Ein Kommentar von Gregor Peter Schmitz, Des Moines
Amerikaner glauben, dass jeder Mensch seines Glückes Schmied ist. Aber ihre Präsidenten sind manchmal einfach Glückskinder. Barack Obama, ein relativ unerfahrener Ex-Sozialarbeiter, Hochschullehrer und Senator, gewann die Wahl 2008 nur dank einer Trias glücklicher Zufälle: Parteirivalin Hillary Clinton unterschätzte den jungen Parteifreund, Amerikaner ersehnten nach den Bush-Jahren "Change" - und Republikaner-Gegner John McCain entpuppte sich als sehr schwacher Wahlkämpfer.
Obamas Aufstieg begann im Schnee von Iowa, und jetzt ist dort erneut ein politisches Glückskind zu bestaunen: Mitt Romney, Sieger der republikanischen Vorwahlen in dem winzigen Agrarstaat. Dabei hat Romney die Abstimmung nicht einmal deutlich gewonnen, hauchdünn landete er am Dienstagabend vor seinem Parteifreund Rick Santorum, einem Liebling der religiösen Rechten.
Dennoch wird Romney wohl bald schon Obamas offizieller Herausforderer, weil er bestens präpariert die kommenden Abstimmungen in South Carolina und Florida angeht - ganz anders als Santorum, der bislang fast ausschließlich in Iowa um Stimmen buhlte. Anders auch als der Drittplatzierte Ron Paul, ein Idol der Jungen und der Radikalen, der Amerika keine Kriege mehr führen lassen möchte und die US-Notenbank abschaffen will.
Romney, der Ex-Gouverneur von Massachusetts, hat auf seinen Krönungsmoment lange hingearbeitet, er ist seit einem halben Jahrzehnt professioneller Präsidentschaftskandidat. Er ist auch ein besserer Bewerber als bei seinem ersten Anlauf 2008. Damals erschien er vielen Wählern noch wie ein Polit-Roboter.
Aber Romney ist vor allem ein Glückskind, und ihm helfen wie Obama drei glückliche Umstände:
Die Rivalen: Das Kandidatenfeld der Republikaner war im Jahr 2012 nicht einfach enttäuschend, es war erheiternd: eine Art Zirkus, indem die Attraktionen ständig wechselten - und kein Bewerber es verstand, die Stimmen des Anti-Romney-Flügels hinter sich zu vereinen.
Die Kongressabgeordnete Michele Bachmann hätte Stimme der einflussreichen Tea-Party-Fraktion werden können. Doch sie gab sich so schrill, dass moderaten Republikanern bald die Ohren dröhnten. Prompt wurde sie in Iowa Letzte. Rick Perry, Gouverneur von Texas und mit viel Ölgeld ausgestattet, fiel in TV-Debatten durch breite Brust und schmale Bildung auf. Er schaffte es nur knapp vor Bachmann und will nun "nachdenken", ob er seinen Wahlkampf fortsetzt.
Und Newt Gingrich, Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses und origineller Denker? Er wirkte als prinzipientreuer Bannerträger der Konservativen so überzeugend wie derzeit Bundespräsident Christian Wulff als Vorsitzender des Presserates - zu schwer lasteten vergangene Skandale um Lobby-Millionen und drei Ehen auf Gingrichs Bewerbung.
Die Rivalen, die sich nicht trauten: Prominente Republikaner, weit stärker als die aktuellen Romney-Konkurrenten, entschieden sich gegen einen Anlauf auf das Weiße Haus, weil sie ihre Zeit noch nicht für gekommen sahen und den Wahlkämpfer Obama fürchteten. Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, zählt dazu ebenso wie Paul Ryan, junger Hoffnungsträger der Konservativen im US-Kongress. Und natürlich Jeb Bush, der Bruder des vorigen Präsidenten. Bush ist unter Konservativen zwar hoch geschätzt. Doch er trägt einen Nachnamen, der dank George W. in der US-Politik derzeit eher Fluch als Segen ist.
Amerikas Sorgen: Vor vier Jahren sorgten sich die konservativen Vorwähler in Iowa noch um Abtreibung oder Romneys mormonischen Glauben. Heute ist Amerika eine Nation, in der die Angst vor Arbeitslosigkeit weit größer ist als die vor Mormonen. Das wichtigste Thema im Wahlkampf 2012 wird "Jobs, Jobs, Jobs" heißen - und Wirtschaftspolitik zählt zur Kernkompetenz von Romney, ehemals ein erfolgreicher Geschäftsmann.
All diese Glücksfälle dürften die republikanischen Vorwahlen zu einer langweiligen Angelegenheit werden lassen - einem zügigen Durchmarsch für Romney. Sicher, seine Rivalen haben noch Geld für einige Attacken auf den Spitzenreiter übrig, Gingrich nannte ihn am Dienstag schon einen "Lügner". Siegt Romney aber in New Hampshire am 10. Januar überzeugend, dürften die Konservativen bald die Reihen hinter ihm schließen.
Das ist gut für den Ex-Gouverneur, aber auch gefährlich. Fällt ihm das Votum der Republikaner ohne viel Gegenwehr zu, kann er sich - anders als der Novize Obama in der epischen Vorwahlschlacht mit Hillary Clinton - nicht als Kandidat weiterentwickeln.
Das muss Romney aber, um die vielen Konservativen zu überzeugen, die seine zahlreichen Positionswechsel und seine vermeintliche Prinzipienlosigkeit noch immer skeptisch sehen. Gelingt ihm das nicht, wird es im November nur noch ein politisches Glückskind geben: Präsident Barack Obama.
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