3D Beamer auf der Bühne war. Wie Spocky in Star Trek. Da kommt so ein Anruf den Leuten schon altbacken vor
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