Flüchtlinge und Erinnerungskultur "Wir büßen unsere Menschlichkeit ein"

Der Westen schottet sich ab. Nicht zum ersten Mal. Vor 80 Jahren diskutierten 32 Staaten in Évian, ob sie verfolgte Juden aufnehmen sollten. Die Historikerin Mirjam Zadoff über damals und heute.

Rettungseinsatz vor Libyen
DPA

Rettungseinsatz vor Libyen

Ein Interview von


Europa ist nervös in diesem Sommer. Weltweit sind 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Der Kontinent mauert sich ein - und ist damit im Trend. Auch die USA unter Präsident Donald Trump und das ferne Australien verfolgen eine restriktive Einwanderungspolitik. Die Flüchtlingsdebatte spaltet Nationen, Regierungen, Familien. Der Showdown zwischen CDU und CSU markiert den vorläufigen Höhepunkt des Asylstreits hierzulande.

Nun jährt sich die Konferenz von Évian zum achtzigsten Mal. Auf Einladung des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt reisten am 6. Juli 1938 die Vertreter von 32 Staaten und 24 Hilfsorganisationen an den Genfer See. Sie verhandelten zehn Tage lang über das Schicksal von 540.000 deutschen und österreichischen Juden, die von Nazi-Deutschland ihrer Lebensgrundlage beraubt und in die Flucht getrieben worden waren.

Das Ergebnis: Mit Ausnahme von Costa Rica und der Dominikanischen Republik öffnete kein Land seine Grenzen. Mirjam Zadoff, die neue Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, spricht im Interview über historische Parallelen, die deutsche Erinnerungskultur und die Bedeutung von Flüchtlingsidentitäten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat die Konferenz von Évian?

Zadoff: Die internationale Staatengemeinschaft hat in jenem Juli 1938 katastrophal versagt, und Adolf Hitler wurde klar: Es kümmert keinen, was mit den Flüchtlingen passiert. Diese Erkenntnis war zentral für die weitere Entwicklung. Keine Frage: Diese Menschen starben in deutschen Lagern. Aber es waren europäische und amerikanische Grenzbehörden, Konsulate und Botschaften, die sie als Flüchtlinge ablehnten.

SPIEGEL ONLINE: Warum lehnten sie die Flüchtlinge ab?

Zadoff: Aus Angst davor, Wählerstimmen zu verlieren, aus Angst vor dem Antisemitismus im eigenen Land, aus Angst davor, unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen - deshalb lehnte der amerikanische Kongress sogar ein Kindertransport-Projekt ab, wie es die Briten nach dem Novemberpogrom 1938 spontan ins Leben riefen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt der Blick zurück, in die Geschichte?

Zadoff: Die Nazis kamen nicht aus dem luftleeren Raum, der Nationalsozialismus entstand als eine, für viele logische, Konsequenz der Moderne - mit ihrem wissenschaftlich legitimierten Rassismus und Antisemitismus, mit Wirtschaftskrisen und Kriegshetzerei. Natürlich gibt es keine eins-zu-eins Analogien zu heute, das wäre drastisch vereinfacht, der Holocaust war und ist einzigartig, aber ich bin sicher, dass der Blick zurück eines lehrt: Wenn wir Flüchtlinge nicht mehr als Menschen betrachten, sondern nur mehr als Bedrohung, zahlen wir einen hohen Preis und büßen unsere Menschlichkeit ein.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump in den USA, Viktor Orbán in Ungarn, Horst Seehofer in Deutschland, Malcolm Turnbull in Australien, Matteo Salvini in Italien - gibt es Parallelen zwischen diesen Politikern und ihrer Flüchtlingspolitik?

Zadoff: Flüchtlinge sind momentan überall ein Wahlkampfthema - und ein "Problem", das vermeintlich schneller gelöst werden kann als beispielsweise die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Aber dieses "Problem" wird sich nicht so einfach lösen lassen. Von Kriegen wie in Syrien abgesehen wird auch der Klimawandel zukünftig mehr und mehr Menschen zur Flucht vor Hunger und Durst zwingen. Das alles ist nicht neu - allein zwischen 1900 und 1914 haben viele Millionen Europäer den Kontinent verlassen und sind in die USA ausgewandert. Zum Großteil waren das Wirtschaftsflüchtlinge, nur manche, vor allem die Juden, waren Asylsuchende - ein Unterschied, den man damals nicht berücksichtigt hat.

Zur Person
  • Orla Connolly
    Prof. Dr. Mirjam Zadoff ist seit Mai 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Zuvor hatte die gebürtige Innsbruckerin den Lehrstuhl für Jüdische Studien an der Indiana University in Bloomington (USA) inne. Für ihre Forschungsarbeiten erhielt die Historikerin und Judaistin zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Ihre jüngste Buchveröffentlichung ist: "Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem" (Hanser-Verlag).

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Zadoff: Was heute mit Blick in die Geschichte dringend nötig wäre, ist eine kluge, gut organisierte europäische Asylpolitik, die Verfolgten und Asylsuchenden Schutz gewährt und sich zugleich darum bemüht, bessere Perspektiven in den Heimatländern zu schaffen. Und es geht auch darum, die Sorgen der einheimischen Bevölkerung ernst zu nehmen, nämlich die Angst um den Verlust von kollektiver Identität und Ressourcen. Außerdem sollten die Flucht- und Migrationserfahrungen der Menschen, die nach Europa kommen, Platz in der Identität ihres Aufnahmelandes haben - nur dann lernen wir als Gesellschaft daraus. Ich denke, das ist eine wichtige Voraussetzung, damit Integration gelingen kann.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland ist stolz auf seine Aufarbeitung der NS-Zeit. Gleichzeitig fordern Politiker wie Björn Höcke (AfD) mittlerweile eine "Wende in der Erinnerungskultur". Machen es sich die Deutschen zu leicht, haben sie mit der Vergangenheit abgeschlossen und wollen nun die Gegenwart genießen, ohne an die Zukunft zu denken?

Zadoff: Das Deutschlandbild hat sich 2015 international massiv gewandelt: In US-amerikanischen und britischen Zeitungen überschlug man sich mit Lob für die Menschlichkeit und Empathie der Deutschen, die in ihren Gärten Nutella-Brote für syrische Flüchtlinge auftischten. Zugleich war der Preis dafür, wie wir nun wissen, hoch. Es ist kein Zufall, dass die Forderungen nach einer "Wende in der Erinnerungskultur" gerade jetzt laut werden. Der Blick auf Europa zeigt, dass eine erbarmungslose Flüchtlingspolitik häufig einher geht mit einem problematischen Verständnis der eigenen Geschichte. Wenn gefordert wird, die Grenzen dichtzumachen, dann stört die Erinnerung an die Ausgrenzungsgesellschaft des Nationalsozialismus.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.