Mladic-Prozess Katalog des Horrors

Morde, Vergewaltigungen, Deportationen: Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag muss sich der ehemalige Serben-General Ratko Mladic wegen zahlreicher Kriegsverbrechen verantworten - die Anklage gegen ihn ist ein Dokument des Schreckens.

Aus Den Haag berichtet


Völkermord.
Morde.
Deportationen.
Vertreibungen.
Geiselnahmen.
Vergewaltigungen.
Terror.

Das sind die Verbrechen, die dem serbischen Ex-General Ratko Mladic vorgeworfen werden. Oder vielmehr: Es sind die Worte für seine Taten. Denn die juristischen Begriffe täuschen in ihrer abstrakten Nüchternheit darüber hinweg, wie viel Leid, Verzweiflung, Schmerzen, Tränen, Angst sich hinter ihnen verbergen und wie viel Bösartigkeit, Niedertracht und Hass sie erforderten.

Mladics Ankläger Dermot Groome macht das am Dienstagmorgen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag sehr deutlich, als er von einem Jungen aus dem bosnischen Örtchen Hrvacani erzählen beginnt. Dieser 14-Jährige namens Elvedin habe mit seiner Familie vor den serbischen Truppen flüchten müssen, von Dorf zu Dorf hastend, um sein Leben bangend, verzweifelt und desorientiert.

Schließlich sei er mit seinem Vater und seinem Onkel in einem Wäldchen gestellt worden. Die Soldaten hätten Frauen und Kinder aus der Gruppe herausgerissen, doch Elvedin habe sich gewehrt, weil er seinen Vater nicht habe zurücklassen wollen. Vielleicht schrie er und tobte, vielleicht weinte Elvedin, der Staatsanwalt weiß es nicht. Doch was er berichtet, treibt vielen Beobachtern Tränen in die Augen: Elvedin musste in einen Bus steigen, er fuhr davon, sein Vater und Onkel blieben zurück. Er sah die beiden Männer nie wieder.

Man bekommt eine Ahnung davon, welche Monstrositäten dem ehemals mächtigsten serbischen Militär in Bosnien-Herzegowina zur Last gelegt werden, wenn der Ankläger Groome in seinem sechs Stunden langen Vortrag konkret wird. Wenn er von einzelnen Menschen erzählt, die entführt, geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, mit Bussen zu Exekutionsstätten gebracht wurden und die Körper derer sehen mussten, die vor ihnen erschossen worden waren. Die sich tot stellten, zwischen den Leichen liegend, und dann hörten, dass die Toten verbrannt werden sollten.

Größter Massenmord seit dem Zweiten Weltkrieg

Besonders bestialisch war die Eroberung von Srebrenica am 11. und 12. Juli 1995, nachdem die Stadt dreieinhalb Jahre lang belagert und beschossen worden war. Einer der dort stationierten niederländischen Blauhelm-Soldaten berichtete später: "Es ist fürchterlich, was Menschen sich antun können. Die Verwundungen sind unterschiedlich. Schusswunden, abgeschnittene Ohren, Vergewaltigungen." Insgesamt 8000 Tote. Der größte Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Und weshalb?

In seiner Eröffnungsrede führt der Ankläger Groome aus, welche menschenverachtende Strategie die serbischen Militärs und Politiker für Bosnien-Herzegowina entworfen hatten. Nüchtern und zynisch planten die Männer demnach, die muslimische Mehrheit der Bürger zu vertreiben oder zu töten, um homogene Serben-Gebiete zu etablieren. Ethnische Säuberungen, so nennt der US-Jurist das. Mladic selbst sagte einst: "Wer das Land hat, zeichnet die Karten." 400.000 Menschen wurden damals vertrieben.

Das Bild, das der Ankläger am Dienstag von dem einstigen Karrieremilitär Mladic zeichnet, ist das eines zutiefst kaltherzigen Mannes, der kein Mitleid empfand und keine Zweifel kannte, der grenzenlos radikal war und beherrscht von unbeschränktem Hass auf alle Nicht-Serben.

57 Verbrechen werden Mladic zur Last gelegt

Aufgewachsen in einer ethnischen Enklave im multi-kulturellen Bosnien-Herzegowina entwickelte sich Mladic zu einem brutalen Kriegstreiber, dessen Methoden zuweilen sogar den Serben-Führer Slobodan Milosevic erschreckten. Mit Heckenschützen und wahllosen Granatangriffen ließ Mladic laut Anklage über Jahre hinweg die Bevölkerung Sarajevos terrorisieren. Und noch heute kursiert ein Film im Internet, der zeigt, wie Mladic in Srebrenica Süßigkeiten an Kinder verteilt, während seine Soldaten deren Väter zur Exekution führen.

"Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden", schrieb Richard Holbrooke, der frühere Bosnien-Beauftragte der USA, einmal über Ratko Mladic. "Er ist eine dieser furchtbaren Gestalten, die die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder."

Dem früheren Militärchef der bosnischen Serben werden insgesamt "57 genau spezifizierte Verbrechen" zur Last gelegt, "für die Mladic persönlich verantwortlich ist", so Staatsanwalt Groome. Mladic und seine politischen Gesinnungsgenossen hätten ihre Landsleute mit Lügen und Schauergeschichten über angeblich geplante Attacken der muslimischen Bosnier aufgehetzt. Es habe sich um "die Mobilisierung friedlicher Menschen durch deren Verängstigung" gehandelt.

Die Anklage zitiert auch aus dem Tagebuch Mladics, das der General während des Krieges in akkurater Schrift verfasst hatte. Darin beschreibt der Militär die Verbindung der serbischen Teile Bosniens mit der benachbarten Mutterrepublik Serbien zu einem Großserbien als "strategisches Ziel". Der Staatsanwalt will mit Videoaufnahmen, Dokumenten und Zitaten belegen, wie Mladic und sein ebenfalls vor dem Uno-Tribunal stehender ehemaliger politischer Vorgesetzter Radovan Karadzic die Kriegsverbrechen geplant und umgesetzt hätten.

Schweigen - und dann wieder eine Geste der Provokation

Um das Riesenverfahren mit 413 Zeugen zu beschleunigen, wird sich die Anklage auf wenige besonders schwere Taten beschränken. Darunter sind der jahrelange Beschuss Sarajevos mit mehr als 11.500 Toten, das Massaker an muslimischen Jungen und Männern im Juli 1995 im ostbosnischen Srebrenica mit bis zu 8000 Toten sowie der Geiselnahme von Uno-Blauhelmen 1995, die zu "lebenden Schutzschilden" gegen mögliche Nato-Angriffe gemacht worden waren.

Der 70-jährige Mladic folgt der Verlesung der Anklage in Den Haag regungslos. Aufmerksam zuhörend, spielt er mit seiner Lesebrille, legt zuweilen die Stirn in Falten, lächelt spöttisch. Bei seinem ersten Auftritt vor Gericht, als ihm der Haftbefehl verkündet worden war, hatte er die Vorwürfe noch als "widerliche, monströse Worte" bezeichnet. "Ich habe mein Land und mein Volk verteidigt und keine Muslime und keine Kroaten umgebracht", so Mladic seinerzeit.

An diesem Dienstag aber schweigt der Angeklagte vor Gericht. Nur seine provozierenden Gesten kann er nicht lassen. Als er in den Saal geführt wird, reckt er seinen erhobenen Daumen in Richtung Sicherheitsglas. Denn dahinter, das weiß Mladic, sitzen auch die traumatisierten Frauen, deren Männer, Brüder und Söhne in Bosnien ermordet worden sind.

Und diese kleine Handbewegung ist Mladics letzte Möglichkeit, andere Menschen zu quälen.

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