Aus Tampa, Florida, berichtet Marc Pitzke
Endlich ist er da: der Gänsehaut-Moment, der die Halle zum Toben bringt. Das Licht erlischt, eine Silhouette flimmert über die Leinwand. Die Delegierten springen auf von ihren Klappstühlen, sie kreischen, brüllen, hüpfen auf und ab. Ein hagerer Mann tritt ans Pult, man muss ihn nicht vorstellen. Jeder kennt ihn. Und jeder ahnt, dass er die beste Rede der Nacht halten wird.
Nein, es ist nicht Mitt Romney, den sie diese Woche zum Präsidentschaftskandidaten gekürt haben. Es ist die greise Hollywood-Ikone Clint Eastwood.
Am letzten Abend des Republikaner-Parteitags ist Eastwood der "Überraschungsgast", über den sie in Tampa schon seit Tagen spekuliert haben. Früher war er ein Fan von US-Präsident Barack Obama. Heute ist er ein Fan von Mitt Romney
Eastwood liefert eine überlange, improvisierte Darbietung ab. Er nuschelt, der Vortrag ist voller schräger Witze und verschluckter Satzenden. Der Menge ist es egal. Die Menge ist begeistert, unterbricht ihn immer wieder mit tosendem Applaus. Eastwood winkt lakonisch ab: "Hebt ein bisschen für Mitt auf."
Ach ja, der Mitt. Der redet auch noch.
Eastwoods bizarre Vorstellung - er "unterhält" sich mit einem leeren Stuhl, der Obama darstellt - wird YouTube noch lange ergötzen. An Romneys Worte wird sich bald wohl keiner mehr erinnern. Trotz der Träne, die der Kandidat zu verdrücken scheint, als er von seinen toten Eltern erzählt.
Eastwood liefert denn auch den Höhepunkt dieses Wahlparteitags ab, nicht Romney. Zum Abschluss animiert der 82-jähriger Hollywood-Recke die Delegierten dazu, ihm sein legendärstes Filmzitat nachzubrüllen: "Go ahead, make my day!" Los schon, mach mich glücklich. Der Spruch galt einem Schurken, den "Dirty Harry" Eastwood auf der Leinwand sodann kaltstellte.
Jeder im Saal weiß, wer damit heute gemeint ist, im metaphorischen Sinne: Barack Obama.
Die Worte, die ihm die Ghostwriter in den Teleprompter geschrieben hatten, haben das Potential dazu. Sie sind oft voller Kraft und Schwung, streckenweise sogar erbauend.
Doch Romneys Auftritt bleibt leidenschafts- und lustlos.
Wird das reichen? Diese Frage stellen sich wohl auch die Parteistrategen schon länger. Deshalb beginnen sie nicht erst in dieser Nacht damit, das Drehbuch für den Wahlkampf umzuschreiben.
Der Kampf der Konservativen um "ihr" Amerika
Jetzt geht es nicht mehr wirklich um Mitt Romney, dazu bleibt dieser zu blass, zu fahl, zu kalt - selbst nach dieser dreitägigen Politikshow. Nein, Romney ist jetzt nur noch das Vehikel für eine viel größere Sache. In Tampa beginnt der Kampf der Konservativen um "ihr" Amerika.
Es ist ein ideologischer Kampf zwischen "uns" und "denen", Patrioten und Staatsfeinden, Gut und Böse. Als sei der Bestand der Nation bedroht, als stehe ihre Lebensart vor dem Untergang, peitscht ein Redner nach dem anderen die Menge zu patriotischer Ekstase.
Romney kann ihre Herzen nicht rühren. Doch die Angst um "ihr" Amerika rührt ihre Seele. Unentwegt brechen sie in Sprechchöre aus: "USA! USA! USA!" Sie grölen, als elf Ex-Olympioniken auf die Bühne treten, um Romney zu preisen, den Chefmanager der Winterspiele von Salt Lake City. Sie grölen, als Gospelsänger Bebe Winans mit großem Chor trällert: "I'm proud to be called an American." Sie grölen, als Eastwood verkündet: "We own this country."
Uns gehört dieses Land, das ist die Botschaft. Um diese Botschaft geht es jetzt. Nicht mehr nur um den Kandidaten. Romney ist nicht mehr die verbindende Klammer. Jetzt geht es um den Kampf. Wir gegen sie. Auf der einen Seite jene, die "Freiheit lieben", ihre Mütter und Ehefrauen verehren, viele Kinder haben und fleißig arbeiten. Auf der anderen Seite jene, die faul herumlungern, Sozialhilfe kassieren, abtreiben, Homosexuelle trauen wollen und nicht an Gott glauben.
Auf der einen Seite Romney, der Bilderbuch-Amerikaner: "Ich wurde in der Mitte des Jahrhunderts in der Mitte des Landes geboren." Auf der anderen Seite Obama und die Demokraten - unamerikanische Gestalten nach Ansicht der Republikaner, auch wenn sie das natürlich nur durch die Blume andeuten, etwa durch ihre ewigen Anspielungen auf Obamas angebliche Geburt im kenianischen Ausland.
"Die Essenz der amerikanischen Großartigkeit"
Die anderen verstünden eben die "Essenz der amerikanischen Großartigkeit" nicht, lästert der charismatische Tea-Party-Senator Marco Rubio, der die Menge für Romney warmredet.
Rubio kommt aus Florida. Kein Zufall: Der Kampf um Amerika beginnt hier in diesem wichtigsten "Swing State" - wo Romney und sein Vize Paul Ryan an diesem Freitag denn auch ihre erste gemeinsame Kundgebung als offiziell gekürte Kandidaten abhalten werden.
Es ist ein ungleicher Kampf. Die Republikaner fahren Hunderte Millionen Dollar auf, dank ihrer reichen Sponsoren, die sie in Tampa auf Yacht-Kreuzfahrten mit Kaviar bewirteten. Eine dieser Yachten, die 45 Meter lange "Cracker Bay" eines Immobilieninvestors, hisste übrigens die Flagge der Cayman Islands, wo Romney sein Privatvermögen geparkt hat.
Obama, dem solche Anbiedereien persönlich zuwider sind, kann und will kaum dagegen halten. Sicher, beide Seiten verstehen ihr Geschäft: Phrasen, Übertreibungen, manchmal auch Lügen. Doch die Republikaner können das viel besser als die Demokraten. Die Medien quittieren das längst nur noch mit einem Schulterzucken. "Sorgen um Fakten scheinen weitgehend beiseite gelegt", resümiert die "New York Times" den Parteitag.
So behauptet Paul Ryan in Tampa, Obama habe die staatliche Krankenversicherung für Senioren (Medicare) ausgeräubert, sei verantwortlich für die Schließung einer GM-Fabrik in Wisconsin und die Kreditabwertung der USA. Alles falsch - doch Ryans Worte lassen die Delegierten jubeln.
Wir gegen sie
Auch Romney scheut davor nicht zurück. Er wiederholt die Medicare-Legende und wirft Obama vor, keine Jobs geschaffen zu haben, Steuern für die Mittelklasse erhöhen und sich auf eine "Entschuldigungstour" um die Welt begeben zu haben. Und er macht sich dann obendrein auch noch über die Erderwärmung lustig, im heißesten US-Sommer aller Zeiten.
Religion gegen Wissenschaft, Bibel gegen "liberale Medien". Wir gegen sie. Obama ist das Symbol der Feindseite, die sie mehr denn je ablehnen. Und die sie im November abzuschmettern hoffen - egal, welcher Kandidat sie dabei anführt.
"Sind diese letzten Jahre wirklich das Amerika, das wir wollen?", fragt Romney. "Nein!!!", brüllt die Menge zurück und singt aus vollem Herzen mit, als die inoffizielle Nationalhymne durch die Halle wallt: "America the Beautiful."
Romney ist der Posterboy einer Generation, die ein Amerika retten wollen, "ihr" Amerika, das langsam stirbt. Nicht er könnte sie zum Sieg führen, sondern sie ihn. Das fürchtet selbst der linke Filmemacher Michael Moore. Der sagte der "Huffington Post": "Ich glaube, die Leute sollten die Worte üben: Präsident Romney."
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