Mladic vor Kriegsverbrecher-Tribunal Peinlicher Abgang des Generals

"Nein, nein, ich höre nicht zu": Der frühere Serben-General und mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic hat vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag für einen Eklat gesorgt. Der Vorsitzende Richter ließ ihn aus dem Saal entfernen. Protokoll eines Tumults.

AFP/ ICTY

Aus Den Haag berichtet


Das Gebäude, in dem das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag residiert, ist ein trostloser Klotz aus beigefarbenen Klinkersteinen: Es gibt zwei Türme, fünf Etagen, viele Antennen und Satellitenschüsseln, noch mehr gepanzerte Türen und Kontrollpunkte und Gänge und Treppen. Mehr als 1100 Menschen aus über 80 Ländern arbeiten hier - und manche verlaufen sich auch nach Jahren noch.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, kurz ICTY, am 25. Mai 1993 ins Leben gerufen mit der Resolution 827 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, soll hier Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsrechtsverletzungen und schwere Verstöße gegen die Genfer Konvention von 1949 ahnden. Es ist ein sehr großer Auftrag in einer schlichten Umgebung. Doch auch das Recht, so zeigt sich an diesem Montagmorgen, besteht nicht nur aus existentiellen Fragen, zuweilen geht es bloß um eine Mütze.

Auf der Anklagebank des Gerichtssaals 1 nimmt um kurz nach zehn Uhr der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic Platz. Wie bereits vor einem Monat, als er nach Festnahme und Auslieferung erstmals in Den Haag erscheinen musste, trägt er wieder einen grauen Anzug, ein graues Hemd und eine graue Kappe. Er salutiert im Sitzen.

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Den Haag: Mladic provoziert seinen Rauswurf
"Nehmen Sie bitte Ihre Mütze ab", sagt der Vorsitzende Richter Alphons Orie, ein gemütlich nuschelnder Niederländer mit schlohweißem Haar und Schnurrbart.

Keine Reaktion.

"Bitte, Herr Mladic, nehmen Sie Ihre Mütze ab! Sie sind außerdem eingeladen, die Kopfhörer aufzusetzen."

Keine Reaktion.

"Könnten Sie Herrn Mladic bitte dabei unterstützen, die Mütze abzusetzen", wendet sich Orie nun an die beiden bulligen Wachmänner an dessen Seite. Sie helfen gerne.

Doch so schnell gibt ein Ratko Mladic, immerhin Ex-General und leibhaftiger Held der serbischen Nationalisten, nicht auf. Er sei ein kranker Mann, barmt der 68-Jährige wenig heroisch: "Die Hälfte meines Körpers funktioniert nicht." Er brauche die Kappe, ihm werde sonst "kalt am Kopf". Er wolle damit jedoch nicht die Autorität des Gerichts untergraben.

Provokation durch abfällige Gesten und Blicken

Orie seufzt und kontert: Das Tribunal habe festgestellt, dass der Angeklagte gesund sei. Sollte aufgrund neuer Befunde das Tragen einer Kopfbedeckung im Saal notwendig sein, werde man sicherlich eine Lösung finden. "Und nun lassen Sie uns bitte fortfahren."

Doch daran scheint Mladic kein Interesse zu haben. Immer wieder fällt er dem Vorsitzenden ins Wort. Mit abfälligen Gesten und Blicken provoziert er die leidgeprüften Angehörigen der Opfer, die im Zuschauerraum sitzen und allmählich unruhig werden.

Er verlange andere Anwälte, ruft der Angeklagte, nicht diesen Pflichtverteidiger, den er kaum kenne. Ohne die Juristen seiner Wahl werde er gar nichts mehr sagen. "Sie können hier machen, was Sie wollen", ruft Mladic Richter Orie zu, der ihn - sehr höflich - mehrfach um Ruhe bittet und versucht fortzufahren.

"Nein, nein. Ich höre nicht zu", tönt Mladic nun und reißt sich die Kopfhörer vom Schädel. "Nicht ohne meine Anwälte. Lassen Sie meine Anwälte kommen, dann dürfen Sie sprechen", schreit er dem Gericht entgegen.

Da platzt auch Alphons Orie der Kragen. Er lässt den Angeklagten hinauswerfen. Auf den Zuschauerbänken schlagen jetzt die Emotionen hoch, es wird geschrien, geflucht und verdammt. Eine Alarmglocke schrillt. Wachmänner rennen in den Saal. Für einen Augenblick scheint es, als laufe der Prozess völlig aus dem Ruder.

"Er hat keine Reue gezeigt und will keine Gerechtigkeit"

Der Aufruhr legt sich ebenso schnell, wie er entstanden ist. Das Intermezzo täuscht jedoch für kurze Zeit darüber hinweg, welch monströse Verbrechen im Saal 1 des Kriegsverbrechertribunals eigentlich verhandelt werden sollen. Ratko Mladic ist unter anderem angeklagt:

  • des Völkermordes und Beihilfe zum Völkermord. Er führte die bosnisch-serbischen Truppen, die 1995 in Srebrenica ein Massaker an rund 8000 muslimischen Jungen und Männern anrichteten und zwischen 1992 und 1995 in Städten und Dörfern Bosniens sogenannte ethnische Säuberungen durchführten.
  • des Mordes an sowie der Folterungen, Vergewaltigungen, Vertreibung und illegaler Inhaftierung von Muslimen und Kroaten.
  • der Ausrottung, des Mordes und Tötungen von Nicht-Serben in Städten und Dörfern und der Heckenschützenattacken und des Bombardements während der 44 Monate dauernden Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo.
  • der Geiselnahme von militärischen Beobachtern und Soldaten der Friedenstruppen der Vereinten Nationen.

All das trägt Orie nun mit großem, fast heiligem Ernst vor, doch auf der Anklagebank hockt zu diesem Zeitpunkt nur noch ein gelangweilt wirkender Pflichtverteidiger. Und weil der aus dem Saal entfernte Ex-General sich bislang auch geweigert hatte, sich schuldig oder nicht schuldig zu bekennen, übernimmt das ebenfalls der Vorsitzende. Im Interesse des mutmaßlichen Kriegsverbrechers plädiert Orie in allen Anklagepunkten auf nicht schuldig.

"Er hat gezeigt, wer er ist und wie er ist", sagt die Überlebende des Massakers von Srebrenica, Hatidia Mehmedovic, nach dem Ende der Verhandlung. "Er hat keine Reue gezeigt und will keine Gerechtigkeit."

Das Tribunal wird nun die Qualifikation der von Mladic verlangten Anwälte prüfen und ihnen - sollten sie tatsächlich bestellt werden - ausreichend Zeit geben, um sich in das komplexe Verfahren einzuarbeiten. Bis zum nächsten öffentlichen Auftritt des Ex-Generals, der zurzeit in Scheveningen in Untersuchungshaft sitzt, dürfte einige Zeit vergehen. Sie könnte ihm lang werden.

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Student5 04.07.2011
1. Warum soll er sich seine Verteidiger nicht selbst aussuchen?
Ist es nicht ganz normal, daß der Angeklagte sich seine Verteidiger selbst aussucht? Und nachdem Gaddhafi angeklagt worden ist, der sicher nicht mehr Menschen unrechtmäßig getötet hat als viele andere Staatschafs (die der USA eingeschlossen) auch, kommen mir so langsam Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Offen gesagt: Er wird mir fast schon sympathisch. Hoffentlich kriegt er jetzt wenigstens die Verteidiger, die er sich ausgesucht hat.
Dominik Menakker, 04.07.2011
2. Kein Titel
So leid mir das tut. Punktsieg für den Verbrecher. Es sollte ein Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit sein, dass bereits VOR Verfahrenseröffnung den Angeklagten auch Wahlverteidiger vertreten. Dass die Bestellung von Wahlverteigern erst nach Verlesung der Anklageschrift "geprüft" wird ist ein Unding. Ich bin kein Freund von Mladic und Konsorten, ganz sicher nicht. Aber genau deswegen, weil sie quasi als "Ungeheuer", "Schlächter" sowieso schon vorverurteilt sind, muss sich penibelst an die Rechtsordnung gehalten werden, auch wenn das dann zu Verzögerungen und anderen Unerfreulichkeiten führen wird. Man kommt so einem Mann und solchen Vorwürfen nur über peinlichst genaue Rechtsstaatlichkeit bei. Jedes "Gschmäckle" an der Prozessführung führt automatisch zur Legendenbildung.
hman2 04.07.2011
3. Bei allen Schwächen die das internationale Strafrecht noch hat
Ich finde es trotzdem ein gutes Gefühl, dass wir den Diktatoren auf dieser Welt sagen können: Wir kriegen euch. Das dauert vielleicht lange, aber wir kriegen euch, wir lassen euch nicht davonkommen, eine gerechte Strafe wartet auf euch.
Dirk Ahlbrecht, 04.07.2011
4. ...
Das mit der Mütze kennt man sonst eigentlich nur aus Sendungen bei SPIEGEL TV im Zusammenhang mit der Situation beispielsweise an Berliner Schulen. Wächter, die den Schülern dort beim Mütze absetzen geholfen haben, gab es an den Berliner Schulen allerdings nicht. Schade eigentlich.
deberger, 04.07.2011
5. Symphatie
Zitat von Student5Ist es nicht ganz normal, daß der Angeklagte sich seine Verteidiger selbst aussucht? Und nachdem Gaddhafi angeklagt worden ist, der sicher nicht mehr Menschen unrechtmäßig getötet hat als viele andere Staatschafs (die der USA eingeschlossen) auch, kommen mir so langsam Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Offen gesagt: Er wird mir fast schon sympathisch. Hoffentlich kriegt er jetzt wenigstens die Verteidiger, die er sich ausgesucht hat.
Ja irgendwie symphatisch der Herr Mladic. Studenten von heute kann man auch in die Tonne treten.
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