Romneys Steuererklärung Kandidat Superreich beugt sich dem Druck

1.935.708 Dollar Einkommensteuer: Der Multimillionär und Republikaner Mitt Romney hat nach herber Kritik seinen aktuellen Ministeuersatz offengelegt und auch eine Zusammenfassung seiner Zahlungen seit 1990 präsentiert. Kann das Manöver den Präsidentschaftskandidaten retten oder schadet es noch mehr?

Wahlkämpfer Romney (in Las Vegas): Ein bisschen Transparenz
AFP

Wahlkämpfer Romney (in Las Vegas): Ein bisschen Transparenz

Von , Washington


Nun ist es raus. Mitt Romney zahlt auf seine Einkünfte aus dem vergangenen Jahr exakt 1.935.708 Dollar Bundes-Einkommensteuer. Das entspricht 14,1 Prozent seines Gesamtverdienstes. Es ist der Tarif eines einfachen Angestellten. Ein Ministeuersatz für den Multimillionär, weil Romneys Einkommen nahezu komplett aus Investments, Dividenden und Zinseinkünften stammt - da gilt nicht der US-Spitzensteuersatz von 35 Prozent.

Das allein ist noch keine Überraschung. Irgendwann vor der Präsidentschaftswahl im November - soviel war klar - musste Romney Tacheles reden. Das hatte er so versprochen im Frühjahr.

Doch stets hatte er sich geweigert, seine Steuerzahlungen der vergangenen zwölf Jahre offen zu legen. Eine Tradition, die ausgerechnet der eigene Vater, George Romney, einst beim Anlauf auf die Präsidentschaftskandidatur begründet hatte. Der Sohn aber wollte nicht. Hat Mitt Romney etwas zu verbergen? Das fragten sich die Amerikaner.

Und Barack Obama nutzte die Vorlage. Über Monate heizte sein Team die Debatte an, zeichnete Romney als den abgehobenen Kandidaten Superreich. Man unterstellte ihm Tricksereien. Und immer neue Berichte gab es über Romneys Auslandskonten, über seine Investments in Steueroasen wie den Cayman Islands. Irgendwann erklärte Harry Reid, der Demokraten-Mehrheitsführer im US-Senat, er verfüge über vertrauliche Informationen, dass Romney zehn Jahre lang überhaupt keine Steuern gezahlt habe. Oha!

"Immer mehr als 13 Prozent"

Erst am Freitag, 15 Uhr Ortszeit, konterte Team Romney. Zusätzlich zu den 379 Seiten der Steuererklärung für 2011 von Romney und Ehefrau Ann stellte man unter anderem einen Brief von PricewaterhouseCoopers ins Netz, in dem die Steuerberater ihrem Klienten einen Mindeststeuersatz von 13,66 Prozent in den 20 Jahren zwischen 1990 und 2009 attestierten. Weniger jedenfalls habe Romney niemals gezahlt. Im Durchschnitt über die Jahre liege seine Rate bei 20,2 Prozent.

Klar ist: Damit hat Romney seine Steuererklärungen natürlich nicht offen gelegt. Was er vorzeigt, ist allein die Erklärung seiner Steuerberater. Es bleibt somit unklar, womit genau er in all den Jahren sein Geld verdient hat. "Diese Zusammenfassung erreicht nur, dass sich neue Fragen stellen; nämlich was diese Zusammenfassung versteckt", konstatierte der demokratische Stratege Jonathan Prince gegenüber dem Polit-Magazin "Politico". Auch die Steuererklärung aus dem Jahr 2011 wird in den nächsten Tagen noch genauer zu prüfen sein.

Fraglich bleibt, warum er sich über Monate derart angreifbar gemacht hat. Warum hat er nicht schon früher eine solche Erklärung veröffentlicht? Mit den Tatsachen ist er nur Schritt für Schritt herausgerückt. So erklärte er im August, dass er in den vergangenen Jahren regelmäßig Steuern gezahlt habe - und "immer mehr als 13 Prozent".

Wenn PricewaterhouseCoopers nun richtig gerechnet hat, dann mag diese Aussage stimmen. Doch hat sie Romney zugleich an anderer Stelle unter neuerlichen Druck gesetzt: Im Jahr 2011 nämlich hat er offenbar ziemlich viel Geld gespendet, insgesamt wohl rund vier Millionen Dollar. In der Steuererklärung aber sind nur 2,25 Millionen als abzugsfähige Spenden geltend gemacht. Ein recht einmaliger Vorgang, denn wer rechnet schon seine Steuern hoch? Romney habe nicht den Gesamtbetrag reklamiert, so heißt es auf seiner Website, um über der 13-Prozent-Marke zu bleiben. Richtig gehört: über der Marke.

Romney will seinen Ministeuersatz vergessen machen

So ändern sich die Zeiten. Hatte Mitt Romney einst zur Verteidigung seines Ministeuersatzes angeführt, er zahle nur das, was ihm das Gesetz vorschreibe "und nicht einen Dollar mehr", so scheint er nun gern ein bisschen mehr zu geben.

Dass Romney somit etwa 30 Prozent seines Einkommens (13,7 Millionen Dollar) im Jahr 2011 gespendet hat - diesen Fakt sucht sein Team jetzt unter die Leute zu bringen. Hat doch etwa das Ehepaar Obama nur 21,8 Prozent gespendet. Hinter dieser Taktik mag die Hoffnung stecken, man könne damit die Debatte um Romneys 14-Prozent-Ministeuersatz übertünchen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass mindestens 1,1 Millionen Dollar dieser Spenden an Romneys Glaubensgemeinschaft gingen, die Mormonen.

Die sogenannte Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage erwartet im Allgemeinen von ihren Mitgliedern einen Beitrag, der rund zehn Prozent von deren Jahreseinkommen ausmacht. Dies hätten die Romneys somit ungefähr erfüllt. Im Grunde genommen handelt es sich also um eine Art Kirchensteuer.

Es waren zuletzt auch jene Abgaben an seine Glaubensgemeinschaft, mit denen Romney sein Schweigen in Steuerdingen zu erklären suchte. "Unsere Kirche gibt nicht bekannt, wie viel die Leute gegeben haben, das wird komplett privat gemacht", sagte er Ende August dem Magazin "Parade". Es handele sich um eine "sehr persönliche Sache zwischen uns und unserem Bekenntnis zu unserem Gott und unserer Kirche", so Romney.

81 Milligramm Aspirin pro Tag

Nun aber hat sich Romney doch ein wenig bewegt. Es geht um Schadensbegrenzung, um Eindämmung der mehr und mehr fruchtenden Angriffe der Demokraten. Der 65-Jährige hat ohnehin zwei desaströse Wochen hinter sich. Zuletzt setzte ihm ein im Geheimen aufgenommenes Video zu, auf dem zu sehen ist, wie er vor wohlhabenden Gönnern knapp die Hälfte der Amerikaner zu Sozialschmarotzern erklärt. Das war seinen Gegnern nur ein weiterer Beleg für seine Abgehobenheit.

Kann es dem angeschlagenen Kandidaten gelingen, vor der Wahl noch einmal in die Offensive zu kommen? Fraglich. Klar ist allein, dass Romney das leidige Steuerthema irgendwie abräumen musste, so oder so. Vor allem rechtzeitig vor der ersten TV-Debatte zwischen ihm und Obama am 3. Oktober. Dass er es gerade an diesem Freitagnachmittag anging, dürfte kaum Zufall gewesen sein. Der Tag vor dem Wochenende gilt den Amerikanern als "Nachrichten-Mülldeponie": Was am Freitag gesagt wird, könnte am Montag schon keine Rolle mehr spielen. Vergessen und vorbei, so jedenfalls die Hoffnung im Romney-Lager.

Und vielleicht schieben sich ja auch ein paar andere Informationen über den Kandidaten in den Vordergrund. Denn am Freitag veröffentlichte Team Romney noch ein ärztliches Attest des "Massachusetts General Hospital" über den Kandidaten: Romney wiege 83,5 Kilo, habe einen 40er Ruhepuls, der Blutdruck liege bei 130/80; kein Alkohol, kein Kaffee, keine Drogen, 81 Milligramm Aspirin jeden Tag. Alles prima.

Physisch jedenfalls ist der Mann völlig fit für die Präsidentschaft.



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insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
grover01 22.09.2012
1.
Zitat von sysopREUTERS1.935.708 Dollar Einkommensteuer: Der Multimillionär und Republikaner Mitt Romney hat nach herber Kritik seinen aktuellen Ministeuersatz offengelegt und auch eine Zusammenfassung seiner Zahlungen seit 1990 präsentiert. Kann das Manöver den Präsidentschaftskandidaten retten oder schadet es noch mehr? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,857313,00.html
14% ist kein Steuersatz der zu niedrig ist. Das Problem ist vielmehr, dass die Steuern für die Mittelschicht bei weitem zu hoch sind. Da bringt uns aber auch Neid den Reichen gegenüber nicht weiter. Es wird leider schon für selbstverständlich angesehen, dass jeder die Pflicht hat um 50% seiner Einkünfte an den Staat abzugeben. Das heisst letztendlich dass Bürokraten entscheiden, was mit dem was wir erwirtschaften zu geschehen hat, und das kann nicht sinnvoll sein. 14% Steuern für alle, dass sollte die Forderung nach Romneys öffentlicher Steuererklärung sein. In der Schweiz funktioniert es auch.
martin09 22.09.2012
2.
"Zur Wahrheit gehört aber auch, dass mindestens 1,2 Millionen Dollar an Romneys Glaubensgemeinschaft gehen" Wann werden unsere blinden linken Medien endlich erkennen, dass diese Gemeinschaft soziale Projekte überall auf der Welt unterstützt?
portego 22.09.2012
3. Rechtschreibung
Das ist peinlich. Sehr peinlich.
westerwäller 22.09.2012
4. iebe SPON-Redaktion...
Zitat von sysopREUTERS1.935.708 Dollar Einkommensteuer: Der Multimillionär und Republikaner Mitt Romney hat nach herber Kritik seinen aktuellen Ministeuersatz offengelegt und auch eine Zusammenfassung seiner Zahlungen seit 1990 präsentiert. Kann das Manöver den Präsidentschaftskandidaten retten oder schadet es noch mehr? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,857313,00.html
...das Wulffieren eines Politikers klappt nicht immer. Sich in die Gedankenwelt eines amerikanischen Wählers hinein zu versetzen, klappt so nicht... Die Prophezeihungen, ein vernünftiger Mensch würde Obama wählen, sind genauso stichhaltig wie eure Analyse vor Jahren, der amerikanische Autofahrer würde nach spritsparenden Kleinwagen, Hybriden und Elektroautos lechzen und die Krise von GM & Co. käme davon.
Thomas Kossatz 22.09.2012
5.
: Nun kennen wir also die Quellen, aus denen SPON sein Wissen schöpft: "The West Wing", Staffel 1, Episode 13: "Die große Entrümpelung". Das Märchen stammt aus der Zeit vor dem Internet, als es am Wochenende weder Zeitungen noch Politshows im Fernsehen gab. Also so ungefähr vor einem Vierteljahrhundert.
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