Geiseldrama in Algerien, Krieg in Mali: Todeszone Sahara

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Bei einem Geisel-Befreiungsversuch der algerischen Armee sind auf einem Gasfeld Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Tat der Entführer zeigt, wie brutal und entschlossen militante Islamisten in Nordafrika vorgehen. Zwei Flugstunden von Europa entfernt entsteht ein neuer Kriegsschauplatz.

AP

Algier - Die algerische Armee kam mit Hubschraubern. Sie beschoss das Gasfeld, als die islamistischen Terroristen ihre Geiseln an einen anderen Ort verschleppen wollten, die sie einen Tag zuvor entführt hatten. Bei dem Befreiungsversuch sind zahlreiche Menschen getötet worden. Die genauen Opferzahlen gehen noch weit auseinander, aber der Anschlag unterstreicht die prekäre Sicherheitslage in dem Gebiet, das nur zwei Flugstunden von Europa entfernt liegt und das nicht nur wegen seiner Rohstoffe für die EU von großer Bedeutung ist.

Es ist ein Gebiet, das größer ist als Westeuropa. Eine unwirtliche Wüstengegend, extrem dünn besiedelt und jeglicher staatlicher Kontrolle fast vollständig entzogen. In den vergangenen Jahren ist im Nordwesten Afrikas ein riesiger Raum entstanden, in dem sich islamistische Terroristen und Drogenschmuggler nahezu unbehelligt bewegen können. Vor Staatsgrenzen machen diese Wüstenkrieger keinen Halt, mal operieren sie in Mauretanien oder Mali, nur um wenige Tage später in Niger oder Libyen aufzutauchen.

Der Angriff auf das Gasfeld im Osten Algeriens unterstreicht, dass das Sicherheitsproblem in der Region weit über die Grenzen Malis hinausreicht. Dort will Frankreichs Armee mit ihrer in der vergangenen Woche gestarteten "Opération Serval" den Einfluss der Islamisten zurückdrängen, die mittlerweile mehr als die Hälfte des Landes kontrollieren. Die Bundesrepublik und andere westliche Bündnispartner unterstützen die französische Militärintervention logistisch.

Hollande gibt ambitionierte Ziele aus

Die Ziele der Mission gab Frankreichs Präsident François Hollande am Dienstag aus: "Bevor wir wieder gehen und die Mission beenden, muss Mali sicher sein, eine legitime Ordnung und einen Wahlprozess haben, und die Terroristen dürfen die Integrität des Territoriums nicht mehr gefährden." Dieses Vorhaben klingt extrem ambitioniert und erscheint mittelfristig schlicht unrealistisch.

Und selbst wenn das französische Militär die Islamisten tatsächlich vertreiben sollte: Sie verfügen über ein riesiges Rückzugsgebiet in den Nachbarstaaten Mauretanien, Algerien oder Niger. Dort können sie die Intervention einfach aussitzen und den Rückzug der Europäer abwarten. Denn in diesen Saharaländern ist die Sicherheitslage fast genauso prekär wie in Mali.

  • Mauretanien teilt sich mit Mali eine mehr als 2200 Kilometer lange Grenze. Der Wüstenstaat gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Für Aufständische bietet Mauretaniens Osten einen idealen Unterschlupf. Der Staat ist nach mehreren Staatsstreichen der Armee geschwächt, die Sicherheitskräfte sind unzureichend organisiert. Verschärft wurde die Lage durch einen mysteriösen Vorfall im Oktober 2012: Damals wurde Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz durch Schüsse auf seinen Konvoi verletzt. Nach offizieller Darstellung soll der Angriff ein Versehen gewesen sein, es bestehen jedoch Zweifel an dieser Tatversion. Fest steht, dass der Staatschef sein Amt seither nicht mehr ausüben kann. Mehrfach musste sich Abdel Aziz im Ausland behandeln lassen.

  • Ähnlich instabil ist die Lage in Malis östlichem Nachbarland Niger. Seit Jahren kämpfen Tuareg-Rebellen gegen die Zentralregierung in Niamey. Seit 2008 ist auch al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) in Niger aktiv. Dazu kommen interne Machtkämpfe: 2010 putschte das Militär gegen Präsident Mamadou Tandja. Vor einem Jahr fanden zwar weitgehend freie Wahlen statt, dennoch sind weite Teile des Landes der Kontrolle der Regierung entzogen. Auf der Liste der gescheiterten Staaten, die vom US-Think-Tank Fund For Peace erstellt wird, belegt Niger seit Jahren traurige Spitzenplätze.

  • Die Sicherheitslage in Libyen hat sich seit Beginn des bewaffneten Aufstands gegen Diktator Muammar al-Gaddafi vor knapp zwei Jahren stetig verschlechtert. Die staatliche Armee hat sich praktisch aufgelöst, Waffen aus dem Arsenal der Streitkräfte haben die Märkte in der Region überschwemmt und sind in den Händen verschiedener Milizen gelandet. Auch anderthalb Jahre nach Gaddafis Sturz ist eine stabile, durchsetzungsfähige Zentralregierung nicht in Sicht. Perspektivisch wird die Macht in Libyen nicht in den Händen des Staates, sondern bei konkurrierenden Warlords liegen. Davon profitieren auch die anderen Islamistengruppen in der Region.

  • Das Blutbad von Amenas zeigt, dass Algerien am schwersten von den Entwicklungen in Mali betroffen ist. Deshalb hat sich Algier lange gegen eine Intervention der Franzosen in seinem südlichen Nachbarland gesträubt. Algerien selbst leidet noch immer an den Folgen des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren. In dem jahrelangen Konflikt zwischen Militär und Islamisten wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet. Zwar ist die Armee der wichtigste Machtfaktor im Staat, dennoch sind die Streitkräfte außerstande, die 1400 Kilometer lange Grenze zu Mali zu sichern. Regelmäßige Angriffe auf algerische Soldaten im Süden zeigen die Stärke der militanten Islamisten.

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In der riesigen Wüstenregion zwischen Mauretanien und Niger tummelt sich eine Vielzahl von Milizen. Diese schließen zeitweise strategische Allianzen, konkurrieren aber auch um Macht und Einnahmen aus dem Schmuggel von Menschen, Drogen und Zigaretten.

  • Die berüchtigste unter ihnen ist al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Sie ging vor sechs Jahren aus der Salafistengruppe für Predigt und Kampf (SGPC) hervor. Anders als die Qaida-Ableger in Afghanistan, Irak oder der Arabischen Halbinsel verzichtete die AQIM lange Zeit fast vollständig auf Angriffe gegen westliche Ziele. Stattdessen konzentrierte sich die Organisation, der knapp tausend Kämpfer angehören sollen, auf Entführungen, mit denen sie ihre Kriegskasse auffüllte. Im Gegensatz zu anderen Qaida-Zweigen versuchte die AQIM auch nicht, ihre salafistische Ideologie der einheimischen Bevölkerung aufzuzwingen. Dadurch sicherte sie sich die Unterstützung der Wüstenbewohner.

  • Aus der AQIM ging 2011 die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao) hervor. Auslöser war vermutlich ein Machtkampf zwischen der von Algeriern dominierten AQIM-Führung und Kämpfern aus Mauretanien und anderen Ländern. Im November 2011 entführte die Gruppe westliche Entwicklungshelfer aus einem Flüchtlingslager in Algerien. Gegen ein Lösegeld von 18 Millionen US-Dollar kamen die Geiseln im Juli 2012 wieder frei. Der Norden Malis gehört inzwischen zum wichtigsten Kampfgebiet der Mujao. Weite Teile des Landes stehen derzeit unter ihrer Kontrolle.
  • Die Gruppe al-Muwaqiun bi-l Dam ("Die mit dem Blut unterschreiben") löste sich erst im Dezember 2012 von der AQIM. Die Truppe steht unter dem Befehl des Islamistenführers Mokhtar Belmokhtar. Sie hat sich zu der Geiselnahme auf dem algerischen Ölfeld bekannt. Der Angriff sei eine direkte Reaktion auf die französische Intervention in Mali. Belmochtar drohte mit weiteren Attacken, sollte sich Frankreichs Armee nicht aus der Region zurückziehen.

  • Auch die Ansar al-Din ("Helfer des Glaubens") tauchten nach dem Sturz des libyschen Regimes in der Region auf. Wenige Monate nachdem die Organisation 2012 erstmals von sich reden machte, übernahm sie die Kontrolle im Norden Malis. Ihre Kämpfer sind mit Waffen aus dem Arsenal des gestürzten Gaddafi bestens ausgerüstet. Die Anführer von Ansar al-Din predigen einen radikalen Salafismus. Die in Nordafrika unter Muslimen weit verbreitete Heiligenverehrung lehnen sie als unislamisch ab. Nachdem sie zahlreiche Städte erobert hatten, zerstörten die Kämpfer zahlreiche Grabstätten islamischer Geistlicher. Ansar al-Din setzt in dem von ihr kontrollierten Gebiet die Scharia durch, ihre Anhänger hacken Dieben die Hand ab und peitschen unverheiratete Paare aus.

Diesen Fundamentalisten hat Frankreich den Kampf angesagt. Doch die Gefahren des militanten Islamismus in Nordafrika werden ganz Europa in den kommenden Jahren begleiten.

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Wo sind wir denn hier gelandet?
genosse_74 17.01.2013
Dieser Artikel strotzt ja vor Vorurteilen und Diskriminierung einer gesamten Glaubensgemeinschaft. Da frage ich mich fast, ob er ironisch gemeint ist? Da ist es doch kein Wunder, dass MENSCHEN muslimischen Glaubens nur noch Verachtung für den Westen verspüren. Das diese Einmischung in die Belange der Mehrheit der dort lebenden Bevölkerung auch noch von unserer Regierung toleriert wird, zeigt doch nur, wo wir schon angekommen sind. Die hier lebenden Menschen muslimischen Glaubens können dies doch nur als Schlag in Gesicht empfinden. Es ist einfach nur noch traurig.
2. optional
Desobediencia_Civil 17.01.2013
Der Islam sei eine Friedensreligion. Deshalb haben die größten Konflikte zwischen Indien und den afrikanischen Tropen Islamisten als Auslöser. Wie paradox.
3. Es wäre eine gute Gelegenheit
tthomas 17.01.2013
für Deutschland gewesen, Frankreich schnell, unbürokratisch und effektiv zu unterstützen, statt mit zwei Transall "auszuhelfen". So hätten wir mit einem Schlag wieder Frankreichs und Deutschlands Führungsrolle in Europa unterstrichen und das Verhältnis zwischen den Ländern erheblich gefestigt. So wieder mal nur Lamentiererei wie in Libyen etc. Es scheint im Moment die deutsche Politik zu sein, möglichst nicht aufzufallen, wegzuducken bei schwierigen Fragen, abzuwarten und unauffällig zu bleiben - dieses Konzept von Frau Merkel sichert ihr vielleicht die Wiederwahl, schadet aber in der Außen- und Europapolitik enorm.
4.
Vergil 17.01.2013
Zitat von sysopAPBei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee sind auf einem Gasfeld Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Geiselnahme zeigt, wie brutal und entschlossen militante Islamisten in Nordafrika vorgehen. Zwei Flugstunden von Europa entfernt entsteht ein neuer Kriegsschauplatz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/militante-islamisten-in-mali-algerien-mauretanien-und-niger-a-878226.html
Das wird noch ein großes Problem in den nächsten Jahren. Heute kann sich niemand vorstellen, dass es wieder Krieg geben könnte...
5. Konsequenzen
harti1978 17.01.2013
Zitat von sysopAPBei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee sind auf einem Gasfeld Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Geiselnahme zeigt, wie brutal und entschlossen militante Islamisten in Nordafrika vorgehen. Zwei Flugstunden von Europa entfernt entsteht ein neuer Kriegsschauplatz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/militante-islamisten-in-mali-algerien-mauretanien-und-niger-a-878226.html
Ich staune immer wieder, wie verwundert viele jetzt plötzlich sind. Mubarrak und Gadaffi und Konsorten waren doch ein Stabilitätsgarant, gerade für Nicht-Moselms. Political Correct, wie wir sind, mussten wir diese Leute, da sie ja Diktatoren waren, absetzen. Welche Angst die Rest-Christen und andere Minderheiten damals schon hatten und in Syrien immer noch haben; darüber wird so gut wie garnicht berichtet. Jetzt ist das Geschreihe groß. Der Mali- Einsatz ist der erste militärische Einsatz, den ich seit langem voll unterstütze.
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