Rätselhafter Vorfall in Russland Ein Raketeneinschlag aus dem Nichts

Bei einer Übung in Russland schlägt eine Rakete auf einen Parkplatz ein. Passierte das Unglück während des Militärmanövers "Sapad"? Gab es Verletzte? Der Vorfall gibt Rätsel auf.

Von , Moskau


Das Video ist gerade einmal zehn Sekunden lang. Zwei tieffliegende Kampfhubschrauber nähern sich einem Sandplatz, auf dem mehrere Fahrzeuge abgestellt sind. Ein Mann läuft über den Platz, plötzlich fliegt ein Geschoss rechts an ihm vorbei und schlägt ein. Rauch steigt auf. Die Kamera wackelt. Dann ist Gras zu sehen.

Diese Aufnahmen veröffentlichte das regionale Portal 66.ru am Dienstag - 66 steht für das Autokennzeichen der Region Jekaterinburg. Das Video habe ein Leser der Redaktion geschickt, sagt Chefredakteur Bogdan Kultschitskij.

Nach Recherchen seiner Redaktion sei der Zwischenfall am 17. oder 18. September auf dem Truppenübungsplatz Luschskij passiert. Eine Rakete, versehentlich abgefeuert von einem Kampfhubschrauber Ka-52, habe den Platz getroffen. Mindestens zwei Menschen seien bei dem Einschlag verletzt worden, die Rede ist in einem ersten Bericht von Journalisten. Zudem seien drei Fahrzeuge beschädigt worden.

Die Meldung verbreitet sich schnell über die sozialen Medien. Sie ist brisant, denn Luschskij ist ein Übungsplatz der russischen Artillerie, auf dem derzeit russische Soldaten während des Großmanövers "Sapad", zu Deutsch "Westen" (lesen Sie hier die Hintergründe), trainieren. Das Staatsfernsehen berichtet breit über die Militärübung, die als Machtdemonstration Russland außen wie innen genutzt wird.

Präsident Wladimir Putin inspizierte die Übung dort am Montag persönlich: Kein Wunder also, dass das russische Militär schnell reagiert. Die Presseabteilung des Bezirks West verbreitet eine andere Version des Zwischenfalls. "Das Zielführungssystem eines der Hubschrauber hat ein falsches Ziel erfasst." Und weiter heißt es: "Eine ungelenkte Rakete hat einen unbesetzten Lastwagen getroffen." Damit bestätigt die Armee einen Zwischenfall bei einer Übung, sagt aber nicht bei welcher.

Nach Auswertungen der russischen Aktivisten des "Conflict Intelligence Team" tragen die Fahrzeuge in dem Video die Nummernschilder des ehemaligen Militärkreises Leningrad, der heute zum Militärkreis West gehört.

Und auch die Frage des Zeitpunkts des Zwischenfalls bleibt offen. Nur so viel sagt das Militär: Am 18. September hat es "keinen Zwischenfall in Zusammenhang mit der Luftwaffe" gegeben.

"Persönliche Dummheit irgendeiner Person"

Das Verteidigungsministerium in Moskau spricht von "einer gezielten Provokation oder persönlichen Dummheit irgendeiner Person" und meint damit die Angaben von 66.ru, dass Journalisten unter den Verletzten seien. Eine Anfrage des SPIEGEL ließ das Ministerium bisher unbeantwortet. Es weist lediglich darauf hin, dass Hunderte russische und internationale Journalisten und Militärbeobachter aus mehr als 50 Ländern das "Sapad"-Manöver am 18. September in Luschskij beobachteten.

Der unabhängige Militärexperte Andrej Golz hält es für wahrscheinlicher, dass der Zwischenfall schon vorher, bei den Vorübungen für das "Parade-Manöver" am 18. September (als Putin zu Besuch war), passiert sei. Das weißrussisch-russische Manöver begann am 14. September und läuft bis 20. September.

Und dann gibt es noch diese Version: Die Mediengruppe RBK berichtet mit Verweis auf Quellen im Verteidigungsministerium, dass die Rakete am 16. September eingeschlagen sei. Dazu würden Meldungen in den sozialen Medien passen, nach denen es an dem Tag in Luschskij einen Zwischenfall gegeben hat. Nach einem Kurzschluss sei ein Geschoss "unkontrolliert" von einem Hubschrauber abgeschossen worden. Drei Menschen seien verletzt worden, so heißt es.

Der Filmer trägt Armeekleidung

Die genaue Zahl der Verletzten und ihre Identität bleibt damit unklar - auch die Schwere der Verletzungen. Wie es dem Mann geht, der den Parkplatz überquert hat, ist nicht bekannt.

Und dann bleibt noch die Frage, wer den Zwischenfall gefilmt hat. In einem 16 Sekunden langen Video, das RBK zeigt, sieht man den Einschlag aus einer etwas anderen Perspektive. Der Filmer muss etwas weiter rechts von jenem stehen, der 66.ru die Aufnahme geschickt hat.

In den Aufnahmen von RBK sieht man einige Soldaten in Tarnuniform auf dem Platz stehen, einige haben Kameras in der Hand. Einer fällt nach dem Einschlag zu Boden. Kultschitskij, Chefredakteur von 66.ru, glaubt, dass einer der Militärs ihnen den Film geschickt haben muss. "Da waren nur Militärfahrzeuge zu sehen", sagt er dem kremlkritischen Sender Doschd. Zudem habe man am Ende der Sequenz die Beine des Filmers gesehen, er trage Armeehosen.

War es also einer der Militärs, der den Vorfall öffentlich gemacht? Die Vermutung liegt nahe.



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