Misshandlungen: London hält Rot-Kreuz-Bericht unter Verschluss

Auch die britische Regierung muss sich unangenehmen Fragen wegen der Misshandlung irakischer Gefangener stellen. Seit drei Monaten war das Verteidigungsministerium über die Vorfälle durch einen vertraulichen Bericht des Roten Kreuzes informiert, dennoch befragten Armeesoldaten und der MI6 weiter die Gefangenen in Abu Ghureib.

 Britischer Verteidigungsminister Hoon: Am Montag vor dem Parlament
AP

Britischer Verteidigungsminister Hoon: Am Montag vor dem Parlament

London - Forderungen, den im Februar vorgelegten Zwischenbericht des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) zu veröffentlichen, lehnte das Verteidigungsministerium am Sonntag unter Hinweis auf die Vertraulichkeit der Informationen ab. Auf die in dem Bericht erhobenen Vorwürfe sei reagiert worden, hieß es lediglich.

Das Verteidigungsministerium hatte bisher erklärt, erst durch die vom "Daily Mirror" seit Anfang Mai veröffentlichten Fotos von den Misshandlungen erfahren zu haben. Soldaten, deren Namen bisher nicht bekannt gemacht wurden, hatten dem "Mirror" die Fotos zugespielt. Regierung und Militär haben auf mehreren Ebenen Untersuchungen der Vorwürfe eingeleitet. Premierminister Tony Blair hatte sich "entsetzt" über die Anschuldigungen geäußert.

Britische Soldaten vernahmen Häftlinge

Laut der Sonntagszeitung "Observer" haben britische Soldaten die Gefangenen in dem Folter-Gefängnis auch dann noch befragt, als die ersten Berichte über die Misshandlungen bekannt wurden. Drei britische Armeenagehörige waren zu diesem Zweck zwischen Januar und April dieses Jahres nahe dem Gefängnis stationiert. Auch der britische Geheimdienst MI6 hatte regelmäßigen Zugang zu den Gefangenen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gab an, die britischen Soldaten hätten von den Misshandlungen nichts mitbekommen und sich stets gemäß der Genfer Konvention verhalten.

Die neuen Enthüllungen ziehen die britische Regierung immer tiefer in den Strudel des Skandals, der vor zehn Tagen durch einen TV-Bericht im US-Sender CBS ausgelöst worden war. Trotz Entschuldigungen und Versprechungen nach schneller Aufklärung steht die US-Regierung vor einer moralischen und politischen Katastrophe.

Kritik der Opposition

Hoon soll jetzt auf Drängen der Oppositionsparteien im Unterhaus Klarheit darüber schaffen, was die Regierung zu welchem Zeitpunkt wusste und wie sie auf die Anschuldigungen reagierte. Der frühere Außenminister Robin Cook kritisierte am Sonntag die Weigerung, den IKRK-Bericht zu veröffentlichen. Eine Demokratie sollte es nicht nötig haben, sich unter dem Hinweis auf Vertraulichkeit um die Veröffentlichung möglicherweise unangenehmer Fakten zu drücken, sagte er im BBC-Fernsehen.

Mögliche Anklagen gegen drei Soldaten

 Ausgabe des "Daily Mirror" vom 1. Mai mit den ersten Bilder mißhandelnder britischer Soldaten: Schock im Land
AFP

Ausgabe des "Daily Mirror" vom 1. Mai mit den ersten Bilder mißhandelnder britischer Soldaten: Schock im Land

Unterdessen berichtete die "Sunday Times" über neue Fotos von Misshandlungen durch britische Soldaten. Danach müssen drei Soldaten nach einjährigen Ermittlungen mit einer Anklage wegen sexuellen Missbrauchs, einschließlich Vergewaltigung, rechnen. Die Bilder, die von der Zeitung nicht veröffentlicht wurden, befänden sich im Besitz des Verteidigungsministeriums. Ein Fotogeschäft in Nordengland hatte die Polizei alarmiert, nachdem ein aus dem Irak zurückgekehrter Soldat seinen Film zur Entwicklung abgegeben hatte.

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