Von Gil Yaron, Tel Aviv
Jihan Anastas erinnert sich noch genau an den Augenblick, an dem ihre Sucht begann: "Kurz bevor meine Großmutter starb, rief sie mich zu sich. Auf dem Sterbebett schenkte sie mir ihr Hochzeitskleid." Das ist bei Palästinensern eigentlich unüblich. Das Malak - also das "königliche" Hochzeitsgewand, ist das Prachtstück in der Garderobe einer verheirateten Frau.
Das Malak begleitet eine Palästinenserin durch ihr gesamtes Erwachsenenleben: Sie legt es zur Hochzeit an, trägt es zu religiösen Feiertagen und strahlt damit bei Familienfesten. Nicht einmal der Tod scheidet eine Frau von ihrem Malak, dient es doch traditionell auch als Leichengewand. Aber Jihans Großmutter "fand es schade, das gute Stück in der Erde verkommen zu lassen", also schenkte sie es ihr. "Seitdem bin ich süchtig und sammle traditionelle palästinensische Kleider", sagt Jihan.
Damit aus einem schönen Kleid ein Malak wird, wird es mindestens zwei Jahre mit goldenen Fäden in filigraner Handarbeit bestickt. Bei Christen schmücken Kreuze die Schultern, bei Muslima ein Halbmond. Rund um den Hals glitzern goldene, stilisierte Pfauen. Am hinteren Teil zieren komplexe Muster den "Deil", am Nacken nennt man die Stickereien "Kabeh", an den Seiten "Banaik".
"Palästinensische Kleider sind eine eigene Welt", sagt Jihan. Als Ausdruck lokaler Kultur und Statussymbol bieten sie nicht bloß Information über die Frau, die sie trägt, sondern sind gleichzeitig Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen, die über die Geschichte einer ganzen Nation Auskunft geben können.
Mit der Staatsgründung Israels 1948 wurden die Unterschiede zwischen den einmaligen lokalen Stilen verwischt. Hunderttausende Palästinenser flüchteten aus ihren Städten und Dörfern oder wurden vertrieben und lebten nun Seite an Seite in den Flüchtlingslagern der arabischen Staaten: "Dort entstanden Synthesen der alten Stile. Die Näherinnen benannten die neuen Stiche und Muster jetzt nach ihrem Schicksal, das zu ihrer Entstehung beigetragen hatte. Statt Namen typischer Muster aus Betlehem oder Nablus zu tragen, hießen sie jetzt 'Der Weg nach Syrien' oder 'Der Weg in den Libanon' - je nachdem, wohin man geflüchtet war", sagt Jihan.
Das gehört inzwischen der Vergangenheit an. Kaum jemand trägt noch traditionelle palästinensische Tracht: "Meine Großmutter trug sie noch jeden Tag, aber jetzt würde doch niemand mehr mein Kunde sein wollen, wenn ich so zur Arbeit käme! Die würden mich auslachen", sagt Jihan, die zum Interview in schwarzer Jeans und einem engen Pulli gekommen ist. Eine Spur von Trauer huscht über das fröhliche, runde Gesicht, das von pechschwarzem Haar eingerahmt wird. Dass die alten Kleider aus der Mode gekommen sind, liegt zum einen am gewaltigen Arbeitsaufwand für ihre Herstellung: Ein Malak wird jahrelang bestickt. Er kostet im Handel weit über 1800 Euro - "wenn man überhaupt jemanden findet, der einen verkauft", sagt Jihan.
Aber es gibt auch gesellschaftliche und politische Gründe für den Wandel.Palästina wird von einem Mode-Islamismus ergriffen, der längst nicht nur in den Islamistenhochburgen Gaza oder Hebron sicht- und spürbar ist: "In den achtziger Jahren lief ich in Betlehem noch ungestört im Minirock herum, aber diese Zeiten sind vorbei", sagt Jihan.
"Mit diesen schwarzen Kleidern verlieren wir unsere einmalige Identität"
Die bunten, frohen Farben von einst oder die rebellischen Miniröcke der siebziger und achtziger Jahre sind trüben Importen aus China oder der Türkei gewichen. Statt roten Ambars, farbenfrohen Malaks und roten Röcken verkaufen Palästinas Modegeschäfte schwarze, graue oder dunkelbraune, körperlange Jilbabs und Abayahs: "Diese Kleider haben nichts mit unserer Geschichte zu tun. Sie stehen für die Moral der arabischen Golfstaaten", sagt Jihan. Diese Kleider sollen "die Körperlinien der Frau, alle weiblichen Attribute ihrer Figur, verstecken. Es fällt mir sehr schwer, das zuzugeben, aber mit diesen schwarzen, sozusagen islamischen Kleidern verlieren wir langsam unsere einmalige Identität. Es ist eine völlig neue Identität, die sich unter unserer Nase ausbreitet, ohne dass es jemandem auffällt."
Unter den Abayahs, den züchtigen, amorphen Ganzkörperhüllen lassen Palästinas Frauen ihrer Weiblichkeit freilich weiter freien Lauf: "Es ist schon eigenartig: Mädchen ziehen Kopftücher an, und schminken sich dennoch in leuchtenden Farben. Unter der Abayah - eine Nebenerscheinung der Erstarkung islamistischer Widerstandsgruppen - tragen sie die hautengen Jeans und dünnen Blusen israelischer Modemarken. "Absurd!", sagt Fadi Kattan, ein avantgardistischer kettenrauchender Aktivist, der eher in ein Café im Quartier Montmartre als in die engen Gassen Betlehems zu passen scheint. Er wurde bereits vor Jahren von der Begeisterung seiner Mutter und Großmutter angesteckt und ist seither selber Experte für palästinensische Trachten.
"Jahrelang arbeitete ich mit einer jungen Akademikerin in Hebron zusammen. Sie trug Kopftuch, schwarze Abayah - eine brave Muslima", berichtet er. Eines Tages begegnete er in Betlehem auf einer Hochzeitsfeier einer äußerst aparten Frau, die ihm bekannt vorkam: "Es war dieselbe Mitarbeiterin aus Hebron, nur diesmal in atemberaubend kurzen Minirock, rotem Lippenstift und gebirgshohen Absätzen."
"Man passt sich halt an", sagt dazu Tariq Qayal, ein palästinensischer Journalist aus Hebron, und erklärt die Normen: "Betlehem ist der Modespielplatz des konservativen Hebron." Während man in der Hamas-Hochburg Hebron bei Hochzeiten streng auf die Geschlechtertrennung achte, seien die Feiern in der Geburtsstadt Jesu normalerweise gemischt. Nur zwanzig Kilometer von ihrem Haus entfernt, darf Tariqs Tochter "sich von mir aus richtig austoben. Aber in Hebron muss man sich züchtig kleiden."
Obwohl palästinensische Kleider immer länger, dröger und trüber werden, gibt es noch Gelegenheit, modisch Farbe zu bekennen: Beim Kaffeetratsch mit gleichgesinnten Freundinnen oder bei besonders feierlichen Ereignissen nutzt Jihan die Gelegenheit, eine ihrer 17 palästinensischen Trachten anzulegen.
Es ist für sie ein Weg, ihrer Umwelt zu zeigen, "wie stolz ich bin, eine Palästinenserin mit meiner eigenen Geschichte und Kultur zu sein."
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