Milosevic-Brief: "Die haben mir ein Medikament gegen Lepra aufgezwungen"

Verwirrung um Todesursache: Die Nachrichtenagentur AP veröffentlichte einen Brief, in dem Milosevic behauptet, er sei vom Uno-Tribunal mit Lepra-Medikamenten vergiftet worden. Ein niederländischer Arzt hingegen vermutet, der Ex-Präsident habe sich das Antibiotikum selbst besorgt.

Den Haag/Moskau - In seinem Brief an die russische Regierung spricht Milosevic von einer Verschwörung: "Ich glaube, die Beharrlichkeit, mit der die medizinische Behandlung in Russland verweigert wurde, ist in erster Linie in der Befürchtung begründet, dass bei einer sorgfältigen Untersuchung entdeckt werden würde, dass aktive und mutwillige Schritte unternommen wurden, meine Gesundheit zu zerstören." Die könne vor russischen Spezialisten nicht verborgen werden.

Den Brief, den der Anwalt des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten, Zdenko Tomanovic, der Nachrichtenagentur AP in englischer Übersetzung übergeben hat, soll Milosevic am 8. März geschrieben haben. Er beschuldigt darin das Kriegsverbrechertribunal ihn vergiftet zu haben und zieht eine Untersuchung vom 12. Januar heran, bei der ein Antibiotikum in seinem Blut nachgewiesen wurde. Belgische Behörden hatten am Montag bestätigt, das Spuren eines Antibiotikums, dass normalerweise bei der Behandlung von Tuberkulose und Lepra verschrieben wird, bei Milosevic nachgewiesen wurden. Es handelt sich vermutlich um "Rifampicin".

Er habe während seiner gesamten fünf Jahre im Gefängnis nie ein Antibiotikum genommen, erklärt Milosevic in seinem Brief. "Während dieser gesamten Zeit habe ich auch nie irgendeine ansteckende Krankheit gehabt."

Der 64-Jährige schreibt, er habe den Befund seiner Blutwerte erst am 7. März erhalten. Diese Verzögerung sei nur dadurch zu erklären, "dass wir es mit Manipulation zu tun haben. In jedem Fall können diejenigen, die mir ein Medikament gegen Lepra aufzwingen, gewiss nicht meine Krankheit behandeln; ebenso wenig wie die, gegen die ich mein Land in Kriegszeiten verteidigt habe und die ein Interesse daran haben, mich zum Schweigen zu bringen".

"Milosevic wollte einfache Fahrt nach Moskau"

Der Toxikologe, der eigenen Angaben zufolge vor zwei Wochen eine Blutprobe Milosevics analysiert hat, vermutet eine ganz andere Verschwörung. Milosevic habe das Antibiotikum absichtlich eingenommen, um eine Behandlung im Ausland zu erzwingen. Zu dieser Version würden die Aussagen im Bittbrief an die russische Regierung passen. "Ich bin sicher, dass er die Medizin selbst genommen hat, weil er einen Fahrschein nach Moskau wollte", sagte Ronald Uges. Er habe den 64-Jährigen untersucht, weil die behandelnden niederländischen Ärzte wissen wollten, weshalb Milosevics Blutdruck trotz der Medikamente nicht sinke.

Der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagte Milosevic war am Wochenende tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Laut Autopsie erlitt er einen Herzinfarkt.

Die belgische Tageszeitung "Le Soir" berichtete unter Berufung auf einen nicht genannten Uno-Mitarbeiter, dass im Januar in Milosevics Zelle nicht verordnete Medikamente gefunden wurden. Nach dem Fund dieser Medikamente hätten die Richter des Kriegsverbrechertribunals über Milosevics Antrag auf Genehmigung einer Reise nach Moskau beraten. Dieser sei dann abgelehnt worden. Überraschenderweise habe Milosevic dagegen keinen Widerspruch eingelegt.

Haftbefehl gegen Witwe wird ausgesetzt

Die niederländische Staatsanwaltschaft hatte die Leiche des ehemaligen Präsidenten am Montag freigegeben. Er soll in Belgrad beigesetzt werden. Ein Staatsbegräbnis, wie von der Familie gefordert, hatte die serbische Regierung jedoch ausgeschlossen.

Die serbische Staatsanwaltschaft erklärte sich zur Aufhebung des Haftbefehls gegen Milosevics Witwe Mira Markovic bereit, damit sie an der Bestattung teilnehmen kann. Die Vorwürfe und das laufende Verfahren gegen Milosevics Witwe blieben aber in Kraft, zitierte die Nachrichtenagentur Tanjug eine leitende Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft. Am Dienstagmorgen sollte das zuständige Bezirksgericht entscheiden, ob der Haftbefehl aufgehoben wird, wie eine Gerichtssprecherin sagte.

Markovics Anwalt, Zdenko Tomanovic, habe den Antrag für die Aufhebung gestellt und weitere finanzielle Garantien für die Witwe des früheren Präsidenten geleistet, sagte die Sprecherin. Markovic wird wegen Machtmissbrauchs gesucht und war 2003 aus Serbien geflohen. Sie hält sich wahrscheinlich in Russland auf.

Milosevics Sohn Marko wird am Dienstag von Moskau in die Niederlande fliegen, um die Leiche seines Vaters in Empfang zu nehmen. Das niederländische Außenministerium in Den Haag bestätigte am Montagabend, dass Marko Milosevic ein Einereisevisum bekommen hat.

agö/ap/dpa/afp

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