Mittelmeer Deutlich weniger Migranten erreichen Italien

Noch vor wenigen Wochen kamen täglich mehr Menschen über das Mittelmeer nach Italien, die Regierung schlug Alarm. Auf einmal hat sich die Lage jedoch geändert, die Migrantenzahlen sinken deutlich. Warum?

Migranten an Bord der "Golfo Azzurro" (im Juni 2017)
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Migranten an Bord der "Golfo Azzurro" (im Juni 2017)


Mehr als 5000 vorwiegend afrikanische Migranten erreichten an nur einem Tag Italiens Küsten. Diesen Rekordwert vermeldeten die Behörden noch Mitte Juli. Die Regierung in Rom schlug da schon seit Wochen Alarm. Das Land sei am Limit, könne keine weiteren Menschen mehr aufnehmen. 2017, so die Befürchtung, könnte für Italien ähnlich dramatisch werden wie 2015 für Griechenland. In Österreich bereitete man sich auf Grenzkontrollen am Brenner vor, um Migranten, die weiter Richtung Norden ziehen wollten, von der Einreise abzuhalten.

Nun aber zeichnet sich deutlich eine Trendwende ab - mitten in den Sommermonaten, in denen traditionell besonders viele Menschen die Flucht über das Mittelmeer wagen. Seit Mitte Juli geht die Zahl der neu in Italien ankommenden Migranten zurück und hat sich im August noch einmal weiter reduziert. Anfang dieser Woche meldete die europäische Grenzschutzagentur Frontex, die Zahl der Neuankömmlinge sei von Juni bis Juli um 57 Prozent gesunken - der Juliwert sei so niedrig wie seit 2014 nicht mehr.

Und im August kamen bis einschließlich vergangenen Sonntag laut Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Tag durchschnittlich nur noch 65 Migranten an den italienischen Küsten an, statt wie im Juli 370. Damit gelangten 2017 sogar weniger Menschen von Afrika nach Italien als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Gleichzeitig kamen in den ersten siebeneinhalb Monaten 2017 deutlich weniger Menschen bei der Überfahrt gen Europa ums Leben oder werden noch vermisst als von Anfang bis Mitte August 2016.

Wieso gehen die Zahlen plötzlich so zurück?

Die Gründe für den Rückgang sind - so scheint es - vielschichtig. Die Grenzschutzagentur Frontex erklärte, die stärkere Präsenz schrecke Schmuggler ab, Menschen mit Booten in Richtung Europa zu schicken - deshalb gingen die Zahlen zurück. Schlechte Wetterbedingungen sowie Kämpfe in der libyschen Stadt Sabrata, von wo aus viele Flüchtlingsboote abfahren, seien weitere Faktoren gewesen.

Aber wurden wirklich Schmuggler abgeschreckt oder wurden einfach sehr viel mehr Menschen von der libyschen Küstenwache zurück in das instabile nordafrikanische Land und die Lager dort gebracht, anstatt wie früher von privaten Rettern nach Italien? Dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Manche Beobachter sehen einen weiteren Grund für den Rückgang der Ankünfte in Italien: In den afrikanischen Transitländern südlich von Libyen seien die Routen der Flüchtlinge zum Teil nicht mehr einfach zu passieren, Grenzen würden teilweise strenger kontrolliert.

Fakt ist: Libyen hat zuletzt den Druck auf private Retter erhöht. Ein riesiges Gebiet vor der Küste wurde zur "Search and Rescue"-Zone erklärt und Hilfsorganisationen davor gewarnt, dieses Gebiet anzusteuern. Die Wirkung blieb nicht aus: Am Wochenende kündigten Hilfsorganisationen wie Sea Eye, Ärzte ohne Grenzen und Save the Children an, sich vorerst aus dem Rettungsgebiet vor der nordafrikanischen Küste zurückzuziehen. Tage zuvor hatte ein libysches Schnellboot in Richtung des Schiffs der spanischen Hilfsorganisation Open Arms Warnschüsse abgefeuert.

Seit Monaten schwelt der Streit über den Einsatz nichtstaatlicher Seenotretter. Im Frühjahr hatte ein italienischer Staatsanwalt behauptet, einige der Rettungsschiffe arbeiteten den Schleppern zu. Gerichtsfeste Beweise gibt es nicht. Italiens Regierung entwarf dennoch einen Verhaltenskodex für die nichtstaatliche Seenotrettung. Zum Beispiel müssen demnach geeignete Behältnisse zum Transport von Leichen an Bord sein, und gerettete Flüchtlinge dürfen nur mit amtlicher Genehmigung auf ein anderes Boot gebracht werden. Die Helfer akzeptieren die Vorgaben nicht.

Auch wenn die zentrale Mittelmeerroute nach Italien für Migranten so wie es aussieht undurchlässiger geworden ist - in einem anderen europäischen Land hat sich die Lage dafür verschärft.

Spanien erlebe den "größten Migrationsdruck" seit 2009, so Frontex. Allerdings bislang auf recht niedrigem Niveau: Über das westliche Mittelmeer gelangten mit rund 2300 Menschen im Juli viermal so viele nach Europa wie im Vorjahreszeitraum. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres lag die Zahl bereits höher als die der Ankünfte im ganzen Jahr 2016. Frontex erklärt das mit wachsender Instabilität einiger Herkunfts- und Transitländer und dem Rückbau einiger Flüchtlingscamps in Marokko und Algerien.

anr/dpa/AFP



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