Militante Tierbefreier Verteidigung der Zwerghasen, Angriff auf den Kapitalismus

In Zürich überfiel ein Kommando der Tierbefreiungsfront den Zirkus Royal. Die magere Ausbeute: Ein Hase, ein Meerschweinchen. Die revolutionäre Attacke ist Teil des weltweiten Kampfes der tierischen Terroristen. Nun weinen Kinder.

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München – Die Nachricht der Entführer verbreitete sich rasant im Anarcho-Netz: Unter der Überschrift "Aktion gegen die Ausbeutung von Tieren im Zirkus Royal" schauen zwei schwarz bemützte und gekleidete Männer dem Betrachter böse entgegen. Derweil halten sie zärtlich Zwergkarnickel und Meerschweinchen im Arm.

Maskierte Tierbefreier: Böser Blick, zärtlich mit Karnickel
ALF

Maskierte Tierbefreier: Böser Blick, zärtlich mit Karnickel

Die Maskierten bezeichnen sich als Mitglieder der weltweit agierenden "Animal Liberation Front" (ALF). Und die beiden Wesen in ihrer Hand, das sind Lulu und Tic. Die Befreiten. "In der Nacht vom Freitag, 20. Oktober auf Samstag, 21. Oktober haben wir den Zirkus Royal in Winterthur angegriffen, bereits eine Woche zuvor, in Zürich, befreiten wir einen Zwerghasen und ein Meerschweinchen aus ihrer Gefangenschaft auf engstem Raum aus dem Zirkus", so das Bekennerschreiben.

Im Schweizer Zirkus Royal geht die Angst um. Auf dem Wohnwagen von Direktor Oliver Skreinig haben die ALF-Männer ihre Anklage in großen, roten Buchstaben hinterlassen: "Tiere quälen und abkassieren". Zehn Tage zuvor, als der Zirkus in der Schweizer Metropole Zürich gastierte, wurden Lulu und Tic entführt. Und nicht nur das. "Sie haben Lamas und Schweine raus gelassen", berichtete Direktor Skreinig im Schweizer Fernsehen (SF). Das sei mitten in der Stadt passiert, "wenn solch ein Tier auf die Straße gekommen wäre, hätte es Verkehrsunfälle geben können", so Skreinig.

Anarcho-Spott: "Befreiung einer Fliege aus dem Spinnennetz"

Die militanten Tierschützer wollten auch Tauben befreien, doch "leider wurden ihnen die Flügel von ihren brutalen AusbeuterInnen gestutzt", weshalb sie dazu verdammt seien, "ein qualvolles Leben in einem kleinen Käfig zu verbringen", so der Wortlaut des Bekennerschreibens. Man hoffe aber trotzdem, den Tauben "einen Eindruck davon vermittelt zu haben, wie sich ein Leben in Freiheit anfühlen könnte". Das habe ihnen wohl "eine kleine Freude bereitet".

Das klingt ulkig – und kommt auch in der Anarcho-Community so an: "Schon freut man sich, in logischer Fortsetzung, auf die Befreiung einer Fliege aus einem imperialistischen Spinnennetz", lästert etwa "Alfons" im Forum von Indymedia.org. Doch sind die radikalen Tierbefreier durchaus ernst zu nehmen und gefürchtet. Dem Düsseldorfer Modeunternehmen Peek&Cloppenburg etwa warf die deutsche Sektion der ALF Pelzhandel vor und schändete das Grab des Konzerngründers in Berlin. In Mainz zerstörte die ALF Schaufenster einer Filiale. Nach weiteren Attacken verkündete das Unternehmen dann im vergangenen August, im Jahr 2007 keine Pelze mehr zu verkaufen.

Noch drastischer sind die Vorfälle in England. Die Universität von Oxford baut seit Jahren an ihrem "Biomedizinischen Forschungszentrum". Die ALF spricht von Tierfolterung und greift regelmäßig Bauarbeiter und Architekten an. In Cambridge wollten Biologen anhand von Primaten die Funktion des menschlichen Gehirns erforschen– Brandstiftungen, Attacken auf Studenten und Drohbriefe der ALF waren die Folge. Die Uni Cambridge gab ihr Projekt im Jahr 2004 schließlich auf. In den USA überwacht das FBI die militanten Tierbefreier.

Auf den Schweizer Zirkus hatten es die Tier-Terroristen möglicherweise wegen Samira abgesehen. Samira heißt der weiße Tiger, den Direktor Skreinig im Zirkus-Programm als Sensation anpreist - weltweit gibt es nur rund 250 Exemplare dieser Art. Skreinigs Tigershow wurde in der Vergangenheit scharf kritisiert. "Raubkatzen gehören nicht in einen Zirkus", sagt Mark Rissi vom Schweizer Tierschutz (STS) zu SPIEGEL ONLINE. Das Leben des Tigers im Zirkus Royal habe "nichts mit artgerechter Haltung zu tun". Der "Kommerz" mit diesen Tieren sowie die Nachzucht müssten gestoppt werden. Außerdem halte sich Skreinig ein Flusspferd, "das hat auch nichts in einem fahrbaren Zirkus zu suchen", so Rissi.

Der Tierschützer geht zwar davon aus, dass der Zirkus auch durch die Kritik des STS ins Visier der Tierbefreiungsfront geraten ist, allerdings gebe es dadurch keine Verwerfungen: "Wir distanzieren uns sehr deutlich von der ALF". Der STS sei eine etablierte Organisation, "die Schweizer wissen schon, dass wir nicht so sind", so Mark Rissi zu SPIEGEL ONLINE.

Für die Maskierten von der ALF ist es dagegen vom Tiger Samira und Zwerghasen Lulu nur ein kleiner Schritt bis in die große Welt der Systemkritik. Die Tierbefreiungsfrontler sammeln sich im antikapitalistischen Schützengraben. Das "Leidwesen" der Tiere sei "ein Paradebeispiel für die Grausamkeit dieses auf Eigentum und Konkurrenz basierenden Systems", so das Bekennerschreiben an den Zirkus Royal. Tiere dürften "gejagt, gequält, ausgestellt, getötet, gemästet und gefressen werden". Deshalb solle "die ausbeuterische Maschinerie" – also der Kapitalismus – zerstört werden, "sorgen wir dafür, dass wir Räder die Richtung, die Geschwindigkeit und den Zweck unseres Drehens selbst bestimmen".

Bei all der technizistischen Kritik, ein wenig tröstende Wärme packen die Militanten dann doch in ihr Papier. Weil sie wohl in der Presse von den bitteren Tränen der Zirkuskinder wegen Lulu und Tic gelesen haben, "bedauern" sie nun recht staksig im Bekennerschreiben, dass sie mit der Entführung "zwei kleine Kinder, welche, so hatte es den Anschein, hauptsächlich für die Betreuung der beiden Tiere verantwortlich waren, sehr traurig gemacht haben".



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