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Militärschläge: Israelische Helikopter greifen Zentral-Beirut an

Erstmals seit Beginn seiner Offensive gegen Libanon hat Israel am Abend auch das Zentrum Beiruts und Häfen im Norden des Landes ins Visier genommen. Die Zahl der getöteten Libanesen stieg auf über 100. Die Hisbollah attackierte Israel mit Raketen und sprach vom "offenen Krieg".

Beirut – Nach Augenzeugenberichten flogen israelische Kampfhubschrauber am Abend über den Hafen von Beirut und griffen dort Anlagen an. Teile des erst zwei Jahre alten Leuchtturms seien durch Raketenbeschuss zerstört worden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Der Hafen der Metropole ist eine der wichtigsten Handels- und Umschlagplätze des Landes.

Ausdruck der Verzweiflung: Libanesen trauern, nachdem eine israelische Rakete einen Bus getroffen und 18 Zivilisten getötet hat, darunter neun Kinder
AFP

Ausdruck der Verzweiflung: Libanesen trauern, nachdem eine israelische Rakete einen Bus getroffen und 18 Zivilisten getötet hat, darunter neun Kinder

Auch der Hafen von Jounieh sei angegriffen worden, hieß es; dort befindet sich eine Einrichtung der libanesischen Armee. Augenzeugen berichteten, auch die nordlibanesische Stadt Tripolis sei zum Ziel der Offensive worden. Es war das erste Mal seit Beginn der Militärschläge am Mittwoch, dass Zentralbeirut und die nördlicheren Städte vom israelischen Militär attackiert wurden.

So dreht sich - nach der Zerstörung des Hisbollah-Hauptquartiers in Beirut am Freitag und einem Gegenangriff der Miliz auf ein israelisches Kriegsschiff - die Spirale der Gewalt immer schneller. Die Hisbollah griff Israel heute erneut mit Raketen an, Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah erklärte den "offenen Krieg". Die Zahl der seit Beginn der israelischen Militäroffensive getöteten Libanesen stieg nach Polizeiangaben auf 106.

Eine israelische Rakete traf im Südlibanon einen Kleinbus, der flüchtende Zivilisten beförderte. Mindestens 20 Menschen, darunter mehrere Kinder, seien getötet worden, so libanesische Sicherheitskreise. Eine Bestätigung der israelischen Streitkräfte für einen Angriff in der Gegend gab es nicht. Israelische Soldaten hatten die Bewohner von Marwahin am Morgen aufgefordert, ihre Häuser bis 18 Uhr Ortszeit zu verlassen. Andernfalls werde das Dorf zerstört.

Auf israelischer Seite kostete der Konflikt mit der Hisbollah bislang mindestens vier Zivilisten und elf Soldaten ums Leben. Bei einem Angriff auf ein israelisches Kriegsschiff kam am Freitagabend mindestens ein israelischer Soldat ums Leben, drei weitere wurden nach offizieller Darstellung vermisst.

Aus israelischen Sicherheitskreisen wurde Iran vorgeworfen, die Hisbollah mit Soldaten zu unterstützen. Rund 100 iranische Soldaten seien im Libanon im Einsatz, sagte ein ranghoher israelischer Geheimdienstbeamter. Diese hätten die Hisbollah bei ihrem Angriff auf das israelische Kriegsschiff unterstützt. Das Schiff wurde nach israelischen Angaben von einer im Iran hergestellten, lasergesteuerten Rakete in Brand geschossen. Auch ein ägyptisches Handelsschiff wurde von einer Rakete getroffen, ein Besatzungsmitglied wurde dabei verletzt.

Wegen der Kämpfe haben bereits ganze Konvois mit EU-Bürgern das Land verlassen. Mit Hilfe der Bundesregierung reisten auch knapp hundert Deutsche aus. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes betonte, es handele sich um freiwillige Transporte.

Angesichts der Eskalation bereiten sich auch Frankreich und die USA auf die Evakuierung ihrer Staatsbürger vor. Das französische Verteidigungsministerium entsandte 800 Soldaten und zwei Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer. Die beiden Schiffe "Jean de Vienne" und "Siroco" sollten bis Mitte kommender Woche zwischen der libanesischen Küste und der Insel Zypern vor Anker gehen und im Notfall französische Staatsbürger mit Hubschraubern aus dem Libanon ausfliegen.Die Zahl der Franzosen und Libanesen mit doppelter Staatsangehörigkeit im Libanon liege zwischen 20.000 und 25.000, sagte der Sprecher.

Gefechte auch im Gazastreifen

Auch die US-Regierung arbeitete an Plänen zur Rettung von US-Bürgern aus dem Libanon. Es werde derzeit geprüft, wie die etwa 25.000 US-Bürger im Notfall vom Libanon nach Zypern gebracht werden könnten, hieß es in einer Erklärung von Außen- und Verteidigungsministerium. Von Zypern aus könnten die Evakuierten dann mit kommerziellen Flügen in die USA weiterreisen.

Auch im Gazastreifen gingen die Gefechte weiter. Die israelische Luftwaffe beschoss in der Nacht zum Samstag das palästinensische Wirtschaftsministerium, zahlreiche Büros gingen in Flammen auf. Bei einem Luftangriff auf ein Wohnhaus in Gaza wurden zwei Hamas-Mitglieder getötet.

Bei einem Krisentreffen der Arabischen Liga brachte der libanesische Außenminister Fausi Salluch einen Resolutionsentwurf ein, in dem die israelische Militäroffensive verurteilt wird. Ein Streit über die Rolle der Hisbollah verhinderte jedoch zunächst eine Einigung.

itz/Reuters/AP/AFP/dpa

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