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Minutenprotokoll: Tag der Flucht und der Freude

Der Tahrir-Platz ist zur Tanzfläche geworden. Nach 18 Tagen hat die ägyptische Demokratiebewegung einen Erfolg errungen, der die Menschen im ganzen Nahen Osten glücklich macht: Der Despot hat aufgegeben. Der Westen gratuliert - und mahnt. Lesen sie die Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll nach.

AFP

+++ Demonstranten wollen die Nacht auf dem Tahrir-Platz verbringen +++

[23.50 Uhr] Der Tahrir-Platz im Herzen Kairos hat sich binnen Stunden von einem Ort der Anspannung und Gewalt zu einer Tanzfläche der glücklichen Massen verwandelt. Auch nach Mitternacht wird hier noch ausgelassen gefeiert. Offenbar planen viele Demonstranten, auch diese Nacht hier zu verbringen. Wollen sie den Platz ihres größten Triumphes nicht verlassen oder trauen sie dem Frieden noch nicht so ganz? Einige wollen mit ihrem Bleiben anscheinend demonstrieren: Wir bleiben, bis wir genau wissen, was als nächstes kommt. Insgesamt ist die Stimmung aber sehr positiv und friedlich.

+++ Jimmy Carter gratuliert Ägyptern zum Rücktritt Mubaraks +++

[23.35 Uhr] Der frühere US-Präsident Jimmy Carter hat den Menschen in Ägypten zum Rücktritt von Staatschef Husni Mubarak gratuliert. Damit sei ein erster Schritt hin zu einer neuen Ära demokratischer Legitimität gemacht, sagte Carter. Die Menschen sollten wissen, dass sie beim Aufbau einer demokratischen Nation auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zählen könnten. Carter hatte den 1979 unterzeichneten Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel vermittelt. Mubarak war damals Vizepräsident.

+++ "Ich bin so stolz, Ägypter zu sein +++

[23.14 Uhr] Sie sind stolz, an der Revolution beteiligt gewesen zu sein und die dreißigjährige Herrschaft von Mubarak beendet zu haben: "Das ist einer der besten Tage meines Lebens", sagt Baher Ibrahim in Alexandria. Er habe nur eine Bitte: "Schreibt nicht der 'ehemalige Präsident Mubarak'. Schreibt 'der vertriebene Präsident Mubarak'." Über Twitter tauschen die berauschten Menschen in der Region Witze aus, zum Beispiel: "Gaddafi hat Freitage abgeschafft nachdem Ben Ali und Mubarak beide an einem Freitag zurückgetreten sind."

+++ Mubaraks Rücktritt beschert Gewinne an den Börsen +++

[22.43 Uhr] Die Erleichterung über den Rücktritt von Mubarak sorgte an den US-Börsen für weitere Gewinne. Der Leitindex Dow Jones stieg um 0,36 Prozent nach oben und schloss bei 12.273,26 Punkten - der höchste Stand seit Mitte Juni 2008. Ägypten sei Händlern zufolge das Thema gewesen, das alle anderen Daten in den Hintergrund gedrängt habe. Am Sonntag soll die ägyptische Börse für drei Stunden geöffnet werden. Das teilte das ägyptische Staatsfernsehen mit. Die Börse war aufgrund der Proteste geschlossen worden.

+++ Jubel im gesamten Nahen Osten +++

[22.30 Uhr] Überall im Nahen Osten, zwischen Beirut und Gaza, wird der Rücktritt Mubaraks von den Menschen mit Jubel, Feuerwerk und Hupkonzerten gefeiert. In der jordanischen Hauptstadt Amman versammelten sich laut BBC viertausend Menschen vor der ägyptischen Botschaft und verlangten nach mehr politischer Partizipation. Auch im Jemen, wo es in den letzten Wochen ebenfalls Proteste gegen das Regime gab, gingen die Menschen auf die Straßen.

+++ Ägypter feiern euphorisch ihre Revolution +++

[22.20 Uhr] Auf dem Tahrir-Platz, dem Platz der Revolution, herrscht weiterhin eine euphorische Stimmung: Glückliche, lachende Menschen mit leuchtenden Augen schwingen ägyptische Fahnen, trommeln, singen und rufen sich Glückwünsche zu. Doch der Sinn für die politische Realität geht im Jubel nicht unter: "Wenn das Militär ganz klar und deutlich erklärt, dass es den Übergang zur Demokratie, die Aufhebung des Ausnahmezustands und Neuwahlen fürs Parlament unterstützt, gehen wir heim. Wenn es aber nur vage behauptet, dass es unsere Forderungen erfüllt, dann bleibe ich hier", sagte ein ägyptischer Dauer-Camper am Abend auf dem Tahrir-Platz.

Fotostrecke

21  Bilder
Jubel nach Mubarak-Rücktritt: Volksfest auf Kairos Straßen
+++ Irans Reaktion auf Mubaraks Rücktritt +++

[22.08 Uhr] Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte, bald werde ein Naher Osten "ohne Amerika und das zionistische Regime" entstehen.

+++ Algeriens Polizei schlägt Protestmarsch nieder +++

[21.45 Uhr] Inspiriert von Mubaraks Rücktritt gingen am Abend auch in Algier Regimegegner auf die Straße. Doch algerische Sicherheitskräfte schlugen die spontane Protestkundgebung nieder. Nach Angaben eines Vertreters der Oppositionspartei "Zusammenschluss für Kultur und Demokratie" (RCD) wurden zehn Demonstranten verletzt, zwei von ihnen schwer. Bei den Protesten am Freitagabend seien zehn Oppositionelle vorübergehend festgenommen worden, sagte der RCD-Sprecher Mohcine Belabbas. Für diesen Samstag haben Gegner des autoritären algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika trotz eines Demonstrationsverbots zu einem Protestmarsch aufgerufen.

+++ Tritt der Generalsekretär der Arabischen Liga zurück? +++

[21.40 Uhr] Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, will angeblich in den kommenden Wochen zurücktreten. Das berichtet BBC und bezieht sich auf einen Bericht ägyptischer Staatsmedien. Mussa, der seit zehn Jahren an der Spitze der Arabischen Liga steht, wird von einigen als möglicher Kandidat für das Amt des ägyptischen Präsidenten angesehen.

+++ Obama: Ägypten wird nie mehr dasselbe sein +++

[21.15 Uhr] US-Präsident Barack Obama hat sich in einer Fernsehansprache in Washington öffentlich zu dem Rücktritt Mubaraks geäußert. Es war eine Rede im Namen der Demokratie: "Das ägyptische Volk hat gesprochen, die Stimme des Volkes ist gehört worden. Die Ägypter haben uns mit ihrem friedlichem Protest inspiriert, sie haben ihr Land verändert und damit die Welt", sagte Obama. Mubaraks Rücktritt sei nicht das Ende der Transition, sondern der Beginn des Übergangs zur Demokratie. Auf dem Weg zu freien und fairen Wahlen habe Ägypten allerdings noch schwierige Zeiten vor sich. Die neue Führung in Kairo müsse "glaubwürdig den Weg zu freien und fairen Wahlen ebnen", sagte Obama. Ägypten werde nie mehr sein wie zuvor.

+++ Mubarak schimpfte vor seinem Rücktritt bitterlich über die USA +++

[21.05 Uhr] Laut "Guardian" verbrachte Mubarak seine letzten Stunden als Präsident in seinem Büro und beschwerte sich in einem Telefonat mit einem isrealischen Politiker bitterlich über die USA. Mubarak sprach zwanzig Minuten mit dem früheren Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser, berichtet Reuters. Ben-Elieser sagte demnach im israelischen Fernsehen über das Gespräch mit Mubarak: "Er sagte ziemlich heftige Sachen über die USA." Mubarak habe ihm gesagt: "Wir sehen, wie die Demokratie, an deren Speerspitze die USA stehen, in Iran und in Gaza mit der Hamas verwirklicht wird. Das ist das Schicksal des Mittleren Ostens. Sie mögen über Demokratie reden, aber sie wissen nicht, wovon sie sprechen. Das Ergebnis werden Extremismus und ein radikaler Islam sein."

+++ Bahrain hoffnungsvoll +++

[20.57 Uhr] "Ägypten hebt die arabische Welt in eine neue Ära - lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass es eine bessere wird", kommentiert Bahrain die Entwicklungen.

+++ Rede Obamas um 21 Uhr +++

[20.50 Uhr] US-Präsident Obama will sich um 21 Uhr MEZ an die Öffentlichkeit wenden und zu den Ereignissen in Ägypten Stellung nehmen.

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insgesamt 240 Beiträge
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1. Verlust der Rechtschreibung?
ch@rybdis 11.02.2011
Das in der deutschen Presse immer noch von "Bundesmarine" gesprochen wird, obwohl seit der Wiedervereinigung die offizielle Bezeichnung "Deutsche Marine" lautet - daran habe ich mich bereits gewöhnt. Ebenfalls übersehe ich "galant", dass immer noch von OffizierSanwärtern gesprochen/geschrieben wird. Hier sei den Autoren zu Gute gehalten, dass der DUDEN beide Möglichkeiten anbietet, also auch die in Militärkreisen übliche Schreibweise ohne Fugen-s. Aber das jetzt von "Generälen" geschrieben wird, obwohl die korrekte Bezeichnung "Generale" lautet, lässt mich betrübt in die Zukunft schauen. Nun ja, die Teilnehmer der vergangenen PISA-Studien müssen ja auch langsam mal im Berufsleben ankommen ...
2. wenn Gerüchte gestreut werden....
trubeldubel 11.02.2011
irgendwie ist es interessant zu sehen, wie leicht Massen manipuliert werden können. Der wird erstmal ein kleines Gerücht gestreut. Von wem wohl? Von dem, der einen neuen Statthalter für die Ägypter stellen wird. Dieses Gerücht wird von allen möglichen Medien national und international aufgenommen und verbreitet. Zudem wird dann berichtet, dass schon viele Menschen in Richtung Platz gehen. Nun kommt der Herdentrieb, der hier bewusst eingeplant wurde: Da muss ich auch hin. Und so werden es immer mehr. Die Medien verbreiten Volksfeststimmung. Also wer nun nicht erwartet, dass Mubarak zurücktritt, ist eigentlich ein Feind. Die Stimmung wird immer mehr durch schnellere Gerüchtemeldungen (und es sind immer nur Gerüchte, keine Fakten) verbreitet. Es ist abzusehen, wie es weitergeht. Die Erwartung, dass ein Rücktritt kommt, ist sehr groß, da hochgepuscht. Sollte Mubarak nicht zurücktreten, wird es Randale geben. Somit hat die amerikanische Administration erreicht, was sie wollte. Suez-Kanal gerettet, Militärbasen gerettet, Öl-Pipelines gesichert - was will man mehr? Der Stellvertreter, der dies ausführt ist das Ägyptische Volk. Nun brauchen wir nur noch abzuwarten und dann einen Nachfolger installierten. Der Betrogene ist das Volk.
3. Folgt man den.....
fatherted98 11.02.2011
...naiven Kommentaren der Deutschen Medien wird das Militär heute sicher die Demokratie ausrufen und für nächste Woche Neuwahlen organisieren. Vorher werden schnell Parteien gegründet und neben einer Liberalen, Christlich-Demokratischen und einer Sozialdemokratischen wird es auch die Grünen geben...die Linke lassen wir weg. Dann wird gewählt und alles ist so wie bei uns...und Mubarak wandert für seine letzten Jahre nach Chile aus...ach wie schön....
4. Eine Diktaur getauscht ?
gaga007 11.02.2011
Nun wird also das Militär doch reagieren ... ?! Nur wie wird es reagieren - sollten die Ägypter sich eine Militär-Diktatur "herbei-gestreikt" haben ? Eine klammheimliche Schadenfreude wäre nicht zuverheimlichen.
5. Duden ändern
Habeshah 11.02.2011
Zitat von ch@rybdisDas in der deutschen Presse immer noch von "Bundesmarine" gesprochen wird, obwohl seit der Wiedervereinigung die offizielle Bezeichnung "Deutsche Marine" lautet - daran habe ich mich bereits gewöhnt. Ebenfalls übersehe ich "galant", dass immer noch von OffizierSanwärtern gesprochen/geschrieben wird. Hier sei den Autoren zu Gute gehalten, dass der DUDEN beide Möglichkeiten anbietet, also auch die in Militärkreisen übliche Schreibweise ohne Fugen-s. Aber das jetzt von "Generälen" geschrieben wird, obwohl die korrekte Bezeichnung "Generale" lautet, lässt mich betrübt in die Zukunft schauen. Nun ja, die Teilnehmer der vergangenen PISA-Studien müssen ja auch langsam mal im Berufsleben ankommen ...
Wenn der Spiegel so schreibt wie die Menschen reden wir sicher der Duden bald nachziehen. DIE SPRACHE LEBT
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Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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