Minutenprotokoll zur Revolte: Ärzte berichten von steigenden Todeszahlen

Nach Angaben von Ärzten sind bei den Demonstrationen gegen Ägyptens Präsident Mubarak bisher über 90 Menschen ums Leben gekommen. Die Proteste hielten bis in die Nacht an: Trotz Ausgangssperre gingen noch Tausende auf die Straße.

Revolte in Ägypten: Panzer, Tränengas, Plünderungen Fotos
Getty Images

+++ Noch immer Demonstranten in den Straßen +++

[23.30 Uhr] Al-Dschasira berichtet, dass noch mindestens 2000 Demonstranten auf den Straßen Kairos unterwegs sind. Die Zahl der Menschen, die sich über die Ausgangssperre hinwegsetzen, sei jedoch deutlich geringer worden, bedingt auch durch die zunehmenden Plünderungen.

+++ Todeszahl steigt auf über 90 +++

[22.56 Uhr] Bei dem Versuch zwei Polizeireviere südlich von Kairo zu stürmen sind 17 Demonstranten erschossen worden. Es gab Dutzende Verletzte. Die Zahl der Toten steigt damit nach Angaben von Ärzten und Sicherheitsbeamten auf mindestens 92 Menschen seit Beginn der Proteste vor fünf Tagen.

+++ Demonstranten legen Feuer in Regierungsgebäude +++

[22.37 Uhr] Laut Reuters haben Demonstranten in Kairo mehrere Feuer gelegt. Unter anderem setzten sie die Zentrale der ägyptischen Steuerbehörde und ein Bürogebäude in der Nähe des Innenministeriums in Brand. Die Flammen seien mehrere Straßenblocks weit zu sehen, berichtete ein Journalist der Nachrichtenagentur.

+++ TV-Sender zeigt Festgenommene +++

[22.25 Uhr] Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte am Abend erstmals Bilder von Dutzenden von Männern, bei denen es sich um festgenommene Plünderer handeln soll.

+++ Plünderer überfallen Krankenhaus +++

[22.19 Uhr] Nicht nur Privathaushalte müssen sich vor zunehmenden Beutezügen durch Plünderer fürchten. Eine Kinderkrebsklinik sei überfallen und ausgeraubt worden, berichteten laut dpa und dem Fernsehsender al-Dschasira Ärzte am Samstag. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija hätten Ärzte zur Verteidigung des Gebäudes Molotowcocktails hergestellt.

+++ Appell von Deutschland, Frankreich und Großbritannien +++

[21.33 Uhr] Der nationale wie internationale Druck auf Ägyptens Präsident Husni Mubarak steigt am fünften Tag der blutigen Proteste. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier David Cameron haben in einer gemeinsamen Erklärung Staatsoberhaupt Mubarak und die revoltierenden Demonstranten zu Gewaltverzicht aufgerufen. Er müsse einen Transformationsprozess einleiten hin zu einer "Regierung, die sich auf eine breite Basis stützt, sowie freien und fairen Wahlen".

Ausdrücklich lobten die drei Staatsvertreter "die ausgleichende Rolle (...), die Präsident Mubarak über viele Jahre im Nahen Osten gespielt hat". Es sei nun äußerst wichtig, dass die versprochenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen "rasch und vollständig umgesetzt werden und die Erwartungen des ägyptischen Volkes erfüllen". Die Menschenrechte und demokratischen Freiheiten müssten voll respektiert werden, einschließlich der Meinungsfreiheit und der freien Nutzung von Kommunikationsmitteln wie Telefon und Internet sowie der Versammlungsfreiheit.

+++ Dutzende Tote seit Freitag +++

[20.13] Nach Angaben von Ärzten und Sanitätern sind seit Freitag mindestens 73 Menschen bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten getötet worden. Tausende seien verletzt worden. Der arabische Sender al-Dschasira berichtet von mehr als 100 Todesopfern und 1000 Verletzten.

+++ Benzinlieferungen nach Gaza stocken +++

[19.55 Uhr] Dem Gaza-Streifen könnte wegen der Unruhen im benachbarten Ägypten das Benzin ausgehen. Palästinenser berichten laut der Nachrichtenagentur Reuters von Engpässen, da der grenzübergreifende Schmuggel durch unterirdische Tunnel ins Stocken geraten ist. So langsam wie am Samstag seien die Lieferungen seit Beginn der Aufstände nicht in Gaza angekommen. Die Hamas versucht die Bevölkerung zu beschwichtigen, dennoch horten die Einwohner bereits Benzin.

+++ Amnesty International kritisiert Netzabschaltung +++

[19.29] Wegen der teilweisen Abschaltung seines Mobilfunknetzes in Ägypten ist das britische Telekommunikations-Unternehmen Vodafone scharf kritisiert worden. Diese Bereitwilligkeit sei "einfach unglaublich", sagte am Samstag der Generalsekretär von Amnesty International, Salil Shetty, im Gespräch mit dem "Handelsblatt". Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück. Man habe das mobile Telefonieren am Samstagmorgen und damit so früh es ging wieder möglich gemacht, sagte ein Sprecher in London.

+++ Anwohner stellen Bürgerwehren auf +++

[18.57 Uhr] Wegen einer dramatischen Verschlechterung der Sicherheitslage bilden verzweifelte Einwohner in vielen Vierteln von Kairo Bürgerwehren. Junge Männer und Hausmeister bewaffnen sich mit Stöcken und Messern, um Angreifer abzuwehren, wie Augenzeugen berichten. Gleichzeitig gehen beim staatlichen Fernsehen Hilferufe von Bewohnern einiger Viertel ein, die das Militär um Schutz bitten. Die Verteidigung der Viertel ist allerdings schwer, weil die Plünderer meist in großen Gruppen von 30 bis sogar 200 Mann auftauchen.

+++ Demonstranten verharren auf dem Tahrir-Platz +++

[18.49 Uhr] Auf dem Tahrir-Platz in der Innenstadt Kairos harren noch immer Tausende Menschen in der Dunkelheit aus. Die Stimmung wirkt friedlich. Das Militär hält sich zurück.

+++ Deutsche Urlauber bleiben im Land +++

[18.25 Uhr] Die Ägypten-Urlauber der drei größten deutschen Touristikanbieter brechen ihre Reisen trotz der Unruhen in dem Land nicht ab. Von den mehreren tausend aus Deutschland angereisten Touristen habe niemand eine vorzeitige Rückreise beantragt, sagten Sprecher von TUI, Thomas Cook und Rewe Touristik. In den Urlaubsregionen des Landes - etwa am Roten Meer - sei die Lage ruhig.

+++ Israel fliegt Diplomatenfamilien und Touristen aus +++

[18.11 Uhr] Israel hat Frauen und Kinder von israelischen Diplomaten in Ägypten aus Kairo ausgeflogen. An Bord der Maschine, die am Abend auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv landete, waren auch etwa 40 Touristen, wie das Außenministerium mitteilte. Die Touristen, die sich während der Unruhen der vergangenen Tage in Kairo aufgehalten hatten, hätten den Wunsch geäußert, nach Israel zurückzukehren.

+++ Regierung plant keine vorgezogenen Neuwahlen +++

[17.48 Uhr] In Ägypten wird es nach Angaben eines Parlamentssprechers trotz der anhaltenden Proteste keine vorgezogenen Neuwahlen geben. Die Präsidentenwahl ist regulär für September angesetzt.

+++ Anwohner fürchten massive Plünderungen +++

[17.11 Uhr] In den Stadtvierteln von Kairo spitzt sich die Lage mit Einbruch der Dunkelheit zu. Nachdem es bereits in den Vortagen zu Plünderungen und Übergriffen gekommen ist, rotten sich nun abseits der Hauptstraßen Männer mit Stöcken und Messern zusammen. Die ägyptische Armee schützt laut dpa nur einige zentrale Plätze in der Stadt. Einwohner berichten, dass sie sich sich aus Angst vor Überfällen in ihren Wohnungen verbarrikadiert haben.

+++ Westerwelle in "großer Sorge" +++

[17.08 Uhr] Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat die Führung und die Sicherheitskräfte in Ägypten aufgefordert, keine Gewalt gegen friedliche Demonstrationen auszuüben. Die Lage dürfe nicht weiter eskalieren, sagte Westerwelle. Er sei "in großer Sorge" über die Zuspitzung der Lage in Ägypten: "Die Nachrichten und Bilder der Gewalt aus Kairo und anderen großen Städten sind erschütternd." Politisch entscheidend sei nun, dass die ägyptische Führung den Weg politischer und wirtschaftlicher Reformen einschlage, erklärte Westerwelle. "Dauerhafte Stabilisierung braucht Demokratisierung, braucht die Achtung der Menschenrechte und die Gewährung der Meinungsfreiheit."

+++ Ahmed Schafik wird neuer Ministerpräsident +++

[17.05 Uhr] Nach Angaben des Staatsfernsehens ist der ehemalige Luftfahrtminister Ahmed Schafik zum neuen Ministerpräsidenten ernannt worden. Er soll nun die neue Regierung bilden. Schafik war früher Chef der ägyptischen Luftwaffe und steht dem Militär somit ebenfalls nahe.

+++ US-Außenministerium erhöht den Druck auf Mubarak +++

[16.51 Uhr] Der Sprecher des US-Außenministeriums, P.J. Crowley, hat in einer Twitter-Nachricht den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak zu echten Reformen aufgefordert. "Die ägyptische Regierung kann nicht einfach die Karten neu mischen und dann wieder auf stur schalten", schreibt Crowley. Der Ansprache von Mubarak und seinem Versprechen zu Reformen müssten nun Taten folgen.

+++ Panzer fahren vor dem Präsidentenpalast auf +++

[16.33 Uhr] Rund um den Präsidentenpalast in Kairo sind Panzer aufgefahren. Aus einzelnen Stadtteilen werden Prügeleien und Plünderungen gemeldet, etliche Hauptstraßen sind abgesperrt.

+++ Omar Suleiman neuer Vizepräsident +++

[16.20 Uhr] Erstmals in seiner 30-jährigen Herrschaft hat Husni Mubarak einen Vizepräsidenten ernannt. Den Posten nimmt der Geheimdienstchef Omar Suleiman ein. Sollte Mubarak sein Amt niederlegen oder das Land verlassen, würde Suleiman an seine Stelle treten. Im Staatsfernsehen wurde die Amtseinführung Suleimans gezeigt, der salutiert und Mubarak dann die Hand gibt. Suleiman war Abgesandter Mubaraks bei den Nahost-Friedensgesprächen und wird schon seit Jahren als Nachfolger des Dauerpräsidenten gehandelt. Er gilt als armeenah.

+++ Rätselraten um Aufenthaltsort Mubaraks +++

[16.17 Uhr] Wo ist Husni Mubarak? Gerüchteweise will er sich noch am Samstag erneut zu Wort melden, eine Bestätigung gibt es dafür aber nicht. Möglicherweise hält er sich im Präsidentenpalast auf, laut al-Dschasira spricht er gerade mit Beratern darüber, wie mit den Protesten umzugehen ist.

+++ Auswärtiges Amt rät von Städtereisen in Ägypten ab +++

[16.08 Uhr] Das Auswärtige Amt rät von Reisen in ägyptische Städte ab. Neben Kairo, Alexandria und Suez sollten auch die "urbanen Zentren im Landesinneren" gemieden werden, heißt es in den aktualisierten Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Ausgenommen von der Warnung seien nur die Tourismuszentren am Roten Meer.

Reisenden in Ägypten wird empfohlen, Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden. Genau wie diejenigen Ausländer, die in Ägypten leben, sollten Touristen in den örtlichen Medien das Geschehen verfolgen und sich so etwa über staatlich verfügte Ausgangssperren informieren.

Deutsche, die sich längerfristig in Ägypten aufhalten, können sich bei der Botschaft in Kairo registrieren. Sie werden dann per E-Mail über aktuelle Entwicklungen und Warnungen informiert. Wie viele Deutsche sich derzeit in Ägypten aufhalten, ist laut Ministerium nicht bekannt.

+++ Deutsch-Ägypter demonstrieren in Berlin +++

[16.04 Uhr] Rund 250 Ägypter haben in Berlin für Demokratie und Freiheit in ihrem Heimatland demonstriert. Auf einer Kundgebung wurden Rufe laut wie "Die Revolution wird siegen" oder "Mubarak, wir sind arm geworden, was machen Sie mit unserem Geld?". Auf Transparenten war außerdem zu lesen: "Mubarak, hast Du genügend Gefängnisse für 80 Millionen Ägypter?" Nach Polizeiangaben verlief die Veranstaltung ohne Zwischenfälle.

+++ Britisches Flugzeug dreht von Kairos Flughafen ab +++

[15.49 Uhr] Ein Flugzeug der Gesellschaft British Midland International ist auf dem Weg nach Kairo während des Fluges abgedreht und nach London zurückgekehrt. Als Grund gibt ein Sprecher der Airline die "sich rapide verändernden Verhältnisse" in Ägypten an. An Bord des Fluges BD771 waren 64 Passagiere und sechs Crewmitglieder.

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Forum - Unruhen in Kairo - kippt die Regierung?
insgesamt 3690 Beiträge
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1. Wenn das BKA Facebuck sperren will...
LeisureSuitLenny 27.01.2011
... sollte man also genau hinsehen. Kann sein das da schon längst die Revolution läuft, aber die Medien nicht darüber berichten dürfen. ;)
2. 6% ? Ach, nee?
lynx2 27.01.2011
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
3. 6% ? Ach, nee? Gerast?
lynx2 27.01.2011
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
4. Das Jahrzent
Jay's, 27.01.2011
des aktiven Widerstands hat begonnen oder die Kettenrevolution nimmt ihren Lauf.
5. Dialog
Karapana 27.01.2011
"Mehrere westliche Regierungen, die enge Beziehungen zur ägyptischen Führung unterhalten, hatten Mubarak und die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen." Da fällt mir ein, das war auch in der DDR das Zauberwort der Kalkköpfe. "Dialog" . Heute kommt noch hinzu: "Regierung der nationalen Einheit". Dabei zeigen die Proteste ja gerade, dass es diese nicht gibt.
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