Milosevic: Del Ponte hält Selbstmord für möglich

Die Todesursache des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic ist weiterhin unklar. Die Chefanklägerin Carla del Ponte schließt Selbstmord nicht aus.

Den Haag -  Niederländische Gerichtsmediziner sind bisher nicht in der Lage gewesen, die Ursache für den Tod Milosevics zu klären, teilte das Tribunal heute Mittag mit.

Carla del Ponte: "Ich bin natürlich frustriert"
DPA

Carla del Ponte: "Ich bin natürlich frustriert"

Die Chefanklägerin des Gerichtes, Carla del Ponte, sagte, sie könne nichts zu Spekulationen über eine Vergiftung des ehemaligen Präsidenten sagen. Sie halte auch einen Selbstmord für möglich. Genaueres müsste die Autopsie erbringen, die am Mittag begonnen hat. Ergebnisse erwarte sie heute Abend oder Montag früh.

Die Untersuchung des Leichnams findet im Beisein zweier serbischer Pathologen statt. Serbiens Minister für Menschenrechte, Rasim Ljajic, kam am Morgen mit entsprechenden Experten in den Niederlanden an. 

Milosevic musste sich seit 2002 vor dem Gericht der Vereinten Nationen wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo während der neunziger Jahre verantworten. Unter anderem wurde ihm das Massaker in Srebrenica zur Last gelegt. Ein Urteil hätte noch dieses Jahre fallen sollen. Allerdings war der Prozess mehrfach unterbrochen worden, weil der Angeklagte unter Herzproblemen und Bluthochdruck litt. Es sei sehr schade, dass Milosevic kurz vor dem mutmaßlichen Ende seines Prozesses gestorben und kein Urteil gefällt worden sei, sagte del Ponte. Sie sei "natürlich sehr frustriert".

Die Chefanklägerin betonte, durch den Tod des Ex-Präsidenten würden die Festnahmen des Anführers der Bosnisch-Serbischen Radovan Karadzic und seines Militärchefs Ratko Mladic noch dringlicher. Beide Männer sind des Völkermordes angeklagt. Mehr denn je erwarte sie nun von Serbien, die beiden Männer zu fassen und schnellstmöglich an das Kriegsverbrechertribunal zu überstellen.

"Es wird nichts mehr sein wie zuvor"

Doch möglicherweise wird das nun noch schwieriger als bisher schon. Der Tod des Expräsidenten und der Selbstmord des verurteilten kroatischen Serbenführers Milan Babic in der vergangenen Woche - einem Kronzeugen im Milosevic-Prozess - haben in Belgrad den Eindruck entstehen lassen, das Kriegsverbrechertribunal sei kein sicherer Ort für serbische Nationalisten. Ein Ort, wo der Westen ihre Nationalhelden krepieren lässt. "Wie wollen sie den Menschen in Serbien jetzt erklären, dass Milosevic nicht todkrank war, wie er behauptete", fragt der Politikwissenschaftler Brache Grubacic. 

Ivica Dacic, Vorsitzender von Milosevics Sozialistischer Partei, brachte die Meinung vieler auf den Punkt: "Milosevic starb nicht in Den Haag, er wurde in Den Haag getötet." Der Expräsident habe vor dem Uno-Tribunal nicht nur seine eigenen Interessen vertreten, sondern die nationalen und Staatsinteressen Serbiens und der Bevölkerung. "Dafür sollte ihm jeder dankbar sein." Nach Ansicht von Toma Fila, Anwalt der Milosevic-Familie, hat dessen Tod die Glaubwürdigkeit Den Haages zertrümmert. "Er ist schon der sechste Serbe, der dort ums Leben gekommen ist", betonte er. "Nach dem Tod Milosevics wird nichts mehr sein wie vorher", erklärte gar die Serbische Radikale Partei. Die Ultranationalisten kündigten an, die Demütigung serbischer Nationalisten und ihrer Familien "nicht länger zu dulden".

Schon vor dem Tod von Slobodan Milosevic hatten Beobachter im Westen und auf dem Balkan den Sinn Den Haags in Frage gestellt. Die Chance auf eine heilsame Wirkung des Verfahrens sei durch die Langwierigkeit des Prozesses vergeben worden. Nach Einschätzung des früheren schwedischen Ministerpräsidenten und Uno-Sondergesandten für den Balkan, Carl Bildt, hat der Tod Milosevics dem Tribunal auf jeden Fall schweren Schaden zugefügt.

Ein Gefängniswärter hatte Milosevic gestern tot in seiner Zelle gefunden. 

mvb/rtr/AFP/AP

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