Mittelmeer Mehr als 600 Menschen aus Seenot gerettet

Es war eine der gefährlichsten Rettungsaktionen, seit Hilfskräfte im Mittelmeer im Einsatz sind: Alle Insassen eines sinkenden Flüchtlingsbootes sind nun in Sicherheit. Die Suche nach den Opfern vom Vortag geht weiter.

Reuters

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Bei einer riskanten Rettungsaktion auf dem Mittelmeer sind am Donnerstag mehr als 600 Bootsflüchtlinge gerettet worden - damit konnte ein folgenschweres Unglück wie am Vortag verhindert werden. 613 Menschen, darunter viele Kinder, konnten laut italienischer Küstenwache gerettet werden.

Am Mittwoch war ein Flüchtlingsboot rund 25 Kilometer vor der libyschen Küste gekentert, nachdem sich Rettungsboote genähert hatten. Schiffe der italienischen Küstenwache, Marine und andere Rettungskräfte suchen derzeit nach Überlebenden. 373 Menschen konnten bereits gerettet und nach Sizilien gebracht werden. Mehr als 200 Menschen werden noch vermisst.

Die jüngste Rettungsaktion galt einem völlig überladenen Flüchtlingsboot, das aus Libyen gestartet war. "Wir haben gerade unseren gefährlichsten und kompliziertesten Rettungseinsatz beendet", teilten die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und die maltesische Organisation Moas in der Nacht zum Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Die Helfer der Schiffe "Phoenix" und "Bourbon Argos" konnten den Angaben zufolge das Boot vor dem Kentern bewahren, indem sie die Insassen, die schwimmen können, davon überzeugten, ins Wasser zu springen und sich an aufblasbaren Bojen festzuhalten.

Der US-Journalist Christopher Miller, der seit einer Woche an Bord der "Phaenix" ist, beschrieb bei Twitter die Panik unter den Flüchtlingen. Dennoch hätten zwei Männer dabei geholfen, zuerst die Frauen und Kinder an Bord in Sicherheit zu bringen. Die Geretteten hätten "Geschichten der Prüfungen und des Krieges" hinter sich. "Sie haben schon viele Dinge überlebt, bevor sie ihr Leben auf dem Mittelmeer riskierten", schrieb Miller. "Und ihre Reise endet damit nicht: In Europa angekommen erwarten sie neue Herausforderungen."

Die Flüchtlinge hätten vor Angst geschrien, berichtete Ärzte ohne Grenzen. Nun seien sie aber alle in Sicherheit. Sie kamen der Organisation zufolge aus Syrien, Eritrea, Bangladesch und vielen anderen Ländern. Ärzte ohne Grenzen und Moas beteiligen sich seit April an den Rettungseinsätzen vor der Küste Libyens.

Auch die Deutsche Marine ist im Mittelmeer im Einsatz: Die Fregatte "Schleswig-Holstein" und der Tender "Werra" helfen bei der Seenotrettung der Flüchtlinge. Die Besatzung hat bisher mehr als 2000 Flüchtlinge gerettet.

Pro Asyl fordert sichere Fluchtwege für Migranten

Angesichts der neuen Unglücke hat die Organisation Pro Asyl die Europäische Union aufgefordert, Flüchtlingen geregelte und sichere Passagen nach Europa zu ermöglichen. Unter den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer seien viele Menschen, die Anspruch auf Schutz hätten, wenn sie europäisches Territorium erreichten, sagte der stellvertretende Geschäftsführer von Pro Asyl, Bernd Mesovic. Kein Syrer würde beispielsweise den gefährlichen Fluchtweg auf unsicheren Booten über das Mittelmeer wählen, wenn es sichere Passagen gäbe.


Zusammengefasst: In der Nacht ist es erneut zu einem Bootsunglück mit Flüchtlingen im Mittelmeer gekommen - die Insassen konnten jedoch erfolgreich in Sicherheit gebracht werden. Die Rettungskräfte bezeichneten den Einsatz als den "gefährlichsten" und "kompliziertesten". Die Suche nach den rund 200 Vermissten des Unglücks vom Vortag geht unterdessen weiter. Die Organisation Pro Asyl hat angesichts der jüngsten Vorfälle sichere Fluchtrouten nach Europa gefordert.

kry/AFP/dpa

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