Zeugenaussage im Mladic-Prozess Bespuckt, verflucht, verloren

Elvedin Pasic war ein Teenager, als er 1992 aus seinem Dorf in Bosnien vertrieben wurde. Nun sagte er als erster Zeuge vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal gegen Ex-General Mladic aus. Unter Tränen berichtete der Mann, wie das Grauen in sein Leben einbrach und ihm beinahe alles nahm.

Ex-General Mladic: Krater in den Seelen der Überlebenden
AFP / COURTESY OF THE ICTY

Ex-General Mladic: Krater in den Seelen der Überlebenden

Aus Den Haag berichtet


Als er von der Mutter erzählt, die ihm flehentlich ihr Kleinkind in die Arme drückte, verliert Elvedin Pasic die Fassung. Zwanzig Jahre ist es das nun her, dass er mit anderen Muslimen panisch vor den serbischen Truppen aus seinem Dorf geflohen ist, doch er hat nichts davon vergessen. Die Blicke des Mädchens in seinem Arm, die Verzweiflung der geschwächten Frau auf der Flucht, ihre Bitten: "Du kannst ihr einen Arm ausreißen, aber lass sie nicht zurück!"

Elvedin Pasic weint.

Der 34-Jährige, der inzwischen in den USA lebt, ist der erste Zeuge im Mammutverfahren gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic. Seine detaillierte Aussage am Montag vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, in deren Verlauf er immer wieder in Tränen ausbricht, lässt spürbar werden, wie viel Angst und Schrecken, wie viel Ohnmacht und Leiden, wie viel Wut und Trauer die Truppen des ehemaligen Generals Mladic in Bosnien verursacht haben. Und sie zeigt auch, wozu Menschen fähig sind.

Als der Bürgerkrieg im Frühling 1992 über ihn hereinbrach, lebte Pasic mit seiner Familie in dem muslimischen Örtchen Hrvacani im nördlichen Teil Bosnien-Herzegowinas. Die Freunde des Teenagers waren Serben und Kroaten, sie spielten miteinander Fußball und Basketball, "es gab keine Animositäten zwischen uns, überhaupt keine", sagt Pasic. Doch eines Morgens kamen die Panzer, und von da an war alles anders.

Es fielen Bomben, es hagelte Granaten - Elvedin Pasic hockte in einem dunklen Keller und presste sich ein Kissen auf den Kopf. "Der Boden bebte." Als es wieder Tag wurde, sagte sein Vater: "Wir müssen hier weg." Also rannten sie um ihr Leben.

Monatelang zogen sie umher, auf der Flucht von den marodierenden Horden des Ratko Mladic, hungrig, durstig, nirgendwo willkommen, bespuckt, verflucht, verloren: "Haut ab", rief die Mutter seines serbischen Freundes jetzt, "hier ist kein Platz für euch. Ich erschieße euch alle."

"Geh, dann wirst du überleben"

Mit seinem Vater, seinem Onkel und Hunderten anderer Männer schlug sich Elvedin in die Wälder, die Mutter verließ die Region in einem Konvoi. Eines Nachts sei die Gruppe von Soldaten umzingelt und beschossen worden, "es war Chaos, überall", so Pasic weinend. Schwerverwundete hätten gefleht, sie doch bitte zu töten. "Schau nicht hin", sagte Elvedins Vater. Irgendwann saßen sie in der Falle, die Serben hatten sie endgültig gestellt.

Sie hätten stundenlang mit dem Gesicht im Matsch liegen müssen, so Pasic, sie seien geschlagen und gedemütigt worden. Lastwagen kamen, Frauen und Kinder sollten aufsitzen, doch Elvedin weigerte sich. "Geh, dann wirst du überleben", sagte sein Onkel. Und Elvedin ging. Seinen Vater und Onkel sah er nie wieder. Ein serbischer Offizier notierte später im Kriegstagebuch seiner Einheit, 200 Muslime seien als Vergeltungsmaßnahme für einen getöteten Soldaten exekutiert worden.

Während Elvedin Pasic spricht, bekommt man eine Ahnung davon, welche Monstrositäten Ratko Mladic, dem ehemals mächtigsten serbischen Militär, in Bosnien-Herzegowina zur Last gelegt werden. Was juristisch-abstrakte Begriffe wie Völkermord, Deportationen, Vertreibungen, Vergewaltigungen und Terror wirklich bedeuten, welche Krater die so bezeichneten Gräueltaten in die Seelen der Überlebenden geschlagen haben.

Bestialisch war die Eroberung von Srebrenica am 11. und 12. Juli 1995, nachdem die Stadt dreieinhalb Jahre lang belagert und beschossen worden war. Einer der dort stationierten niederländischen Blauhelm-Soldaten berichtete später: "Es ist fürchterlich, was Menschen sich antun können. Die Verwundungen sind unterschiedlich. Schusswunden, abgeschnittene Ohren, Vergewaltigungen." Insgesamt 8000 Tote. Der größte Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Und weshalb?

Uneingeschränkter Hass auf alle Nicht-Serben

In seiner Eröffnungsrede hatte Ankläger Dermot Groome ausgeführt, welche menschenverachtende Strategie die serbischen Militärs und Politiker für Bosnien-Herzegowina entworfen hatten. Nüchtern und zynisch planten die Männer demnach, die muslimische Mehrheit der Bürger zu vertreiben oder zu töten, um homogene Serben-Gebiete zu etablieren. Ethnische Säuberungen, so nannte der US-Jurist das. Mladic selbst sagte einst: "Wer das Land hat, zeichnet die Karten." 400.000 Menschen wurden damals vertrieben.

Das Bild, das der Ankläger von dem einstigen Karrieremilitär Mladic entworfen hat, ist das eines zutiefst kaltherzigen Mannes, der kein Mitleid empfand und keine Zweifel kannte, der grenzenlos radikal war und beherrscht von uneingeschränktem Hass auf alle Nicht-Serben.

Aufgewachsen in einer ethnischen Enklave im multikulturellen Bosnien-Herzegowina, entwickelte sich Mladic zu einem brutalen Kriegstreiber, dessen Methoden zuweilen sogar den Serbenführer Slobodan Milosevic erschreckten. Mit Heckenschützen und wahllosen Granatangriffen ließ Mladic laut Anklage über Jahre hinweg die Bevölkerung Sarajewos terrorisieren. Und noch heute kursiert ein Film im Internet, der zeigt, wie Mladic in Srebrenica Süßigkeiten an Kinder verteilt, während seine Soldaten deren Väter zur Exekution führen.

Die Aussage des Kriegsopfers Pasic verfolgt der Angeklagte am Montag regungslos. Zuvor allerdings hatten seine Anwälte versucht, das Verfahren für sechs Monate auszusetzen. Sie argumentieren, die jüngst geänderten Regeln für Beweisanträge würden zu einem "extremen Ungleichgewicht" zwischen den Parteien führen, die Anklagebehörde sei dadurch im Vorteil. Staatsanwalt Groome kündigte an, am Dienstag zu den Vorwürfen der Verteidigung Stellung nehmen zu wollen.

Mladic weiß, dass die Zeit für ihn spielt

Mladic und sein Anwaltsteam setzen auf eine Taktik des unbedingten Verzögerns. Es sei ihm egal, sagte der Angeklagte zu Beginn des Verfahrens, ob der Prozess gegen ihn "fünf oder hundert Jahre" dauere. Der 70-Jährige weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Schließlich läuft das Mandat des Uno-Gerichts in einem Jahr aus. Und auch wenn das Tribunal gegen den Ex-General mit bereits bewilligten Sondermitteln noch einige Zeit fortgesetzt werden kann, schwinden die Kräfte der Strafverfolger.

Viele Mitarbeiter des belgischen Chefanklägers Serge Brammertz sehen sich mittlerweile nach Jobs mit längerfristiger Perspektive um. Aus dem Führungszirkel der Behörde wanderte bereits knapp die Hälfte der Elitejuristen ab, und auch die Gesamtzahl der Mitarbeiter wird sich im kommenden Jahr ganz erheblich verringern. Schon jetzt stehen viele Büros des Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunals leer.

Um das Riesenverfahren mit 413 Zeugen zu beschleunigen, wurde die Anklage zusammengestrichen. Die Strafverfolger wollen sich auf wenige besonders schwere Taten beschränken. Darunter sind der jahrelange Beschuss Sarajewos, das Massaker an muslimischen Jungen und Männern im ostbosnischen Srebrenica sowie die Geiselnahme von Uno-Blauhelmen, die zu "lebenden Schutzschilden" gegen mögliche Nato-Angriffe gemacht worden waren.

Doch die Tragödie zeigt sich nicht nur an diesen Schauplätzen, sondern auch in den menschlichen Schicksalen. "Ich wünschte", sagt Elvedin Pasic, seine Stimme bricht, ihm kommen abermals die Tränen. "Ich wünschte, ich hätte meinen Vater noch einmal gesehen."

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