Aus Tiflis berichtet Benjamin Bidder
Auf einem Bergrücken in der georgischen Hauptstadt erhebt sich ein futuristischer Palast aus Glas und Stahl. Mauern aus Beton und Fensterfronten, die sich auf einen Knopfdruck hin elektronisch eintrüben, schotten die Anlage gegen Blicke ab. Den begehbaren Erdball aus Stahl etwa, der über dem Swimmingpool schwebt, den künstlichen Wasserfall und die wertvollen Gemälde: Warhol, Dali, Renoir und ein paar Picassos.
Es ist die Fluchtburg eines Milliardärs, Angehöriger jener Kaste osteuropäischer Oligarchen, die Verschwiegenheit zu schätzen wissen. Zwei Jahrzehnte lang war über Bidsina Iwanischwili kaum mehr bekannt als ein einziges Foto, ein einziges Interview und viele Legenden, die sich um seinen Reichtum rankten.
Doch die Pläne des Milliardärs haben sich geändert. Er hat ein TV-Studio und Fernsehkameras für Live-Übertragungen in seinen Tifliser Bergpalast einbauen lassen. Er hat die Fluchtburg umgerüstet. Sie soll ihm jetzt als Basis dienen für seinen Griff nach der Macht in Georgien.
Iwanischwili ist 56 Jahre alt und laut dem US-Magazin "Forbes" 6,4 Milliarden Dollar schwer. Das Staatsbudget Georgiens könnte er anderthalb Jahre lang allein aus seiner Privatschatulle bestreiten. Als er Anfang Oktober 2011 seinen Eintritt in die Politik und dem prowestlich gesinnten Präsidenten Micheil Saakaschwili damit den Krieg erklärte, löste das ein politisches Erdbeben in dem Kaukasusstaat aus.
Saakaschwili beschimpft Iwanischwili als Agenten des Kreml. Die Kandidatur des Oligarchen sei "der letzte Versuch von jenen, die das Land zurück in die Finsternis" führen wollten. Iwanischwili wiederum bezeichnet den Präsidenten als Diktator, weil die Staatsmedien ihn nicht zu Wort kommen lassen, nutzt aber gleichzeitig die Fernsehkanäle der Opposition für eigene Propagandaattacken.
Iwanischwili ist politisch unerfahren bis unbedarft
Die Schlacht zwischen den beiden Männern, die einmal Weggefährten waren, hat das Land so tief gespalten wie nie zuvor. Saakaschwili, 44, ist noch immer jung, eloquent und voller Tatendrang, aber bald schon zehn Jahre im Amt. Iwanischwili hat eine jungenhafte Statur, aber einen Händedruck wie ein Schraubstock. Er ist angetreten, um "Saakaschwilis totales Machtmonopol" zu brechen, wie er sagt.
20.000 Menschen kamen zu seiner Wahlkampfkundgebung in Kutaissi, der zweitgrößten Stadt des Landes. 50.000 waren es in Sugdidi an der Küste, und 100.000 in Tiflis, der Hauptstadt.
Der Oligarch, rhetorisch wenig beschlagen, ist ein eigenartiger Volkstribun. Seine Kandidatur gab er noch per Brief bekannt, aus Scheu vor einem öffentlichen Auftritt. Noch immer schweift er häufig ab, wenn er Reden halten muss oder Interviews gibt. Der Milliardär ist politisch unerfahren bis unbedarft. Aber in den zwölf Monaten, in denen er nun in der Öffentlichkeit steht, hat er noch nicht viel falsch machen können. Iwanischwili ist ein unbeschriebenes Blatt und die perfekte Projektionsfläche für die Hoffnungen und Sehnsüchte der Saakaschwili-Gegner.
Teile der Elite und des Tifliser Bürgertums sind zu ihm übergelaufen. Sie sind alarmiert über den zunehmend autoritären Regierungsstil Saakaschwilis. Dieser lässt zwar georgische Regierungsbehörden mit EU-Fahnen beflaggen, als Ausweis seiner demokratischen Gesinnung, hat sich aber auch eine neue Verfassung auf den Leib schneidern lassen, um ab dem kommenden Jahr die Geschicke des Landes als Premierminister lenken zu können. Nach zwei Amtszeiten als Präsident darf Saakaschwili 2013 nicht mehr kandidieren.
Hinter Iwanischwili scharen sich aber auch viele der verarmten Landbewohner. Sie vertrauen darauf, dass der Mann aus dem Glaspalast das ganze Land zu Wohlstand führen werde.
So wie es in Tschorwila geschah. Zweieinhalb Autostunden von Tiflis schmiegt sich Iwanischwilis Heimatdorf zwischen sanfte Hügel. Die Erde ist hier nicht sehr fruchtbar, die Winter sind kalt und die Menschen seit Generationen arm. Wenn Bidsina Iwanischwili über seine Kindheit spricht, erzählt er von dem Schulweg, den er barfuß laufen musste, und der kleinen Hütte, in der er mit vier Geschwistern aufwuchs. Sein Vermögen verdankt Iwanischwili vor allem Geschäften in Russland. Seine erste Bank eröffnete Iwanischwili in den neunziger Jahren laut eigenen Angaben im Gebäude eines Moskauer Kindergartens.
Iwanischwili zahlt Hochzeiten, Beerdigungen und Dachreparaturen
Dort, wo einst sein Elternhaus stand, hat der Milliardär einen Landsitz errichtet. Das Anwesen beherbergt eine Fußballhalle, einen Hubschrauberlandeplatz, Pinguin- und Känguru-Gehege sowie Gewächshäuser, in denen das Gemüse gedeiht, das sich Iwanischwili alle zwei Tage per Auto zum Verzehr nach Tiflis karren lässt.
Webchia Iwanischwili, 43 Jahre alt und nicht in direkte Linie mit dem Oligarchen verwandt, steht vor dem Eisentor der Residenz. Bis vor zehn Jahren noch lebte er mit Frau und Kindern in einem alten Eisenbahnwaggon. Dann kehrte der Milliardär Iwanischwili aus Russland zurück, spazierte mit einem Architekten bei Webchia vorbei und sagte: "Webchia, dieser Mann wird dir jetzt ein neues Haus bauen."
Heute ist Webchia Iwanischwilis Verwalter, "Kommendante" nennt sich das offiziell. Er sorgt dafür, dass der Wohlstand den Weg in alle Häuser findet. 200 Dollar lässt Iwanischwili jeder Familie im Monat ausbezahlen. Begräbnisfeiern sponsert er mit 2000 Dollar, Hochzeiten mit 3000. 90 Prozent der Einwohner hat er neue, schmucke weiße Häuser bauen lassen, 12.000 lecke Dächer im ganzen Landkreis neu gedeckt. Der Kreisstadt schenkte Iwanischwili ein Hallenbad und eine Klinik. Doch Arbeit hat kaum jemand in Tschorwila.
"Ich hatte eigentlich vor, alles auszugeben für mein Land"
Auf ein Stück vom Wohlstand hofft jetzt auch das halbe Land, und Iwanischwili schürt die Erwartungen noch. Eine kostenlose Krankenversicherung für alle hat er versprochen und höhere Renten. Ob er auch Teile seines Privatvermögens für Georgien ausgeben will? "Ich hatte eigentlich vor, alles auszugeben für mein Land", sagt er. Aber auch er weiß, dass das kaum reichen wird. Er wolle um Investitionen werben, sagt er, bei ausländischen Investoren und bei den "tausend Georgiern, die ein Vermögen von mehr als einer Million Dollar haben".
Ein Wirtschaftskonzept aber, das langfristig Arbeitsplätze schaffen könnte, hat der reichste Mann Georgiens für sein Land so wenig wie für sein Heimatdorf Tschorwila. Das freilich hat er gemein mit seinem Kontrahenten Saakaschwili. Der Präsident lässt zwar überall im Land neue Straßen, Hotels und Verwaltungsgebäude hochziehen, ist aber auf die finanzielle Unterstützung aus dem Westen angewiesen. Seit seinem Amtsantritt 2004 haben Europa und die USA rund sechs Milliarden Dollar in den Kaukasus gepumpt.
Auch Iwanischwili hat den Präsidenten einst unterstützt. Als Saakaschwilis Polizei neue Streifenwagen brauchte, ließ der Milliardär die klapprigen Ladas ohne viel Aufhebens durch schnittige Skodas ersetzen. Selbst nach dem Zerwürfnis zwischen den Männern - Saakaschwili hatte 2007 Massendemonstrationen niederknüppeln lassen, Iwanischwili hinter den Kulissen seinen Rücktritt gefordert -, hielt der Milliardär lange still.
Dass der Oligarch jüngst beim Verkauf seiner russischen Firmen ordentliche Erlöse erzielen konnte, spricht dafür, dass die Strippenzieher im Kreml das Manöver des Milliardärs offenbar wohlwollend verfolgen. Wladimir Putin hatte nach dem August-Krieg 2008 mit Georgien gedroht, er wolle Saakaschwili "an den Eiern aufhängen".
Mit Kritik an Putin hält sich Iwanischwili im Wahlkampf merklich zurück. Er wirbt stattdessen für eine Aussöhnung mit Russland, allein schon deshalb, damit der große Nachbar im Norden seine Grenzen wieder für georgische Exportgüter wie Wein und Obst öffnet. Als Beleg für Saakaschwilis These, Iwanischwili sei ein Agent des Kreml, taugt das aber nicht: Laut Umfragen wünschen sich 88 Prozent der Georgier bessere Beziehungen mit Russland.
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