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Mögliche Bodenoffensive: Israel droht mit Einmarsch im Gaza-Streifen

Israelische Truppen marschieren in Richtung Gaza-Streifen, auch Panzer wurden gesichtet: Nach massiven Bombardements auf Standorte der Hamas droht Israel jetzt mit dem Einmarsch. Der Uno-Sicherheitsrat fordert ein sofortiges Ende der Kämpfe.

Gaza/Tel Aviv - Nach den schwersten Luftangriffen seit Jahrzehnten erwägt Israel nach Informationen aus Militärkreisen auch einen möglichen Einmarsch im Gaza-Streifen. Mehrere hundert Soldaten seien auf dem Weg zur Grenze, teilten israelische Offiziere mit. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtete, israelische Panzer mit Reservisten hätten in einem an den Gaza-Streifen grenzenden Gebiet Stellung bezogen. Ein Armeesprecher wollte dies nicht kommentieren.

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak hatte in einem Interview des britischen Fernsehsenders Sky News gesagt, dass Israel mit Bodentruppen in den Gaza-Streifen einmarschieren würde, wenn dies notwendig sei. Die Operation solle "vertieft und ausgeweitet" werden. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte am Samstagabend, es gehe um "eine grundsätzliche Verbesserung der Sicherheitslage", und fügte hinzu: "Das kann einige Zeit dauern."

Israel hatte am Samstagvormittag mit den Luftangriffen auf Einrichtungen der Hamas im Gaza-Streifen begonnen. Nach Palästinenserangaben kamen dabei über 270 Menschen ums Leben, 300 bis 750 Personen seien verletzt worden. Eine offizielle Bestätigung für diese Zahl gab es jedoch nicht. Israelische Medien berichteten, mehr als 100 Tonnen Sprengstoff seien am Samstag auf den Gaza-Streifen abgeworfen worden.

Anhänger der islamistischen Organisation Hamas feuerten am Nachmittag mit selbstgebauten Raketen zurück. Nach israelischen Polizeiangaben schlugen mehr als 30 selbstgebaute Geschosse auf israelischem Boden ein. Am Sonntag griffen Extremisten mit einer Rakete von bisher nicht erreichter Reichweite an . Das Geschoss explodierte 38 Kilometer weit von der Grenze des Gazastreifens in der Nähe der Stadt Aschdod. Bisher waren die weitesten aus dem Gazastreifen erreichten Ziele die Ortschaften Aschkelon und Netivot gewesen. In Netivot kam am Samstag ein Bewohner ums Leben, sechs wurden verletzt.

Der im Exil lebende Chef der islamistischen Hamas, Chalid Maschaal, forderte in einem Interview mit dem Fernsehsender al-Dschasira. eine neue Intifada gegen Israel. "Der Widerstand wird sich mit Selbstmordaktionen fortsetzen", sagte Maschaal.

20 neue Bombardements in der Nacht

Die israelische Luftwaffe hat am Sonntagmorgen ihre Angriffe im Gaza-Streifen fortgesetzt. Der israelische Rundfunk berichtete von rund 20 Luftangriffen in der Nacht zum Sonntag. Der israelische Armeesender meldet, in der Nacht seien in mindestens fünf Fällen Gruppierungen getroffen worden, die Raketen auf Israel abfeuern wollten. Ein Armeesprecher bestätigte einen Bericht des TV-Senders al-Dschasira, laut dem eine Moschee in Gaza getroffen worden sei. In dieser hätten sich "Terroristen" verschanzt, sagte der Sprecher.

Nach Angaben von Augenzeugen wurde ein Tanklastwagen in der Nähe von Rafah an der Grenze zu Ägypten getroffen, der in Flammen aufging. Mehrere umliegende Häuser hätten daraufhin ebenfalls Feuer gefangen. Der Radiosender der im Gaza-Streifen herrschenden Hamas berichtete von mehreren Todesopfern und Verletzten, was aber von den Krankenhäusern in der Gegend zunächst nicht bestätigt wurde.

Sicherheitsrat fordert sofortiges Ende der Kämpfe

Der Uno-Sicherheitsrat forderte von Israel und der islamistischen Hamas ein sofortiges Ende der Kämpfe im Gaza-Streifen. Die 15 Mitglieder des Gremiums riefen am Sonntag in New York in einer nicht bindenden Erklärung zu "einer sofortiger Einstellung aller Gewalt" auf. Die Konfliktparteien müssten "sofort alle militärischen Aktivitäten stoppen", hieß es in der Stellungnahme, die der derzeitige Vorsitzende des Sicherheitsrats, der kroatische Uno-Botschafter Neven Jurica, verlas.

Die Dringlichkeitssitzung war auf Antrag Libyens, des derzeit einzigen arabischen Mitglieds im Uno-Sicherheitsrat, einberufen worden. Libyen forderte eine Präsidialerklärung des Rates aus. Nach mehreren Einwänden im Rat schlug Russland eine Presseerklärung vor, die ein geringeres Gewicht hat und nicht in die offiziellen Akten des Rates aufgenommen wird.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich alarmiert über die Gewalt und das Blutvergießen im Gaza-Streifen und verurteilte die "exzessive Anwendung von Gewalt" von Seiten Israels. Ban forderte die unverzügliche Einstellung jeglicher Gewalt in der Region und telefonierte unter anderem mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert, dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und US-Außenministerin Condoleezza Rice.

Israel verteidigt Bombardements

Israel verteidigte die Bombardements in einem dringenden Brief an Ban und den Präsidenten des Sicherheitsrates. Man unternehme notwendige Militäraktionen, um die Zivilbevölkerung vor Terrorangriffen der Hamas aus dem Gaza-Streifen zu schützen, argumentierte die israelische Uno-Botschafterin Gabriela Shalev. Hamas trage die alleinige Verantwortung für die Vorkommnisse. Israel habe zuvor alle Mittel ausgeschöpft, um zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Die Operation richte sich allein gegen Terroristen und ihre Infrastruktur.

Auch der israelische Armeesprecher Benjamin Rutland rechtfertigte die Luftangriffe am Samstag als Verteidigung. Ziel sei es gewesen, den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen zu minimieren. Dort leben 125.000 Israelis mit der ständigen Gefahr, bei einem Angriff getötet zu werden. Die Vorwarnzeit bei einem Angriff liegt in einigen Städten und Kibbuzim bei lediglich 15 Sekunden. Seit Sommer 2005 - dem Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen - seien mehr als 7000 Raketen und Mörsergranaten in Israel eingeschlagen, sagte Rutland. "Kein Land in der Welt würde oder sollte Angriffe dieser Art tolerieren."

Gaza droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken

Weltweit reagierten Regierungsvertreter auf die erneute Eskalation im Gaza-Streifen mit Bestürzung. "Der Gaza-Streifen droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) der "Bild am Sonntag". Generell billigte er Israel allerdings das Recht auf Selbstverteidigung zu. Ban Ki Moon, Generalsekretär der Uno, rief zu einem "sofortigen Stopp aller Gewalt" im Gaza-Streifen auf.

In der arabischen Welt lösten Israels Angriffe Empörung aus. In Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon kam es am Samstag zu Protestkundgebungen von Exil-Palästinensern. In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten Hunderte Demonstranten vor der dortigen Niederlassung der Vereinten Nationen.

Hilfsorganisationen, darunter Medico International und Oxfam, warnten vor verhängnisvollen Folgen der Gewalt im Gaza-Streifen. Die medizinische sowie die Wasser- und Stromversorgung könnten vollständig zum Erliegen kommen, erklärte Oxfam-Direktor Jeremy Hobbs.

ssu/AFP/AP/dpa

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