Mittelmeer: Hunderte Flüchtlinge drängen nach Lampedusa
Fast 2000 Tunesier sind in den vergangenen 24 Stunden auf der Mittelmeerinsel Lampedusa gelandet. Sie fliehen vor ihrer unruhigen Heimat und suchen in Europa Arbeit. Doch manche schaffen es nicht bis an die Küste: Offenbar sind 41 Menschen bei der Fahrt ertrunken.
Lampedusa - Neben dem Hafen liegen die Wracks. Die Farbe ist abgeblättert, Seile hängen herunter, Scheiben sind zerborsten. Mit diesen Kähnen nehmen die nordafrikanischen Einwanderer Kurs auf Europa, sie drängen sich an Bord und hoffen auf eine ruhige See. Wenn sie es bis nach Lampedusa schaffen, landet ihr Boot hier, auf dem Schiffsfriedhof. Er ist auch eine Mahnung, dass immer noch mehr Boote kommen könnten.
Auch jetzt haben wieder Hunderte Tunesier die italienische Mittelmeerinsel erreicht. Innerhalb der vergangenen 24 Stunden sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks 1900 Menschen gekommen. Es sind vor allem junge Männer, die Arbeit suchen. Einige haben Verwandte in Europa, andere Freunde. Doch auch Frauen und Kinder sind dabei.
In den kommenden Stunden sollen laut italienischer Küstenwache zwei weitere Schiffe eintreffen. Vier oder fünf Boote hat er allein am Dienstag landen sehen, berichtet Tommaso Della Longa vom italienischen Roten Kreuz. In einem Zelt-Krankenhaus der Hilfsorganisation betreuen zwölf Freiwillige verletzte Migranten. Einige hätten kleinere Wunden am Bein, viele haben Erfrierungen von der Überfahrt über das kalte Meer oder sind ausgetrocknet. "Aber sie sind glücklich, dass sie es bis hierher geschafft haben", sagt Della Longa. "Sie haben hingenommen, dass sie bei der gefährlichen Fahrt sterben könnten."
Wie riskant die Flucht übers Meer ist, zeigt ein tragisches Unglück am Dienstag. Fünf Tunesier berichteten nach ihrer Ankunft auf Lampedusa, ihr Schiff sei kurz nach Beginn der Überfahrt vor der tunesischen Küste gesunken. 46 Menschen seien an Bord gewesen, gegen Mitternacht sei es gekentert. Alle Passagiere außer diesen fünf seien nicht ertrunken. Acht Stunden hätten sie auf dem Meer getrieben, erzählten die Überlebenden, bis ein anderes Flüchtlingsschiff sie gerettet und aufgenommen hätte.
Ein Puzzleteil im Mittelmeer
In Tunesien konnten weder Armee noch Polizei das Unglück bestätigen. Ein Mitarbeiter der Rettungskräfte in der Hafenstadt Zarzis sagte aber, es sei ein Marineschiff zum mutmaßlichen Unglücksort aufgebrochen. Das Amt bestätigte Augenzeugenberichte, wonach ein Flüchtlingsboot mit möglicherweise bis zu 70 Menschen an Bord vor der tunesischen Küste untergegangen ist.
Lampedusa ist immer wieder das Ziel von Flüchtlingen aus Nordafrika. Die Insel gehört geografisch zu Afrika, wie ein einsames Puzzleteil liegt sie im Mittelmeer. Lange sicherten die Despoten aus den Maghreb-Staaten die Grenzen und hielten Migranten von der Überfahrt ab. Doch jetzt ist die ganze Region in Aufruhr, und die Einwanderer strömen wieder nach Lampedusa.
Mitte Februar hatten innerhalb weniger Tage mehr als 5600 Menschen aus Tunesien Lampedusa erreicht. Auch jetzt spitzt sich die Situation wieder zu. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR drängt darauf, die Migranten auf andere Auffanglager in Süditalien zu verteilen. "Wir versuchen, die Dinge zu beschleunigen", sagt Sprecher Federico Fossi. Derzeit befänden sich etwa 2500 Menschen in dem Auffanglager, das für 850 Menschen ausgelegt ist. Sie schlafen auf Schaumstoffmatten, hoffen und warten. Einige hundert harren laut UNHCR am Dock aus, sie sollen von dort aus per Schiff oder Flugzeug auf das italienische Festland gelangen.
Marine Le Pen besucht Lampedusa - und wettert gegen die Flüchtinge
Ausländerfeindliche Politiker versuchen immer wieder, mit den Flüchtlingsströmen Stimmung zu machen. So riet die Chefin von Frankreichs rechtsextremem Front National, Marine le Pen, Italien am Dienstag zu einer Verschärfung seiner Flüchtlingspolitik. Wenn das Land neben politischen auch alle Wirtschaftsflüchtlinge ins Land lasse, müsse es bereit sein "die Hälfte der Weltbevölkerung aufzunehmen".
Le Pen zeigte sich am Montag selbst auf Lampedusa und gestikulierte vor Kameras. Sie tritt dafür ein, dass Flüchtlingsboote aus Nordafrika zurückgeschickt werden, bevor sie überhaupt in europäische Gewässer gelangen. Darüber sind Menschenrechtsorganisationen entsetzt. Sie drängen immer wieder dafür, dass die Migranten Zugang zu einem fairen Asylsystem erhalten.
Die Einwohner von Lampedusa reagierten auf ihre Weise auf den Besuch der französischen Politikerin. Demonstranten rollten ein Banner aus, auf dem stand: "Sie sind hier nicht willkommen, Madame Le Pen."
Die Insel selbst zählt nur 4500 Einwohner, im Februar bevölkerten teilweise genau so viele Flüchtlinge die Straßen. Einige Einheimische sorgten sich um die Touristen, die nicht mehr kommen würden. Doch die meisten blieben freundlich. Sie steckten den Tunesiern etwas zu essen zu, schenkten ihnen Handtücher. Die Flüchtlinge sind irgendwie Teil der Geschichte von Lampedusa. Daran erinnert auch der Schiffsfriedhof im Hafen.
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- Dienstag, 15.03.2011 – 19:17 Uhr
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