Ministeriums-Webseite Russischer Historiker gibt Polen Schuld am Zweiten Weltkrieg

Absurde Thesen auf der Web-Seite des russischen Verteidigungsministeriums: Hitler habe 1939 nur "gemäßigte Wünsche" gehabt und wegen Polen sei der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, schreibt ein Historiker. Nach Protesten distanzierte sich das Ministerium.


Moskau - Aufregung um die Web-Seite des russischen Verteidigungsministeriums: Polen sei schuld am Zweiten Weltkrieg, schreibt dort der Historiker Sergej Kowaljew. Das Ministerium distanzierte sich am Donnerstag von dem Artikel. Ein Sprecher sagte der Nachrichtenagentur Interfax, der in einer Sparte mit Geschichtsthemen veröffentlichte Beitrag spiegele nicht die offizielle Meinung des Hauses wider. Auf der Internetseite würden auch "kontroverse" Artikel zur Militärgeschichte veröffentlicht.

Die Zeitung "Wremja Nowostei" kritisierte den Beitrag als "zynisch" und "schädlich" für Russland. Stimme er mit der offiziellen Ansicht des Ministeriums überein, drohe eine Verschlechterung der internationalen Beziehungen, sagte der Historiker Arseni Roginski. Das Blatt berichtete, der Text sei in der russischen Armee "auf großen Enthusiasmus" gestoßen.

Der Militärhistoriker Kowaljew behauptet, ein wesentlicher Grund für den Kriegsausbruch sei gewesen, dass Polen im Frühjahr 1939 Hitlers "gemäßigte Wünsche" nach einer "Rückgabe" Danzigs und Eisenbahnlinien nach Ostpreußen abgelehnt habe. Der Zweite Weltkrieg habe daher "wegen Polens Weigerung begonnen, die deutschen Forderungen zu erfüllen". Seine Darstellungen wurden ausgerechnet in einer Sparte veröffentlicht, die den Titel " Geschichte: Gegen Lügen und Fälschungen" trägt.

Strafe für "Zweifel an Heldentaten der Sowjetarmee"

Die Beziehung zwischen Russland und Polen gilt als historisch belastet. Die Sowjetunion hatte etwa kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet - in einem geheimen Zusatzprotokoll regelten das Deutsche Reiche und die Sowjetunion die Teilung Polens. Im September 1939 überfiel Hitler-Deutschland nach langer Planung Polen unter einem Vorwand.

Erst kürzlich war Russlands Staatschef Dmitri Medwedew für eine neue Kommission kritisiert worden, die "Geschichtsfälscher" ächten will. "Zweifel an Heldentaten der Sowjetarmee" sollen mit Haft und Geldbußen bestraft werden. Experten sehen darin einen Angriff auf das Recht zur freien Meinungsäußerung und die Freiheit der Wissenschaft.

Der Vorsitzende der Geschichtskommission, Kreml-Stabschef Sergej Naryschkin, forderte am Donnerstag "die Rückkehr von Patriotismus und Nationalstolz in die russischen Schulbücher". Russland sollte stolz sein auf seine Geschichte und dürfe "unerträgliche Versuche (der Geschichtsfälschung) aus dem Ausland" nicht hinnehmen, sagte der Chef der Präsidialverwaltung dem staatlichen Fernsehsender "Erster Kanal".

kgp/dpa/AFP



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