Von Sebastian Fischer, Washington
Er trägt jetzt keine Jeans mehr. Und auf das an den Armen hochgekrempelte Karohemd mit pseudo-sportlichem Button-Down-Kragen verzichtet er auch. Stattdessen Anzug und Krawatte. Mitt Romney hat an sich gearbeitet.
Aus dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber soll der Präsidentschaftskandidat werden. Endlich. Mitt Romney gegen Barack Obama, das soll es nun sein. Und nicht mehr der parteiinterne Kampf um die Nominierung gegen Rick Santorum, Ron Paul und, ach je, Newt Gingrich. Nur geben die drei einfach nicht auf. Obwohl sie nur theoretisch noch eine Chance haben, Romney zu stoppen.
Das Triple geholt! Und nun?
Auch nach diesem Dienstagabend wollen sie weitermachen, an dem Romney doch das Triple geholt hat: Vorwahlsiege in Wisconsin, Maryland und im Hauptstadtbezirk, dem District of Columbia. Es waren deutliche Siege. Gut 49 Prozent für Romney in Maryland, 70 Prozent in DC. Und in Wisconsin, wo er sich mit Santorum in den vergangenen Tagen einen harten Wahlkampf geliefert hat, sind es am Ende mehr als 42 Prozent.
"Wir haben sie alle gewonnen", ruft er auf seiner Wahlparty in Wisconsin. Aber dann ist ganz schnell Schluss mit internem Republikaner-Kampf. Romney nimmt sich Obama vor, lästert über dessen Selbstbewusstsein ("Der denkt, er macht einen so großartigen Job wie Lincoln") und grenzt sich von der vermeintlich durch Obama begründeten "auf die Regierung ausgerichteten Gesellschaft" ab. Er, Romney, werde als Präsident dagegen die "Chancen-Gesellschaft" schaffen. Und die Steuern senken, sowieso.
Es sind also nicht nur Anzug und Krawatte, nicht nur Äußerlichkeiten. Mitt Romney hat umgeschaltet. Er tut jetzt einfach so, als hätte er die Nominierung der Partei schon in der Tasche - und sucht die direkte Auseinandersetzung mit Obama.
Auf diesem Feld allerdings ist er keineswegs der Favorit. Einer Gallup-Umfrage zufolge käme Romney im direkten Duell mit Obama auf aktuell 45 Prozent; den Amtsinhaber sehen die Demoskopen bei 49 Prozent. Noch bitterer ist die Lage mit Romney und den Frauen: In zwölf entscheidenden Wechselwähler-Staaten, sogenannten Swing States, liegt der Ex-Gouverneur von Massachusetts 18 Prozentpunkte hinter Obama.
Das war mal anders. Aber dann ließ sich der eigentlich moderate Romney von Santorum und Co. mehr und mehr nach rechts treiben, verdammte unter anderem Schwangerschaftsabbrüche. Je länger das Rennen nun andauert, desto weiter entfernt er sich von der Mitte. Wie soll er da noch eine Chance gegen Obama haben?
Vor allem aber: Wofür eigentlich steht Romney wirklich? Bisher haben all seine Strategen keine überzeugende Antwort finden können, die bei den Menschen verfängt. Romneys Agenda sei wie "aufgewärmter Haferbrei" und müsse mutiger sein, zitiert das Polit-Magazin "Politico" einen anonym bleibenden Berater des Kandidaten. Es mangele an der Fähigkeit, eine emotionale Bindung mit den Leuten herzustellen: "Er strahlt all die Wärme eines Wall-Street-Bosses aus", sagt der Romney-Berater.
Mit Reagan gegen Romney
Die emotionale Kälte des Kandidaten sucht derweil Präsident Obama für sich zu nutzen. Längst hat der Mann in den Wahlkampfmodus umgeschaltet, er schießt sich auf Romney ein. Und Wahlkampf liegt ihm, das hat Obama stets gezeigt. Ausgerechnet an diesem Dienstag, wenige Stunden vor Ende der Republikaner-Vorwahlen, hat der Präsident einen Generalangriff auf die Partei im Allgemeinen und Romney im Besonderen unternommen.
Es ging um den von den Republikanern vorgelegten Haushaltsplan, der Einschnitte von 5,3 Billionen Dollar über die nächsten zehn Jahre vorsieht. Vor allem Einschnitte in staatliche Programme, Sozialhilfe und dergleichen. "Radikale Vision", sagt Obama, "Rezept für den Niedergang". Von Reich gegen Arm ist die Rede, von "Sozialdarwinismus".
Tja, und Romney habe den Plan als "fabelhaft" bezeichnet. Aber selbst Ex-Präsident Ronald Reagan habe Sparbemühungen mit Steuererhöhungen verbunden. Reagan, sagt Obama, "würde heutzutage bei republikanischen Vorwahlen scheitern". Der Präsident geht in die Vollen. Einen TV-Spot hat er auch bestellt, der läuft jetzt in einigen Swing States an: Darin wird Romney vor dem Hintergrund steigender Benzinpreise als Interessenvertreter der Ölindustrie ("Big Oil") gebrandmarkt.
Obama ist in einer recht komfortablen Situation. Während er seine Attacken schon voll und ganz auf Romney ausrichten kann, darf der das inner-republikanische Rennen noch nicht ganz aus dem Blick verlieren. Santorum kostet Romney eine Menge Aufmerksamkeit - und Geld. Woche um Woche werden Parteigranden unruhiger, sie sehen die Chancen gegen Obama schwinden.
"Es liegt im Interesse der Partei, dass wir uns auf den Herbst konzentrieren", zitiert die "New York Times" den jungen Paul Ryan, jenen Mann, der den Republikanern den Haushaltsplan geschrieben hat und als Romneys Vize-Präsidenten-Kandidat gehandelt wird: "Je eher wir das machen, desto besser wird es laufen", sagt Ryan und warnt vor einer "kontraproduktiven Phase" der republikanischen Vorwahlsaison.
Santorum seinerseits signalisiert am Dienstagabend bei seiner Wahlparty in Pennsylvania - sein Heimatstaat, in dem am 24. April die nächsten Vorwahlen anstehen - dass er nicht aufgeben werde. Für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat brauche es mindestens 1144 Delegiertenstimmen auf dem Parteitag im August, Romney habe jetzt über 600 gesammelt, heißt: "Es ist Halbzeit." Er, Santorum, setze jetzt auf eine "starke zweite Halbzeit". Vor allem aber setzt er auf Pennsylvania. Klar ist: Hier muss er gegen Romney gewinnen, wenn er seinen Anspruch auf die Kandidatur aufrechterhalten will.
Immer wieder habe die "republikanische Aristokratie" in der US-Geschichte einen moderateren Kandidaten ins Rennen gegen einen demokratischen Amtsinhaber geschickt - und kaum je damit Erfolg gehabt, spielt Santorum bei seiner Rede auf Romney an. Und er erinnert daran, dass das Republikaner-Establishment einst auch gegen Ronald Reagan gekämpft habe: "Lasst uns diesen Fehler nicht wiederholen."
Obama und Santorum, beide mit Reagan gegen Romney. Das hat schon was.
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