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Offenlegung der Vermögen: Hollandes Kabinett der Millionäre

Von , Paris

Frankreichs Kabinett: Die Millionen der Minister Fotos
REUTERS

Frankreichs Regierung will mit einem "Finanz-Striptease" aus dem Tief. Die Offenlegung der Privatvermögen zeigt, dass im Kabinett der Sozialisten gleich sieben Millionäre sitzen. Andere rechnen sich arm. Bringt diese Aktion Hollande wieder Vertrauen?

Der Online-Auftritt von Frankreichs Regierung ist nicht gerade aufregend: Biedere Webseiten unter blau-weiß-roter Kopfleiste preisen die Arbeit des Premiers und seiner Minister, verweisen auf Reden, Mitteilungen und Dossiers. Nun gibt es eine neue Unterseite: Zum Konterfei eines Ministers erscheinen detailliert dessen private Besitzverhältnisse - Immobilien, Autos, Schmuck, Sparbücher und Aktien.

Verblüffend ist dabei: Sieben Kabinettsmitglieder unter den 37 Ministern sind Millionäre - der Durchschnittsfranzose besitzt rund 230.000 Euro. An erster Stelle steht Außenminister Laurent Fabius. Der Spross einer berühmten Familie von Kunstsammlern verfügt über ein Apartment in Paris (2,7 Millionen), zwei Zweitwohnsitze und Börsenwerte - insgesamt sechs Millionen Euro, "verschiedene bewegliche Güter" eingeschlossen.

Zum Club der Millionäre gehören nicht nur Arbeitsminister Michel Sapin, Sportministerin Valérie Fourneyron und der Minister für Überseegebiete Victorin Lurel. Auch Premier Jean-Marc Ayrault ist im illustren Zirkel der Superreichen - er nennt einen Wohnsitz in Nantes sein Eigen und dazu ein Feriendomizil in der Bretagne, Werte von rund 1,5 Millionen, diverse Bankkonten eingeschlossen. Ayraults neuer Citroën schlägt dabei mit 15.000 Euro zu Buche, sein alter VW-Kombi mit gerade noch 1000 Euro.

Als äußerst vermögend hat sich auch Michèle Delaunay geoutet, beigeordnete Ministerin für Senioren. Zusammen mir ihrem deutschen Mann besitzt sie Immobilien im Wert von über fünf Millionen Euro. "Die Politik hat mir nicht einen Euro zusätzlich eingebracht", sagt die gelernte Ärztin, aber "ich sehe das Risiko der Unverständnis in einer Zeit, in der viele Franzosen in Schwierigkeiten sind", gesteht Delaunay. "Das gesamte Leben in Euros zu übersetzen ist eine wahre Prüfung."

Neue Transparenz - oder billiges Ablenkungsmanöver?

Das gilt wohl für alle Minister beim "großen Auspacken", mit dem François Hollande nach dem Skandal um die Steuerhinterziehung von Ex-Budgetminister Jérôme Cahuzac wieder an Glaubwürdigkeit und Autorität gewinnen will. Der Präsident, der während seiner Wahlkampfauftritte die gesichtslose Allmacht der Finanzen als "Hauptfeind" ausgemacht hatte, taucht in der heute vorgelegten Liste nicht auf - er hatte sein Vermögen (1,17 Millionen Euro) bereits zum Amtsantritt bekanntgegeben.

Die PR-Aktion Hollandes war nicht nur von Teilen der Opposition als "billiges Ablenkungsmanöver" oder "Voyeurismus" verhöhnt worden. Selbst unter Genossen gilt der "Moralschock" - ein Teil des Maßnahmenbündels, mit dem der Präsident gegen Steuerflucht und Fiskaloasen zu Felde ziehen will - für Verstimmung. "Die Publikation von Vermögensverhältnissen ist gegen die Versuchung zu betrügen völlig unwirksam", wetterte etwa der PS-Fraktionsvorsitzende im Parlament, Claude Bartolone, und sorgte sich um die Konsequenzen für den Schutz der Privatsphäre von Politikern und ihrer Familien.

Skurriler Wettlauf beim Herunterrechnen

Premier Ayrault bestand jedoch auf der Übung in "totaler Transparenz" und so geriet der Fiskal-Glasnost zum bisweilen skurrilen Wettlauf um Bescheidenheit, Selbstverleugnung und dezentem Herunterrechnen. Beispiel Justizministerin Christiane Taubira, die drei Fahrräder von 1996 mit aufführt - Wert 200 Euro. Gleich ob bei Wohnungen, Erbe oder Bankkonten: Kaum ein Minister, der nicht im Gebrauchtwagen unterwegs ist; die Apartments in Paris sind mit Hypotheken belastet, die Landsitze schlichte Bauernhäuser, renoviert gewiss, aber im übrigen doch meistens von den Großeltern oder Eltern geerbt.

Mit derartigen Details mühen sich die Minister, bei Wählern und Parteigenossen keinen Sozialneid heraufzubeschwören. "Ziemlich bescheiden", sei sein Besitz, bemerkte Pierre Moscovici, der neben einer Zweizimmerwohnung in der Franche-Comté noch eine "Uhrensammlung" auflistete. Cécile Duflot, Grünen-Ministerin für Wohnungsbau, besitzt zwar ein Haus (117.000 Euro) und Schmuck im Wert von 12.000 Euro; ihr Auto ist jedoch bloß ein alter Renault Twingo. Frauenministerin Najat Vallaud-Benkacem ist stolze Besitzerin einer Vespa und einer Lebensversicherung.

Mehrheit der Franzosen ist das Ministervermögen egal

Industrieminister Arnault Montebourg zählt unter anderem eine Zweizimmerwohnung in Paris zu seinem Vermögen, bewohnt wird sie freilich von seiner Mutter. Er leistete sich einst einen Designer-Sessel von US-Designer Charles Eames (28.000 Francs), doch der Parkplatz in Dijon gehört ihm nur zur Hälfte. Kulturministerin Aurélie Filipetti, auch sie nicht unvermögend, outete sich hingegen als Besitzerin eines Beckham-Trikots.

Ob die Reality-Show in Sachen Privatbesitz dem angezählten Präsidenten aus dem Umfragenloch heraushilft, ist dabei nicht einmal sicher. In Umfragen bewerteten zwar 63 Prozent der Franzosen die Einblicke ins Private als wichtig. Zugleich wirkt die angestrebte "Moralisierung" als wenig einflussreich. Rund 70 Prozent der Befragten gaben ganz pragmatisch zu Protokoll, ihnen sei egal, ob ihre Politiker über ein wirklich üppiges Vermögen verfügten.

Also weiter so mit Transparenz - bis auf die Haut? François Lamy, beigeordneter Minister quittierte den geforderten Finanz-Striptease mit Humor. Vom TV-Sender Canal+ aufgefordert, sich an der Seite einer seiner "unschätzbaren Werte" zu zeigen, antwortete Lamy mit einem Vorschlag, der selbst die Journalisten überraschte: Er bot an, neben einem Aktfoto seiner Frau zu posieren.

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insgesamt 88 Beiträge
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1. optional
Boandlgramer 15.04.2013
Ich wünsche so sehr, dass das Merkel-Kabinett (und die Grün-Rote-Reserverbank gleich mit) auf gleiche Weise blank zieht. Das wäre vermutlich ein echter Augenöffner... Und die französischen Sozialisten würden dann wohl wieder aussehen wie Hungerleider, die's ohne die Politik zu nichts gebracht hätten. Man kann's dem Pöbel (und der liberal-konservativen Mainstream-Presse) aber auch nicht Recht machen...
2. Ach nee...
DerNachfrager 15.04.2013
Die Nachricht überrascht wohl nur Zeitgenossen mit jenem Quantum an Naivität, das man braucht um ein gläubiger Sozi zu sein. Oder hat hier irgendjemand nicht gewußt, daß Herr Lafontaine Millionär ist ? Der ist zwar kein Franzose, aber irgendwo...
3.
burgundy2 15.04.2013
Zitat von sysopREUTERSFrankreichs Regierung will mit einem "Finanz-Striptease" aus dem Tief. Die Offenlegung der Privatvermögen zeigt, dass im Kabinett der Sozialisten gleich sieben Millionäre sitzen. Andere rechnen sich arm. Bringt diese Aktion Hollande wieder Vertrauen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/mit-offenlegung-der-vermoegen-will-frankreichs-regierung-aus-dem-tief-a-894521.html
Verzeihung, aber das kann ja wohl nur eine Verkackeierung sein: "Cécile Duflot, Grünen-Ministerin für Wohnungsbau, besitzt zwar ein Haus (117.000 Euro) und Schmuck im Wert von 120.000 Euro.." Ein Haus von 117000 Euro kann - in Frankreich allgemein und in Paris im besonderen - nur eine Hundehütte sein. Dazu passen die 120000 Euro Schmuck wie die Faust auf's Auge. Und noch einer: "Ayraults neuer Citroën schlägt dabei mit 15.000 Euro zu Buch..." Auch so ein Rohrkrepierer, ich wusste gar nicht, dass es bei uns in Frankreich so billige Citroën überhaupt gibt (von Sonderaktionen und den Allerbilligstmodellen mal abgesehen). Usw. usw. Man fragt sich, ob die französische Regierung auf diesem Weg versucht, die enttäuschten Wähler zu erheitern. Wahr sind diese Münchhausengeschichten in keinem Fall.
4. Wen wunderts?
no_school 15.04.2013
dass bei den "Sozialisten" die Millionäre sitzen? Wer die Freiheit liebt, wird nur dann Millionär, wenn er/sie hart arbeitet. Das Ideal der Leistungslosigkeit forciert nur die Dekadenten oder die zukurz Gekommenen...
5. Ablenkungsdiskussion
sirisee 15.04.2013
Ja, man kann mit sozialer Gerechtigkeit Geld verdienen - ist das ein Problem? Oscar hat eine Traumvilla und eine reiche, kluge, nicht mehr ganz junge Traumfrau, die Hummer liebt; Münte eine junge Traumfrau und viel Geld, Herr Ernst einen Porsche und eine Urlaubshütte, Joschka, viel Geld und eine junge Traumfrau; Herr Bsirske viel Geld und keine Traumfrau, die Treberhilfe viel Geld und einen Maserati, Julia viel Geld, fast soviel wie Marina, Herr Bofinger, wenig Geld, aber viel Ruhm. Und Steinbrück ist nur mittelreich, das macht ihn sympatisch! Er hat keine Wohnung in Paris. Aber das soll doch von den Problemen der Niedriglöhner nur ablenken. Das wollen die Konzerne doch nur. Wir brauchen endlich einen Mindestlohn! Und außerdem Hilfe für Gr, Zy usw., damit die einen sozialen Vermögensaufbau stemmen können. Dafür müssen sie von ihren Schulden entlastet werden.
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