Von Christoph Sydow und Christian Teevs
Washington - Das Scheitern von Mitt Romney begann mit seinem größten Triumph - den Vorwahlen seiner republikanischen Partei. Dort setzte sich der Mann, der die Präsidentschaftswahl nun deutlich verloren hat, gegen alle Rivalen durch - indem er den Hardliner gab. Der einst moderate Gouverneur von Massachusetts inszenierte sich auf einmal als kompromissloser Gegner jeglicher Lockerung der Einwanderungspolitik.
So lobte er etwa die strengen Gesetze in Arizona. Dort werden Immigranten, die ihre Papiere nicht dabeihaben, sofort verhaftet. Zudem befürwortete Romney, illegale Einwanderer zur Ausreise zu zwingen. Noch wichtiger aber: Selbst jungen Latinos, die als Kinder in die USA gekommen sind, dann studiert haben oder beim Militär waren, wollte Romney die Staatsbürgerschaft verweigern. Er kündigte sogar sein Veto an, sollte der Kongress während seiner Präsidentschaft ein entsprechendes Gesetz erlassen.
Die Mehrheit der Latinos schreckte er damit ab. Auch wenn Romney noch versucht hat, seinen Kurs im Wahlkampf zu korrigieren: Es reichte nicht. Bei den Minderheiten schnitt er am Dienstag so schlecht ab, dass ihm sein klarer Vorsprung bei den weißen Wählern nichts brachte. Entscheidend sind dabei vor allem die Latinos. Hier konnte Obama gegenüber 2008 noch einmal zulegen. 69 Prozent der Spanisch sprechenden Minderheit wählten den Demokraten, Romney bekam nur 29 Prozent der Stimmen.
Latinos sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe
Ein verheerendes Ergebnis. Denn die Latinos sind nicht nur die größte Minderheit und die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in den USA. Ihren größten Anteil an der Wählerschaft haben sie ausgerechnet in entscheidenden Swing States wie Colorado, New Mexiko und Nevada. Alle drei hat Obama deutlich gewonnen.
Obama sicherte sich die Unterstützung der Latinos, indem er eine abgespeckte Version des sogenannten Dream Act erließ. Demnach können illegale Einwanderer unter 30 Jahren seit dem Sommer eine zweijährige Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung beantragen. "Damit hat Obama die Hoffnungen vieler Latinos aufgegriffen", sagt Henriette Rytz von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Obwohl in seiner Präsidentschaft die Abschiebungszahlen deutlich gestiegen sind, habe Obama damit seine Unterstützung bei den Latinos festigen können, sagt Rytz. Romney dagegen konnte auch nicht mehr retten, dass er seine Position im Wahlkampf erneut änderte. Auf einmal unterstützte er das Aufenthaltsrecht und versprach, Obamas Erlass bei einem Machtwechsel nicht zu kassieren. Die Mehrheit der Latinos konnte das aber nicht überzeugen.
Dazu kam ein Fauxpas, der Romney entscheidende Sympathien gekostet haben dürfte. Im September tauchte ein Video auf, in dem Romney 47 Prozent der Amerikaner als Opfer bezeichnete, die vom Staat abhängig seien. Die Rede, die der Republikaner vor reichen Spendern hielt, verstärkte den Eindruck von einem abgehobenen Kandidaten ohne soziale Kompetenz. Jeder fünfte Wähler gab in Umfragen an, er wolle einen Präsidenten, der sich "um Leute wie mich kümmert". Es ist keine Überraschung, dass Obama in dieser Gruppe mit 82 zu 17 Prozent vorne lag.
Obwohl die Bedeutung der Minderheiten in diesem Wahlkampf immer wieder betont wurde, scheiterte Romney damit, in diesen Wählergruppen zu punkten. Auch Afroamerikaner (91 Prozent) und Wähler mit asiatischen Wurzeln (74 Prozent) wählten mit großer Mehrheit Obama. Die Republikaner sind nach wie vor eine Partei der weißen Bevölkerung. Neun von zehn Bürgern, die sich als Republikaner bezeichnen, sind weiß.
Republikaner haben demografischen Wandel verschlafen
Doch ihr Anteil an der Bevölkerung schrumpft. Romney allerdings schlug Mahnungen wie jene des Ex-Bush-Beraters Karl Rove in den Wind. Dieser hatte die Republikaner aufgefordert, auf den demografischen Wandel zu reagieren. In nur 40 Jahren wird sich die Zahl der US-Einwohner mit spanischen Wurzeln von derzeit fünfzig Millionen auf hundert Millionen verdoppeln, schätzen Experten. "Wir brauchen mehr Latinos als Kandidaten und eine weniger kriegerische Rhetorik hinsichtlich der Einwanderung", erkannte auch Matt Machowiak, Wahlstratege der Republikaner.
Doch Romney war für eine solche Erneuerung der Republikaner offenkundig der falsche Mann. Für ihn stimmte die Mehrheit der US-Bürger, die sich für massenhafte Abschiebungen und ein Abtreibungsverbot aussprechen. Auch der Großteil jener, die eine gleichgeschlechtliche Ehe ablehnen, wählte Romney.
Das Problem: Keine dieser Positionen ist in den USA noch mehrheitsfähig.
Welche Wählergruppen konnte US-Präsident Obama überzeugen? Eine Übersicht:
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