Mission in Kunduz Afghanen und Bundeswehr starten Großoperation gegen Taliban

Vor der Wahl hat Afghanistans Militär mit Hilfe der Bundeswehr eine Offensive gegen die Taliban gestartet. Bei der Mission setzen die deutschen Streitkräfte auch Panzer ein. Die Lage ist angespannt: Das Camp der Bundeswehr wurde mit Raketen beschossen, weitere Angriffe werden erwartet.

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - Im nordafghanischen Kunduz haben das afghanische Militär und die lokale Polizei mit Unterstützung der Bundeswehr eine groß angelegte Operation gegen die Taliban und andere Aufständische in der Region gestartet.

Afghanischer Soldat im Einsatz: Groß angelegte Operation gegen die Taliban
REUTERS

Afghanischer Soldat im Einsatz: Groß angelegte Operation gegen die Taliban

Afghanische Militärs berichteten per Telefon aus Kunduz, mit der Offensive gegen Aufständische in deren Hochburg Chareh Dareh, einem Landstrich südwestlich der Provinzmetropole, wolle die Regierung vor den Präsidentenwahlen im August für Ordnung sorgen. Mehrere hundert Soldaten und Polizisten seien an der Operation beteiligt.

Der Gouverneur von Kunduz, Mohammed Omar, sagte SPIEGEL ONLINE, Ziel der gemeinsamen Operation sei es, den Bezirk Chareh Dareh "vor der Wahl von Taliban zu reinigen". Seinen Informationen zufolge sind bereits am Sonntag sechs Kämpfer der Radikal-Islamisten bei Kämpfen getötet worden. Durch einen ferngezündeten Sprengsatz seien zudem drei Soldaten der afghanischen Armee ums Leben gekommen. Mehrere Soldaten wurden bei anderen Kampfhandlungen verletzt. "Die Operation wird noch mehrere Tage weitergehen", kündigte Omar an.

Die Bundeswehr unterstützt die Mission nach eigenen Angaben hauptsächlich durch Absicherungskräfte am Rande des Landstrichs. Außerdem helfen Kampfjets der Schutztruppe Isaf bei der Aufklärung. Bisher haben die Jets noch keine Bomben abgeworfen. Meist reichte es, wenn die Maschinen recht tief über den Einsatzort flogen oder Leuchtmunition abfeuerten.

Allerdings sind bei der Operation, die seit Sonntag läuft, auch deutsche Soldaten im Kampfgebiet bei Kunduz involviert gewesen. Erstmals wurden dabei offenbar auch die kürzlich in Kunduz eingetroffenen Panzer vom Typ "Marder" eingesetzt, die eine starke Feuerkraft haben. Intern war bei der Bundeswehr von einem halben Dutzend "Feindkontakten" die Rede, Details lagen aber in Berlin noch nicht vor.

Robuster Bundeswehreinsatz gegen Taliban

Die Operation erscheint anhand der ersten Informationen als die größte gemeinsame Offensive der Afghanen und der Deutschen gegen die Taliban bisher. Auch wenn die Afghanen die Mission führen, ist sie ein weiterer Beleg dafür, dass auch die Deutschen aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage immer robuster gegen die Taliban vorgehen.

Der Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS sagte, man gehe von Dorf zu Dorf, um Aufständische aufzuscheuchen. Dabei sei es mehrfach zu längeren Feuergefechten gekommen, bei denen Kämpfer der Taliban getötet worden sind.

Wie lange die Mission noch laufen soll, war zunächst nicht zu erfahren. Ein afghanischer Militärsprecher sagte nur, dass die Soldaten so lange jeden Tag nach Chareh Dareh gehen würden, "bis der Gegner das Gebiet verlässt". Am Montag durchsuchten die Soldaten mehrere Häuser auf der Suche nach Verdächtigen, neue Kämpfe soll es aber nicht gegeben haben.

Zwischenfall am Checkpoint

Im Zuge der teilweise heftigen Kampfhandlungen kam es am Sonntag an einem Checkpoint zu einem tragischen Todesfall. Der Vorgang, bei dem ein offenbar Unbeteiligter von der Bundeswehr erschossen wurde, ereignete sich an einer Stellung westlich der Ortschaft Charah Dareh, von wo aus die Deutschen die afghanische Operation absicherten.

Laut den ersten Ermittlungen raste ein Pick-up auf die Bundeswehrsoldaten zu und stoppte auch nach Abgabe von Warnschüssen nicht. Daraufhin schossen die Soldaten gezielt auf das Fahrzeug und töteten einen Jugendlichen.

Der Zwischenfall erinnert an einen Vorgang vor rund einem Jahr, bei dem drei afghanische Zivilisten, eine Mutter und ihre beiden Kleinkinder an einem Checkpoint von einem deutschen Soldaten erschossen worden waren. Die deutsche Justiz entschied Monate nach den tödlichen Schüssen, dass der Soldat in Notwehr gehandelt habe und stellte die Ermittlungen ein.

Auch im aktuellen Fall hätten die Deutschen aus Sicht der Bundeswehr "von einem Angriff ausgehen" müssen. Gleichwohl prüft die Staatsanwaltschaft in Potsdam auch in diesem Fall, ob sie Ermittlungen gegen den oder die betroffenen Soldaten einleiten muss.

Die Taliban werden sich rächen

Auch wenn die Operation bei Kunduz von den Afghanen geführt wird, geriet die Bundeswehr ebenfalls in mehrere, teils heftige Gefechte. Ein gepanzerter "Dingo" der Deutschen wurde durch Beschuss beschädigt. Mehrere Autos der afghanischen Armee wurden zudem mit Sprengsätzen attackiert.

Kurz nach Beginn der Operation nahmen die Aufständischen auch das deutsche Feldlager unweit des Flughafens in Kunduz ins Visier. Am Sonntag feuerten sie insgesamt fünf Raketen auf das Lager ab, die jedoch ihr Ziel verfehlten.

Heute gegen 19 Uhr Ortszeit ließen erneut zwei Raketeneinschläge die Erde im Camp beben. Ob sie das Lager getroffen hatten, war zunächst unklar. Verletzt worden sei aber niemand, hieß es in einer ersten Bestandsaufnahme aus Kunduz.

Gleichwohl richten sich die Soldaten gerade für die Nacht auf neue Angriffe ein. Die Operation in der Hochburg der Taliban, das ist den Offizieren mehr als klar, wird eine Gegenreaktion der Taliban provozieren.



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